Nr. 31/2017 vom 03.08.2017

Der Kronfavorit

Ignazio Cassis ist auf bestem Weg, Didier Burkhalters Nachfolger im Bundesrat zu werden. Wie es den freisinnigen Musterschüler nach oben spülte.

Von Sarah Schmalz (Text) und Claudio Bader (Foto)

Ein Mann, den Fulvio Pelli unbedingt will: Ignazio Cassis, Tessiner, Arzt, Bundesrat in spe.

Da schlendert er also auf einen zu, der Mann, von dem Fulvio Pelli am Telefon gesagt hat: «Ich will nicht irgendeinen Tessiner Bundesrat. Ich will ihn.» Ignazio Cassis trägt ein weisses Leinensommerhemd. Er hat gerade seinen Termin mit dem Pressefotografen hinter sich gebracht. Auf dem Rückweg zum weiss gedeckten Tisch recken sich ihm Hände entgegen. Vornehmlich Hände von Herren im Businesslook. Cassis schüttelt sie jovial, locker, mit sympathischem Lachen. Hält hier und dort einen kleinen Schwatz. Und genau so zugänglich, wie er sich auf der Restaurantterrasse mit famoser Sicht auf den Luganersee bewegt, sitzt er einem dann auch gegenüber, um aus seiner Sicht zu erzählen, wie ihm geschehen ist.

Cassis gehört nicht zu den Tessiner Familienclans, die der freisinnigen Politik des Südkantons über Generationen ihren Stempel aufdrückten: den Pellis, den Masonis, den Generalis. Seine Familie stammt aus dem Malcantone, dem weitverzweigten Hinterland Luganos, das sich über Hügel und Täler bis weit hinauf in die Berge erstreckt. Sessa heisst sein Herkunftsort. 600 EinwohnerInnen. Eine stillgelegte Goldmine. Cassis’ Mutter war Hausfrau, der Vater Bauer – bis sich in den sechziger Jahren die Versicherungsfirmen im Tessin ausbreiteten und einfache Leute wie ihn anheuerten, um ihre Angebote an den Mann zu bringen. Immer erst abends um fünf, erinnert sich Cassis, sei sein Vater losgezogen, um an die Haustüren zu klopfen, weil dann die Ehemänner von ihrem Arbeitstag zurückgekehrt waren und Frauen damals freilich nichts alleine entschieden hätten. Cassis’ Geschichte ist die eines Mannes, den es nach oben spülte: von Sessa nach Montagnola am «Goldhügel» von Lugano; von seinem Beamtenposten als Tessiner Kantonsarzt zum Bundesratsfavoriten.

Die Delegierten der Tessiner FDP haben am Dienstag entschieden, ihrem Vorstand zu folgen und nur Ignazio Cassis aufs Tessiner Bundesratsticket zu setzen. Seine Unterstützer heben Cassis’ Qualitäten hervor: Bodenhaftung bringe er mit und Fleiss, einen analytischen Geist, Kompromissfähigkeit und Verhandlungsgeschick.

«Wir hätten genügend Alternativen»

Und dann gibt es die Wütenden. Einer von ihnen ist Pier Felice Barchi. Der 88-jährige ehemalige Präsident der Tessiner FDP weilt derzeit wegen gesundheitlicher Probleme in Kur. «Und dann entscheidet die Tessiner FDP, die Delegiertenversammlung in Lattecaldo zu veranstalten», sagt seine Frau, «im hintersten Krachen, wohin ich meinen Mann in seinem Zustand unmöglich fahren kann.» Barchi also hat vor zwei Tagen nicht abgestimmt, seine Kritik an Cassis äussert er dafür lautstark in den Medien. Die Tessiner Freisinnigen hätten sich bislang durch Unabhängigkeit ausgezeichnet, sagt er. Traurig finde er deshalb die ganze Geschichte um Cassis und die Krankenkassen. Diese gehörten zu den wichtigsten wirtschaftlichen Akteuren, sagt Barchi. Und sie versuchten, sich laufend mehr Einfluss zu verschaffen. «Viele Tessiner sind wütend darüber, dass die kantonale FDP Cassis, der vom Krankenkassenverband Curafutura gesponsert wird, als einzigen Kandidaten aufgestellt hat.»

