Nr. 20/2017 vom 18.05.2017

«Ich bin nicht zufällig oder aufgrund meiner Begabung Schriftsteller geworden»

Er komponiert Texte wie Partituren: Warum der in Graz lebende kongolesische Autor Fiston Mwanza Mujila sein Buch auf Französisch verfasst hat, wie deutsche SchriftstellerInnen sein Schreiben prägen und warum er sich nicht als engagierter Autor versteht.

Von Felix Schneider

Fiston Mwanza Mujila, Schriftsteller: «In meinem Land kann die Schriftstellerei nichts verändern.» Foto: Leonhard Hilzensauer/Paul Zsolnay Verlag

Schreiben ist keine Arbeit und Schriftsteller kein Beruf, jedenfalls nicht in Lubumbashi, der Hauptstadt der südkongolesischen Provinz Katanga, dort also, wo der Schriftsteller Fiston Mwanza Mujila 1981 geboren wurde. Lubumbashi ist eine typische Minen- und Bergbaustadt. In der Kolonialzeit verschleppte die belgische Verwaltung Arbeitskräfte aus halb Afrika nach Katanga, und mit der Zeit entwickelte sich in Lubumbashi eine Bergbaukultur, die man Kasi nennt. Abgebaut werden Bodenschätze wie Kupfer, Kobalt, Uran, Coltan und Diamanten. Zentraler gesellschaftlicher Wert ist hier die körperliche Arbeit. Zu Ansehen kommt eine Person, egal ob Frau oder Mann, über angemessene Arbeit. In der fernen Hauptstadt Kinshasa kann Schriftstellerei als Beruf gelten, in Mujilas Geburtsort Lubumbashi nicht. Überhaupt besteht die riesige Demokratische Republik Kongo aus sehr verschiedenen Welten. In Lubumbashi ist man sesshaft und ortsbezogen, in Kinshasa herrscht Sehnsucht nach der Ferne. Mujila erläutert die Unterschiede an einem sprachlichen Beispiel. In Lingala, der Sprache, die in Kinshasa gesprochen wird, gibt es etwa vierzig Ausdrücke für Europa: das Paradies oder «Da wo Milch und Honig fliessen». In Lubumbashi gibt es ein einziges Wort für Europa, und das bedeutet: weit weg.

Eine Bibliothek zu Hause

Weit weg? In der Tat liegen Katanga und Europa weit auseinander – und sind doch gleichzeitig vielfach miteinander verbunden, im Guten wie im Schlechten: Der Schweizer Journalist hat den kongolesischen Autor beim Chinesen im österreichischen Graz getroffen und sich mit ihm auf Französisch unterhalten. Der Roman «Tram 83», der, wenn auch verfremdet, von Lubumbashi erzählt, ist ein weltweiter Erfolg. Vier englische Verlage haben ihn in den USA, in Indien, Australien und Britannien veröffentlicht. Er erscheint nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Italienisch, Schwedisch und Niederländisch, auf Katalanisch, Serbisch und Griechisch, auf Dänisch, Litauisch und Hebräisch. «Wir sind ganz gut integriert», sagt Mujila lächelnd. «Es ist nicht nur so, dass wir als Flüchtlinge nach Europa kommen. Es gibt gegenläufige Einflüsse. Viele Reiche und Geschäftsleute kommen zu uns: als gewinnorientierte Touristen sozusagen. Die Aktionäre unserer Minen sitzen in aller Welt und müssen gar nicht ins Land kommen, um ihren Einfluss auszuüben. Handel aller Art funktioniert. Das Uran für die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki kam aus dem Kongo. Das Coltan für Handys wird zu sechzig Prozent in Katanga abgebaut. Und der Kupferpreis wird auch nicht in Kinshasa gemacht. Er sinkt zurzeit. Und wenn der Kupferpreis sinkt, wird bei uns nicht mehr geheiratet, denn die Mitgift kostet Geld. Wenn der Kupferpreis sinkt, gehen die Leute nicht mehr zum Arzt, denn der Arzt kostet Geld. Wenn der Kupferpreis sinkt, schicken die Eltern ihre Kinder nicht mehr in die Schule, denn die Schule kostet Geld.»

