Nr. 23/2017 vom 08.06.2017

Die Toten verändern nichts

Sie wuchsen als Kinder in einer verfeindeten Gesellschaft auf und griffen selbst zu den Waffen – bis sie ihre Haltung änderten. Lizzie Doron porträtiert in «Sweet Occupation» fünf Mitglieder der israelisch-palästinensischen Gruppe Combatants for Peace.

Von Rahel Locher

Ein Plädoyer dafür, dass «Feinde» und «Verräter» zu neuen Freunden werden können: Mitglieder der Combatants for Peace bei einem «Freiheitsmarsch» im Juli 2016. Foto: cfpeace.org

«Erzähle, dass wir lieben, weinen, lachen, frustriert und nervös sind, dass wir hoffen, ich weiss nicht, was – schreib, dass auch meine Mutter salzige Tränen weint, schreib, dass auch wir nicht gerne sterben.» Der Palästinenser Mohammed Owedah ist einer von fünf Männern, die die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron in ihrem neuen Roman «Sweet Occupation» porträtiert. Als Kind muss Owedah die Allgegenwärtigkeit der israelischen SoldatInnen ertragen und bekommt immer nur zu hören, dass er vorsichtig sein solle. Später realisiert er, dass es für ihn keinen Kindergarten gibt. Und keine Schule. Keinen Personalausweis. Kein Land. Keinen Ort, an den er gehen kann. Schliesslich wirft er eine Brandbombe auf einen Militärjeep.

Ein Terrorist also, zumindest in der israelischen Nomenklatur. Owedah brachte Lizzie Doron erst auf die Idee, einen Roman über die Gruppe Combatants for Peace zu schreiben, zu der vormals als TerroristInnen verurteilte PalästinenserInnen sowie ehemalige israelische SoldatInnen, die später zu WehrdienstverweigerInnen wurden, gehören. Von Mai 2014 bis April 2015 traf sich die israelische Autorin mit fünf Mitgliedern der Gruppe, alle zwischen 42 und 62 Jahre alt und alle für eine längere oder kürzere Zeit ihres Lebens im Gefängnis – weil sie Gewalt anwendeten oder gerade dies verweigerten. Suliman al-Khatib zum Beispiel wird mit vierzehn Jahren verurteilt, weil er auf israelische Soldaten einstach – er muss zehn Jahre absitzen.

Lizzie Doron schildert als Ich-Erzählerin die Begegnungen, die von den Lebensgeschichten der «Friedenskämpfer» ebenso handeln wie von deren aktuellem Kampf um gegenseitiges Verständnis. Doron gibt in «Sweet Occupation» in erster Linie ihren Gesprächspartnern Raum, die zwar Schreckliches zu berichten haben, aber nie jammern. Gleichzeitig verhandelt die 63-Jährige ihre eigene Biografie – wie die ihrer Gesprächspartner ist sie voller Verluste.

Kein Verlag in Israel

Vierzehn Jahre alt ist Doron, als sie am Lagerfeuer sitzt und Kampflieder singt. Ihre Freunde verkünden, dass sie alle zu einer kämpfenden Einheit gehen wollten, zur Luftwaffe, zur Panzerbrigade. Die Begeisterung der Jugendlichen für das Militär ist deutlich spürbar. Zum Beispiel in Dorons Reaktion, als ihr Jugendfreund Rafael ihr eröffnet, dass er bei der Panzereinheit angenommen wurde: «Eine Welle des Glücks schlug über mir zusammen.» Doch Rafael sollte den Jom-Kippur-Krieg 1973 nicht überleben, ebenso wenig wie andere aus der Freundesgruppe. Heftige Gefühle kommen hoch, wenn Doron sich im Lauf des Buchs an diese Toten erinnert.

Chen Alon leistete seinen Dienst ebenfalls als Panzerbrigadist der israelischen Armee – in palästinensischen Flüchtlingslagern während der Ersten Intifada (1987–1993): «Dutzende Male, vielleicht Hunderte, bin ich in Häuser eingedrungen, habe an das Recht geglaubt, habe Gefühle gegen Ideen getauscht.» Eine Szene brennt sich für immer in sein Gedächtnis: dieser zehnjährige Junge, den er unter dem Bett hervorzieht, mit verzerrtem Mund, am ganzen Körper zitternd. Es sollte noch einige Jahre dauern, bis Alon während der Zweiten Intifada zum Wehrdienstverweigerer werden sollte. Inzwischen ist er Vater geworden. Wenn er abends heimkehrt, riecht er, wie damals in den durchkämmten Häusern, den Geruch des schlafenden Hauses – und denkt, «dass es ein fucking Kriegsverbrechen ist, Kinder mitten in der Nacht zu wecken». Die ehemaligen Kämpfer werden sowohl durch die Gewalt verfolgt, die sie angewendet, als auch durch jene, die sie erlitten haben.

Chen Alon hat das Café schon verlassen, als Doron einen Gast am Nachbartisch zischen hört: «Er ist berufsmässiger Verweigerer, einer von diesen Scheisstypen.» Längst nicht alle haben ein Problem damit, dass Kinder mitten in der Nacht geweckt werden.

Der israelische «Refusenik» Chen Alon gehört, wie der ebenfalls von Doron interviewte Palästinenser Suliman al-Khatib, zu den Gründungsmitgliedern der Combatants for Peace. Die seit 2006 bestehende Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, «den Konflikt durch die Beendigung der israelischen Besatzung und aller Formen von Gewalt zwischen den beiden Seiten zu transformieren und zu lösen sowie eine friedliche Zukunft für beide Völker aufzubauen». Die Combatants gehören zu den wenigen Gruppen, in denen palästinensische und israelische Menschen gemeinsam für eine Veränderung eintreten – dies ist tatsächlich bemerkenswert in der stark segregierten Gesellschaft.