Er schätze Fulvio Pelli sehr, sagt Barchi. Der politisiere auf einer ähnlichen politischen Linie wie er selber: irgendwo zwischen dem wirtschaftsliberalen Luganeser Flügel und den staatstragenden Liberalen des Sopraceneri im Norden. Nun aber hätten sich Pelli und der Tessiner Kantonalpräsident Bixio Caprara auf den falschen Ast hinausgelassen: «Das Tessin hätte genügend fähige Leute, um eine Auswahl anzubieten. Christian Vitta macht als Tessiner Finanzvorsteher einen tadellosen Job. Und auch seine Vorgängerin Laura Sadis wäre topqualifiziert. Sie hat immer unabhängig von den grossen wirtschaftlichen Akteuren politisiert, bringt ökonomischen Sachverstand mit – und sie ist eine Frau. Dieser Konkurrenz hat sich der Vorstand der Tessiner FDP mit dem Vorschlag eines Einertickets entledigt.»

Pelli, der Hausherr

Franco Cavalli, der bekannte Tessiner Onkologe und Ex-SP-Nationalrat, nimmt den Anruf an einem griechischen Strand entgegen. Cassis’ Kandidatur könne man nur richtig einordnen, wenn man Pellis Rolle kenne, sagt er. Fulvio Pelli sei bei der Tessiner FDP noch immer der Hausherr. Wer nicht in seiner Gunst stehe, habe kaum Chancen auf eine Nomination. «Nach dem Rücktritt von Didier Burkhalter hat die ‹Tessiner Zeitung› als Erstes bei Pelli angefragt» – und nicht etwa beim Parteipräsidenten. Das sage alles über dessen Status im Tessin aus, sagt Cavalli. Dessen Analyse geht knapp zusammengefasst so: Pelli, selbst Verwaltungsrat des Privatspitälerverbands Swiss Medical Network, habe ein Interesse daran, den Krankenkassenvertreter Cassis im Bundesrat zu platzieren, weil dieser die Deregulierung des Gesundheitswesens vorantreibe. Cassis selbst sei ein Opportunist: einer, der sich immer geschickt zu seinem Vorteil positioniere. «Als Tessiner Kantonsarzt unter der damaligen sozialdemokratischen Regierungsrätin Patrizia Pesenti gab sich Cassis linksliberal, im Parlament ist er klar nach rechts gerutscht, weil er genau weiss, dass ihm die Positionierung in der Mitte der Fraktion die besten Aufstiegschancen bietet.»

Cassis’ rasanter politischer Aufstieg ist tatsächlich bemerkenswert. Vor den Nationalratswahlen 2003 klingelte beim Tessiner Kantonsarzt das Telefon. Am Apparat war der damalige Tessiner FDP-Präsident Giovanni Merlini. Man brauche noch einen Arzt, teilte ihm dieser mit. Alle anderen Parteien hätten schliesslich einen auf ihrer Liste stehen. Echte Wahlchancen stellte man Cassis nicht in Aussicht. Er war vielmehr Steigbügelhalter für Laura Sadis, die die Partei in den Nationalrat hieven wollte. Das gelang. Doch Ignazio Cassis, abgesehen von einem Sitz im Gemeinderat der kleinen Gemeinde Collina d’Oro politisch unerfahren, landete überraschend auf dem ersten Ersatzplatz. Und als Sadis 2007 in den Tessiner Regierungsrat gewählt wurde, rutschte er in den Nationalrat nach. «Das kam unerwartet», sagt Cassis auf der Sonnenterrasse. «Doch ich profitierte wohl davon, dass man meinen Namen kannte. Und mein Gesicht. Als Kantonsarzt war ich oft in den Medien.» Kaum Nationalrat, nahm der Mediziner Cassis Einsitz in der einflussreichen Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK), die er seit letztem Jahr präsidiert. Seit 2015 ist er zudem Präsident der FDP-Fraktion.

