Nr. 14/2017 vom 06.04.2017

Dem Lieblingsonkel einen Trick beibringen

Ein europäischer Sonderweg via Brexit erweckt den Anspruch und die Illusion der nationalen Souveränität. Das kennen wir zur Genüge aus der Schweiz. Gelegenheit für einen Vergleich zweier Staaten und ihrer insularen Denkweisen.

Von Stefan Howald

Ein solcher Verfassungszusatz käme teuer zu stehen, durch Rechtsunsicherheit und Nachverhandlungen: Zu diesem Schluss kommt ein Economiesuisse-Gutachten bezüglich der SVP-Initiative «Landesrecht vor Völkerrecht», das am Erscheinungstag dieser WOZ veröffentlicht wird. Mit beiden Hypotheken noch schwerer belastet sieht sich Britannien, da es sich von der EU trennen will. Rund 20 000 Verordnungen und Gesetze sind bei einer Scheidung betroffen. Aussenminister Didier Burkhalter klingt dazu wie die Ansage beim Aussteigen aus der Londoner U-Bahn: «Mind the gap», Vorsicht vor der Lücke. Deshalb stehe der Bundesrat für schnelle Verhandlungen mit Britannien bereit.

Seit einigen Jahren produziert die Schweiz unerwartete Exportgüter. Da ist der Rechtspopulismus samt Sujets für fremdenfeindliche Plakate. Da ist das Mittel der Volksinitiative, die nun auch von der AfD entdeckt worden ist. Und dann haben englische Brexit-VertreterInnen, als sie den Austritt Britanniens aus der EU verfochten, auch noch medienträchtig vom Schweizer Weg abseits der EU geschwärmt.

Fussball für Konfekt

Wenns konkret wird, sieht es freilich anders aus. Der erwogene Anschluss Britanniens an die Europäische Freihandelsassoziation (Efta) hat sich mittlerweile als jene Schnapsidee verflüchtigt, die er immer war. Die wirtschaftliche Grossmacht braucht schliesslich keine Abkommen mit Liechtenstein und Norwegen, sondern mit China und den USA. Dafür kann der bilaterale Pfad der Schweiz durchaus verlockend leuchten. Sie hat ja als Pionierin einen Freihandelsvertrag mit China abgeschlossen.

Oder wie wäre es mit einem Steuerparadies vor dem Festland – nicht bloss Jersey, sondern ganz England (ohne störrische SchottInnen)? In Sachen Steuerprivilegien zeigen sich allerdings gegensätzliche Trends. Hier ist die Schweiz international seit langem unter Druck und hat die Fähigkeit zur Eigeninitiative eingebüsst.

Eben dieser autonome Handlungsspielraum aber liegt jeder Imagination einer nationalen Sonderrolle zugrunde. Die Erwartung, man werde die Geschichte schon steuern können, und zwar alleine, bitte schön. Darin sind sich die beiden Länder ähnlich. Britannien ist schliesslich eine Insel – und die Schweiz stellt sich vor, eine Insel zu sein. Umbrandet von fremden Mächten, alleine, auf sich gestellt.

Tatsächlich existieren langjährige reale Beziehungen. BritInnnen erfanden den Wintertourismus in den Alpen, halfen bei der Industrialisierung, exportierten den Fussball in die Schweiz; im Gegenzug erhielten sie einen Entwurf für die Uhr am Big Ben und Tessiner Konfekt sowie das Swiss Cottage, dessen Baustil einst exotisch war und das einer Londoner U-Bahn-Station weiterhin seinen Namen verleiht. Ja, die Beziehung vollzieht sich nicht zwischen Gleichen. Die Schweiz ist der bewundernde Neffe, der dem Lieblingsonkel zuweilen einen Trick beibringen kann. Am stärksten gleicht man sich in einer Mentalität: insulares Denken. Dieses geht in zwei Richtungen. Einerseits gilt das eigene Land als selbstgenügsamer Mittelpunkt eines Universums, dominieren die Nabelschau, der Rückzug, die «splendid isolation» und das «Réduit». Andererseits wirkt der Anspruch, nach aussen zu wirken, als Vorbild, mit Sendungsbewusstsein und Gottesgnadentum.

Die EU von links

Britannien hat ein paar handfestere Gründe mehr, insular zu denken. Doch erliegen auch viele BritInnen imaginären Identitäten. Geschürt werden sie von EU-feindlichen Medien in einer Weise, wie sie bei uns kaum vorstellbar ist. Selbst die politisch unverdächtige BBC trägt zu einem Klima der Abgrenzung bei. In ihren Soap-Operas sind die minoritären Ethnien aus dem Commonwealth mittlerweile schön paritätisch vertreten, Kontinentaleuropa gibt es nur als Feriendestination. In den Spitalserien, die realistisch Privatisierungstendenzen thematisieren, kommen jene nicht vor, die das englische Gesundheitswesen vor dem Kollaps bewahren: das Pflegepersonal aus der EU. Die Abwehr der anderen geschieht so durch Verschweigen.

Und jetzt wird also der Ursprungsmythos einer neuen nationalen Souveränität beschworen. Was verloren ging, soll wieder gewonnen werden. Das ist in der globalisierten Wirtschaft eine Schimäre – sie gewinnt jedoch imaginäre Kraft, wenn sie konkretisiert wird: bei der Migration, also bei der Personenfreizügigkeit.

Insulares Denken als Mentalität äussert sich je nach sozialer Lage und Interessen unterschiedlich. Abgewehrt wird unten, was am direktesten auf den Leib rückt: der polnische Handwerker, nicht die indische IT-Spezialistin. Für die Wirtschaftskreise oben hingegen ist das Sendungsbewusstsein des insularen Denkens vom Isolationismus entkoppelt. Deshalb wird sich die City, der Londoner Finanzplatz, der gegen den Brexit war, mit diesem einrichten können: Unsicherheit schafft Gelegenheiten fürs schnelle Geld.

Noch eine Parallele zur Schweiz gibt es: die Schwierigkeit der Linken, eine Haltung gegenüber der EU einzunehmen. Labour sieht sich gegenwärtig durch diese Frage paralysiert. Die – plausible – Position von Labour-Chef Jeremy Corbyn, man könne nicht uneingeschränkt für die EU sein, hat vor dem Referendum beide sozialen Blöcke innerhalb der Partei, ArbeiterInnen wie Mittelstand, verärgert. Jetzt braucht es klare Themen und klare Positionen. Was den Wert flankierender Massnahmen betrifft: Da könnte die Schweiz England durchaus einen Trick beibringen.

WOZ-Redaktor Stefan Howald hat schon 2004 ein Buch zum Thema geschrieben: «Insular denken. Grossbritannien und die Schweiz». Der im NZZ-Verlag erschienene Band ist nur noch antiquarisch erhältlich.

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