Wie konnte Mujila Schriftsteller werden, obwohl er in Lubumbashi geboren wurde? Er sagt: «Ich bin nicht zufällig oder aufgrund meiner Begabung Schriftsteller geworden, sondern weil ich aus einer Familie komme, die mir den Zugang zu Bildung und zu einer Bibliothek ermöglicht hat.» Er kommt aus einer katholischen Familie von Geschäftsleuten und Händlern. Sein Grossvater besass Nachtlokale und Bars, sein Vater ebenfalls, arbeitet aber auch als Buchhalter, Banker und in anderen Berufen. Seine Mutter betrieb zeitweise einen Tante-Emma-Laden. Beide, Vater wie Mutter, schufteten sich krumm, um ihren acht Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Fiston Mujila ist ihnen bis heute dankbar dafür, dass sie ihm den einzigen Weg eröffneten, der im Kongo zu einer Schriftstellerexistenz führen kann: Sie schickten ihn auf kostspielige Missionarsschulen, in denen er Französisch lernte, und sie boten ihm zu Hause einen Zugang zu Büchern. Der Vater war ein Leser! Fiston Mujila hat zwar, als er noch im Land war, auch auf Suaheli geschrieben. Aber auf Suaheli schreiben heisst auf Förderung, Verleger, Übersetzerinnen und Lesestoff verzichten. Fazit: Lesen lernt man in der Schule, die Schule kostet Geld, und die Schule ist französisch.

Prestige, höhere gesellschaftliche Positionen und eine Öffnung zur Welt gibt es nur für Französischsprechende. Mujilas Eltern entschieden deswegen, dass ihre Kinder mit dem Vater Französisch und mit der Mutter Suaheli sprechen sollten. Der Roman «Tram 83» zirkuliert im Kongo nur in der französischen Originalversion und wurde sogar zum Gegenstand von Examens- und Doktorarbeiten. Das Buch ist allerdings für dortige Begriffe teuer, sehr teuer sogar.

Lernen, mit Einsamkeit umzugehen

Als Mujila zu schreiben anfing, gab es dafür zwei Gründe: seine Schüchternheit – der scheue Junge kommunizierte mit Freunden und der Familie lieber über Texte – und den Jazz. Er liebte den Jazz, hatte aber in seiner Geburtsstadt keine Möglichkeit, ihn zu spielen. Da entdeckte er, dass Sprache ein Musikinstrument sein kann. Er begann, Texte wie Partituren zu komponieren. Bis heute wendet er beim Schreiben musikalische Verfahren an: Leitmotive, Polyfonie, Rhythmus als strukturierendes Prinzip. Nicht nur der Jazz, auch andere Musikformen wie der Rumba oder der altafrikanische Lob- und Festgesang Kasàlà haben seine Texte und seine Rezitationsweise beeinflusst. Bei öffentlichen Auftritten nutzt er seine Texte als Grundstrukturen und flechtet Improvisationen und Variationen ein. Seine raue Stimme erinnert dabei an eine gestopfte Trompete.

Fiston Mujila kam erst nach seinem Studium mit bereits 27 Jahren nach Europa, nach Belgien zuerst, danach, dank der Heinrich-Böll-Stiftung, nach Deutschland. 2009/10 wurde er Stadtschreiber in Graz, wo er bis heute lebt. Da er aus einer Grossfamilie kommt, musste er in Europa zuerst lernen, mit der Einsamkeit umzugehen. Und wenn man ihn heute fragt, ob er ein österreichischer oder ein kongolesischer Schriftsteller sei? Oder vielleicht ein afrikanischer? Ein katangischer? Ein europäischer? Auf diese berühmt-berüchtigte Identitätsfrage antwortet Mujila: «Ich betrachte mich als kongolesischen Schriftsteller, der in Frankreich, Belgien und Deutschland gelebt hat und heute in Österreich lebt.»

Und das ist nicht unbedacht dahergesagt. Mujila lehnt kollektive Labels für sich ab. Auch der gegenwärtig beliebte Begriff «Afropolitan», der ein afrikanisches Bewusstsein im Zeitalter der Globalisierung bezeichnen will, gebe, so findet er, nicht genau genug die individuelle, spezifische Erfahrung wieder. Schliesslich sei es doch ein riesiger Unterschied, ob jemand als afrikanischer Autor französischer Sprache in Wien, in Paris oder in Kinshasa lebe. Je nachdem sei er doch ganz unterschiedlichen Dynamiken ausgesetzt. Mujila gebraucht dafür das Bild von einem Haus, dessen Türen und Fenster er öffne, um die Menschen und Einflüsse der Umgebung hereinzulassen. Da, wo er lebt, derzeit in Graz, öffnet er sich der einheimischen Literatur, den lokalen Debatten, dem literarischen Leben vor Ort.