In einem dermassen polarisierten Konflikt wie dem israelisch-palästinensischen scheint es einfacher, für den Krieg zu sein als für den Frieden. Alle Mitglieder der aktuell rund 150 Combatants for Peace zahlen einen hohen Preis dafür, dass sie sich für gewaltlose Lösungen einsetzen. Sie werden als «Refuseniks» verurteilt und eingesperrt, in den palästinensischen Gebieten als Kollaborateure gebrandmarkt oder von den eigenen Familien für Verräter gehalten.

Weit vom Mainstream

Lizzie Dorons Buch über die «Friedenskämpfer» stösst ebenso auf Zurückweisung: Wie schon ihr vorheriger Roman «Who the Fuck Is Kafka», der ihre Begegnungen mit einem palästinensischen Filmemacher dokumentiert, findet «Sweet Occupation» keinen Verlag in Israel – und dies, obwohl Dorons Erstling «Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?» zur Schullektüre des Landes gehört. Darin beschäftigt sie sich mit ihrer Mutter, einer Auschwitz-Überlebenden, die in Israel eine neue Heimat fand. Mit weiteren Büchern zur Schoah erzielte Doron ebenfalls grosse Publikumserfolge.

«Sweet Occupation» widmet dem Leid der «eigenen» Seite durchaus Aufmerksamkeit, etwa in knappen Auszügen aus Berichterstattungen zu Attentaten auf Israelis, die während der Arbeit am Buch verübt wurden. Doron zeigt aber auch den Schrecken der Besatzung und die brutale Gewalt der Sicherheitskräfte, die auf wütende Rache der palästinensischen Jugendlichen stossen. Es wird deutlich, dass Gewalt nicht erst da beginnt, wo Jugendliche, noch fast Kinder, Steine werfen oder zum Messer greifen. Allein schon das empathische Aufzeigen der Situation der PalästinenserInnen und die überlegte Argumentation, die keine klare Einteilung in Opfer und Täter zulässt, scheinen dermassen weit vom israelischen Mainstream zu sein, dass kein Verlag Dorons Buch herauszubringen wagt. Und nicht nur ihre LeserInnenschaft, auch enge FreundInnen aus Israel reagieren mit Ablehnung auf Dorons neues literarisches Interesse und ihre Dialogbereitschaft gegenüber PalästinenserInnen.

«Nazis hinter mir, Araber vor mir»

Diese ist für Doron keine Selbstverständlichkeit. Der Widerstand, den sie von aussen erfährt, äussert sich ebenso in einem inneren, oft schmerzhaften und widersprüchlichen Prozess des Umdenkens. Je mehr sie sich mit der Situation der PalästinenserInnen vertraut macht, desto mehr geraten eigene Überzeugungen auf den Prüfstand. Ihre Reaktionen und Gefühle in den Begegnungen mit den «anderen» stehen ihr dabei zunächst in der Quere, etwa eine tief verwurzelte Angst. Eine Angst, die sie plötzlich erfasst, als sie mit einem der palästinensischen Gesprächspartner im Café sitzt: «Mein Mund wird trocken, so bin ich geboren, ich fürchte mich vor Zorn, zittere vor Gewalt. Die Nazis hinter mir und die Araber vor mir.» Diese Aufmerksamkeit für Körperempfindungen und Gefühle zieht sich durch das Buch – die Figuren kommen einem unglaublich nahe, erzeugen Mitgefühl, Mitleiden, ohne sentimental zu werden. Dafür ist Dorons Sprache viel zu karg und auf das Nötigste beschränkt.

Letztlich erfährt Doron ihren Kontakt zu den Friedenskämpfern als Bereicherung, die eine tiefgreifende persönliche Veränderung angestossen hat: «Jemand, der mein Feind war, lehrte mich, dass ich das, was ich bislang dachte, nicht zwingend auch morgen noch denken musste.» Schon in «Who the Fuck Is Kafka» liess sich Doron mit dem palästinensischen Filmemacher auf einen Menschen ein, der eigentlich nur eine Stunde von ihr entfernt wohnt, über dessen Lebensrealität und Sichtweisen sie dennoch kaum Bescheid wusste. Auch in «Sweet Occupation» ist ihre – anfangs durch Angst gebremste – Neugierde an der bisher wenig bekannten Situation der «Friedenskämpfer» deutlich spürbar.

Das Buch ist zuallererst ein radikales Plädoyer für Versöhnung, dafür, dass «keine Mutter, auch nicht die Mutter des Feindes, die Tragödie erleide, Söhne zu verlieren», wie die Mutter von Jamil, dem dritten palästinensischen «Friedenskämpfer», meint – ein Plädoyer für das Leben also. Für ein Umdenken auf beiden Seiten – etwa wenn Doron am Ende selbstkritisch und als Referenz auf ein Zitat von Mohammed Owedahs Grossmutter anmerkt: «Aus den Gräbern wird keine Veränderung kommen. Auch ich habe viele Jahre gebraucht, um das zu verstehen.» Ein Plädoyer dafür, dass die «Feinde» und «Verräter» zu neuen Freunden werden können, mit denen Doron am Abend auf der Terrasse sitzt. Es ist eben nicht nur die Gewalt, sondern auch die Liebe, die ihre Spuren hinterlässt – und eine gemeinsame Zukunft möglich machen kann, in der keiner davon träumt, den anderen umzubringen.