Und: Cassis hat tatsächlich eine punktgenaue Landung in der Mitte seiner Fraktion hingelegt. «2,1», sagt er. «Genau 2,1 Punkte.» Er spricht vom Parlamentarierrating, das die NZZ jedes Jahr durchführt: Wer im Parlament ganz links politisiert, landet bei minus zehn Punkten, die NationalrätInnen am rechten Rand bei plus zehn. Der FDP-Durchschnittswert liegt bei 2,2 Punkten. Dass er sich im Parlament nach rechts entwickelt hat, räumt auch Cassis ein. Von Taktik will er nicht sprechen – aber von Widersprüchen, die er «stark gespürt» habe: «Als Präventivmediziner hatte ich einen anderen Blickwinkel: Ich glaubte an staatliche Vorgaben, weil Verbote, etwa beim Rauchen, mehr bringen als Präventionskampagnen.» Nach seinem Einstieg in die Parteipolitik streifte Cassis diese Überzeugungen ab wie einen alten Mantel. Cassis freilich sagt es anders: Er sei einfach klüger geworden und agiere als Parteipolitiker aus einer breiteren gesellschaftspolitischen Optik heraus. Liberalismus heisse, die Freiheit des Einzelnen hochzuhalten. «Das beinhaltet auch die Freiheit, sich selbst zu schaden.» Der am linken FDP-Flügel gestartete Cassis ist im Parteimainstream angekommen: Gesellschaftspolitisch politisiert er leicht links der Parteimitte, in wirtschafts- und finanzpolitischen sowie gesundheits- und sozialpolitischen Fragen ist er stramm auf Rechtskurs. «Unbeabsichtigt», sagt er.

«Man ist, was man wird»

Ortstermin beim Tessiner Journalisten Matteo Cheda in seinem Büro in Bellinzona. «Ich hätte mir vor fünfzehn Jahren nicht vorstellen können, dass Cassis dereinst Bundesrat würde», stellt Cheda fest. «Er war ein kundiger Kantonsarzt, ein fleissiger Beamter.» Bei den Nationalratswahlen 2003 sei es der Tessiner FDP in erster Linie darum gegangen, Stimmen bei der Ärzteschaft zu holen. Zudem habe jede Partei gerne Kandidaten auf der Liste, die zwar bekannt, aber unbescholten seien. «Cassis hatte zwar keinen politischen Leistungsausweis, aber er strahlte Seriosität aus – und er hatte keine Feinde. Deshalb hat es ihn in der Politik nach oben gespült. In Bern hat er dann Lunte gerochen: Er merkte, dass es mit Fleiss und etwas Geschick bis ganz nach oben reichen könnte.»

Arztkollege Franco Cavalli kommentiert Cassis’ Aufstieg mit den Worten: «Man ist halt, was man wird.» Und vielleicht trifft das auf den Bundesratsfavoriten tatsächlich im Besonderen zu: Als 35-jähriger Assistenzarzt wurde Cassis 1996 zum Tessiner Kantonsarzt befördert. Die Karriereschritte folgten seither im Zehnjahrestakt. Er habe immer auf Angebote reagieren können, sagt Cassis, der nicht verbissen ehrgeizig wirkt, aber ganz offensichtlich einen Riecher für Erfolg hat. Das Medizinstudium habe ihn zu kompetitivem Verhalten erzogen: «Fünfzig Prozent der Studierenden fallen schon im ersten Jahr durch. Dreissig Prozent dann im zweiten. Das hat man uns eingetrichtert.» Ausserdem habe das Fach sein Gehirn geformt: «Du musst jeden Knochen kennen, jeden Muskel, jede Sehne. Ich lernte, Unmengen von Stoff zu strukturieren und zu absorbieren.» Mit derselben Akribie habe er später jede neue Aufgabe angepackt, sagt Cassis. Auch die Politik. Und auch hier öffnen sich die Türen scheinbar wieder wie von selbst.

