Nr. 27/2017 vom 06.07.2017

Elf Geschwister am Berg

Von Bettina Dyttrich

Ein gleichberechtigter Anfang: Als Oktavia Marty und Jeremias Bayard aus dem Walliser Dorf Varen 1926 heiraten, tragen beide zur Haushaltsgründung bei. Er bringt Rebparzellen, Äcker, Wiesen und Weiden in die Ehe, sie hat in elf Jahren im Gastgewerbe die stattliche Summe von 10 710 Franken gespart. Sie hat am Genfersee, im Tessin, in Zürich und Bern gearbeitet, Lourdes und das Meer gesehen. Auf Fotos aus dieser Zeit wirkt sie elegant und selbstbewusst. Als sie ihrem Zukünftigen ein Bonbon schenkt, muss sie ihm zuerst erklären, was das ist.

In Varen betreiben Oktavia und Jeremias die traditionelle Walliser Stufenwirtschaft: Das ganze Jahr ziehen sie mit Kühen, Schafen und Schweinen zwischen dem Dorf, dem Maiensäss und verschiedenen Zwischenstufen hin und her. Zwischen 1927 und 1943 kommen zwölf Kinder auf die Welt, elf überleben und müssen schon früh mitarbeiten. Heute in der Schweiz undenkbar, ein solches Leben: Der zehnjährige Markus fährt allein mit Kuh und Wagen aufs Maiensäss, und als die Mutter im Spital ist, sorgt die sechzehnjährige Hedy selbstständig für ihre drei jüngsten Geschwister und das Vieh.

Die Soziologin Sybille Bayard Walpen, eine Enkelin von Oktavia und Jeremias, hat ihren Vater und seine zehn Geschwister ausführlich interviewt. In «Der Clan vom Berg» kommen sie alle zu Wort. Ihre Berichte hat die Autorin mit Hintergrundtexten und eindrücklichen Fotos ergänzt. Zwischen der Jugend der Ältesten und jener der Jüngsten veränderte sich nicht nur das Wallis, sondern auch das Ehepaar Bayard. Während Jeremias offenbar zu einer erstaunlichen Gelassenheit fand, wurde Oktavia von der vielen Arbeit und ihrem rigiden katholischen Glauben fast erdrückt. Ihr Sohn Markus bezeichnet es als «religiösen Wahn», doch das ist wohl zu einfach. Der Weg von der katholisch geprägten Selbstversorgerwirtschaft zur Konsumgesellschaft war ein ungeheurer Umbruch. Dass man da den Boden unter den Füssen verlieren kann, ist kaum verwunderlich – es erstaunt eher, dass sich offenbar alle elf Kinder so problemlos durchgeschlagen haben.

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