Wie vom Kongo erzählen?

Fiston Mujila wählt seine Lektüren sehr bewusst. Er hat sich eine präzise «généalogie littéraire», einen genauen literarischen Stammbaum, erarbeitet. Zu den frühen Einflüssen auf sein Schreiben und Denken gehören eine Reihe französischer und afrikanischer AutorInnen. Unterdessen aber hat er seine Türen der deutschen und österreichischen Literatur geöffnet. So ist zum Beispiel Peter Handke für ihn wichtig wegen der Art, wie er Sprache behandelt. Mujila betont allerdings: «Ich bleibe bis ans Ende meiner Tage der Sohn meiner Mutter und das Kind von Lubumbashi, aber gleichzeitig kann ich mich der Welt öffnen. Ich kann mit allen Kulturen Bekanntschaft schliessen und bleibe doch immer, der ich bin. Ich betrachte Graz als meine zweite Geburtsstadt.»

Mujilas Hauptproblem, seine Grundfrage ist: Wie kann man vom Kongo erzählen, von diesem zerstörten Land voller Gewalt? Er fällt hier, wo er vom Kongo als Thema seiner Literatur spricht, sofort in eine seiner Aufzählungslitaneien, die auch in seinem Roman erklingen: «Der Kongo ist ein Körper, in dem das Herz nicht mehr funktioniert. Der Kongo ist ein Körper, in dem der Sex nicht mehr funktioniert. Der Kongo ist ein Körper, in dem das Gehirn nicht mehr funktioniert. Der Kongo ist ein Körper, in dem die Instinkte nicht mehr funktionieren. Aber der Kongo ist ein Körper, der noch lebt.» Wie spricht man vom Kongo? Bei der Beantwortung dieser Frage hätten ihm die Trümmerliteratur und die Literatur der Gruppe 47 geholfen.

Viele deutsche AutorInnen hätten nach 1945 ebenfalls von einem zerstörten, gewaltdurchdrungenen Land erzählen wollen, einem Land, das am Boden gelegen habe wie der Kongo. Mit Interesse hat der Kongolese studiert, wie Heinrich Böll realistische und Günter Grass in der «Blechtrommel» surrealistische Mittel einsetzte, um von diesem kaputten Deutschland zu sprechen. Krieg, Chaos und Enttäuschung – Themen, die ihn brennend interessierten – fand er auch im Roman «Die grössere Hoffnung», den die österreichische Autorin Ilse Aichinger 1948 veröffentlicht hatte, oder bei Siegfried Lenz. «Diese Werke nehmen einen zentralen Platz in meinen Gedanken zur Literatur und in meinem Werdegang als Schriftsteller ein», sagt er.

Fiston Mujila betrachtet sich nicht als engagierten Schriftsteller. Er sagt: «In meinem Land kann die Schriftstellerei nichts verändern.» Wo die Sprache des Regimes die Gewalt ist, hat das engagierte Schreiben keinen Platz. Man schreibt vielleicht für morgen, für sich, für wenige Freunde. Mujila schlägt als Konzept «responsabilité» vor: Verantwortung, Verantwortlichkeit. Während sich Engagement nur auf das Schreiben beziehe, verpflichte uns die Verantwortung auch im Alltag. Als er noch im Kongo lebte, arbeitete er mit Strassenkindern und Kindersoldaten. In Österreich organisierte und animierte er Schreibwerkstätten in Justizvollzugsanstalten. Zu solchen Aktivitäten fühlt er sich verpflichtet in der tiefen Überzeugung, dass der Schriftsteller seinen Worten Taten hinzufügen muss, und er vermutet, dass diese Auffassung eine Spätwirkung des Kasi ist, der Bergbaukultur seiner Heimat Katanga, wo Schreiben nicht als Arbeit gilt.

Der Autor liest in Solothurn am Fr, 26. Mai 2017, um 11 Uhr, am Sa, 27. Mai 2017, um 12 Uhr und 16.30 Uhr und am So, 28. Mai 2017, um 15 Uhr.

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