Nr. 20/2017 vom 18.05.2017

Die letzte Zärtlichkeit

In «Hundert Tage mit meiner Grossmutter» besucht ein Enkel seine Grossmutter täglich und lauscht ihren Weisheiten und ihrer Lebensgeschichte.

Von Hans Ulrich Probst

Francesco Micieli, Wahlberner mit Wurzeln in der einst albanisch besiedelten italienischen Bergregion Kalabriens, hat in schmalen Büchern mit schönen Titeln wie «Ich weiss nur, dass mein Vater grosse Hände hat» oder «Das Lachen der Schafe» in poetischer Prosa von Familie, Migration, von Fremdheit und Sterben erzählt.

Nicht anders in seinem neuen Stück Fiktion «Hundert Tage mit meiner Grossmutter»: Eine Grossmutter träumt im Pflegeheim, sie habe noch hundert Tage zu leben, und bittet ihren Enkel, den 22-jährigen Mario, sie täglich zu besuchen. Dafür verspricht sie, ihm ihre Lebensweisheit weiterzugeben. Mario fährt also mit seiner Vespa täglich ins Pflegeheim und notiert, was ihm von den Besuchen bleibt. «Was schreibst du da?», fragt die lebenskluge Nonna einmal, und er weicht aus: «Nichts, sagte ich, nur so Sätze. Nichts.» Doch was für Sätze! Sie sind Zeugnisse einer wunderbaren Beziehung und schreiben dagegen an, dass die eigenwillige Alte «im grossen Meer des Vergessens» untergeht.

In knappen Szenen – unsentimental und nicht ohne Humor erzählt – erfahren wir vom Alltag der Grossmutter im Heim, von ihrem vergangenen Leben, von der Liebe des Grossvaters, der als Soldat im Weltkrieg enorm unter der Trennung litt, und auch vom grössten Tabu ihres Lebens: dem allzu frühen Tod von Marios Eltern.

Micieli gelingen berührende Sprachbilder, wenn er etwa die Hände der Sterbenden beschreibt: «Die Hände waren eine Landschaft aus Arbeit und Berührungen. Sie kamen mir wie ein alter Plan zu einem verborgenen Schatz vor.»

Dabei changiert die Erzählung zwischen Realismus und magischer Überhöhung. Eine letzte Reise nach Paris scheitert an den schwindenden Kräften der Grossmutter – so brechen sie stattdessen nach Thun auf. Dort wird der Thunerseestrand im Nebel einer Epiphanie gleich zum Meer, wo der Wind alles aufmischt und das Aufklatschen der Wellen beim Erzähler «die Gewissheit einer immer wiederkehrenden Bindung mit unserem Ursprung auslöst. Der Wind trug auch den Freudenschrei meiner Grossmutter hinüber: Jetzt sterben!» Danach wird es nur noch eine Reise geben – deren Abschluss Mario kennt: «Die Asche ist alles, was auf dieser Seite bleibt.»

Mit seinem zärtlichen Porträt einer Grossmutter und der behutsamen Begleitung des unausweichlichen Übergangs ist dem Autor einer seiner eindringlichsten Texte geglückt.

Der Autor liest in Solothurn am Fr, 26. Mai 2017, um 10 Uhr und am Sa, 27. Mai 2017, um 13.30 Uhr.

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