Denn die Wahlchancen sind prächtig – trotz Kritik von links (vgl. «Kommt es zur Sprengkandidatur?» im Anschluss an diesen Text). Diese entzündet sich nicht nur an den 180 000 Franken, die Cassis jährlich vom Kassenverband Curafutura bezieht, der noch stärker als der ältere Krankenkassenverband Santésuisse auf Wettbewerb und Liberalisierung im Gesundheitswesen setzt. Auch sein Führungsstil in der Gesundheitskommission wird nicht nur gelobt. Er sei weniger neutral als sein Vorgänger Guy Parmelin, heisst es. Weil der Sitzanspruch des Tessins jedoch unbestritten ist und der Verzicht auf eine weibliche Kandidatur aus dem Südkanton die Frauenfrage zweitrangig macht, wird ihm das wohl nicht entscheidend schaden – und Pellis Wunsch in Erfüllung gehen. Und wie beurteilt Cassis selbst den Einfluss Fulvio Pellis in der Tessiner FDP? «Man darf ihn durchaus als den weisen Strategen bezeichnen», antwortet er.

Karussell

Kommt es zur Sprengkandidatur?

Am Ende war die Sache eindeutig: Die Delegierten der Tessiner FDP entschieden sich an der ausserordentlichen Versammlung vom 1. August für ein Einerticket mit Ignazio Cassis – fast einstimmig. Das Dreierticket mit Laura Sadis und Christian Vitta starb schon vor der Abstimmung: Beide sprachen ihre Unterstützung für den 56-jährigen Mediziner aus.

Die Ausgangslage für die Bundesratswahlen am 20. September wird damit immer klarer: Die FDP dürfte der Bundesversammlung ein Zweierticket unterbreiten. Die Waadtländer Regierungsrätin Jacqueline de Quattro hat ihr Interesse angemeldet, Nationalrätin Isabelle Moret denkt über eine Kandidatur nach. Doch die Chancen einer Westschweizer Kandidatin dürften gering sein – das sagte etwa die Tessiner SP-Nationalrätin Marina Carobbio deutlich: «Eine Tessiner Frau hätte dem Frauenanspruch Nachdruck verliehen. Stattdessen machte die FDP die Frauenfrage zur Nebensache.»

Bereits wird gemutmasst, ob die Linke eine Sprengkandidatur anvisiert, am Ende gar versucht, Laura Sadis doch noch in den Bundesrat zu hieven. SP-Präsident Christian Levrat, der spätestens seit der Debatte um die Altersreform, die Cassis vehement bekämpfte, kein Freund des Tessiners ist, nährte solche Gerüchte mit seinen Aussagen in der «SonntagsZeitung»: Weder Cassis noch sonst jemand sei Favorit, sagte er. Und: Die FDP habe ein Gleichstellungsproblem erster Güte. SP-Fraktionschef Roger Nordmann sagt: «Ich äussere mich derzeit nicht zur Wahl. Nur so viel: Für uns ist noch alles offen.»

Die Frauenfrage noch einmal befeuert hat Doris Leuthard, die vor wenigen Tagen ankündigte, noch in dieser Legislatur zurückzutreten. Werden sowohl Burkhalter wie auch Leuthard durch einen Mann ersetzt, hätte die Schweiz mit Justizministerin Simonetta Sommaruga nur noch eine Bundesrätin. Dieses Szenario ist durchaus plausibel: Als Favoriten für die Nachfolge von Doris Leuthard werden bislang vorwiegend Männer gehandelt. Die FDP hat zwar angekündigt, für Johann Schneider-Ammanns Sitz mit einer reinen Frauenkandidatur anzutreten. Ob Favoritinnen wie Karin Keller-Sutter dann zur Verfügung stehen, steht allerdings in den Sternen.

Sarah Schmalz

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