Nr. 32/2017 vom 10.08.2017

Mann, was tust du dir bloss an!

Sie weinen, wenn sie essen müssen, und wissen nicht, wohin mit ihren durchtrainierten Körpern: In Locarno arbeitet sich das Kino gleich reihenweise an verunsicherten Männerfiguren ab.

Von Florian Keller

Man möchte sie samt und sonders zur Selbsthilfegruppe schicken: Gang in «Beach Rats». Foto: Cinereach / Mongrel International

Typisches Festivalsyndrom nach gegen zwanzig Filmen in fünf Tagen: Es schleicht sich unweigerlich eine gutartige Form von Psychose ein, weil man überall Zusammenhänge zu sehen beginnt. Sogar im gesponserten Content, der in meiner Facebook-Timeline aufpoppt: «Männlich zu sein, ist mehr, als nur ein Mann zu sein», klärt mich eine Zürcher Schönheitsklinik für den Herrn auf. Was soll das sein, Judith Butler für Dummies? Aber egal, der paranoide Festivalgeist hat sogleich den passenden Kurzschluss parat: Verdammt, die sind bei Facebook ja bestens unterrichtet über all die Filme, die wir hier in Serie gezeigt bekommen.

Stossseufzer nach der ersten Woche in Locarno: Mann, Mann, Mann! Was tut ihr euch bloss alles an, um mehr als nur ein Mann zu sein.

Da war etwa der bulligste der sechs Kraftprotze, die der kanadische Regisseur Denis Côté in seinem Dokumentarfilm «Ta Peau si lisse» begleitet. Dieser Bodybuilder kriegt fast keine Luft mehr, wie er einmal seine Kraftnahrung in sich hineinschaufelt, allein am Tisch, ein keuchendes Ungetüm von einem Kerl, neben seinem Teller eine Plastikschale mit Aufbautabletten. Das hier ist keine Mittagspause, wir sehen dem Muskelmann bei der Arbeit zu. Er arbeitet an seinem Körper, als Schaustück für Bodybuildingwettbewerbe, als hypertrophe Statue aus Fleisch und Blut. Ein friedfertiger Riese also, keine Kampfmaschine, nur jetzt gerade ist es, als befinde er sich in einem einsamen Krieg, und sein Feind ist das Essen, das er besiegen muss. Es kommen ihm fast die Tränen, wie er sein Futter mühsam hinunterwürgt, und auch wenn der Film sonst nicht so recht weiss, was er im Blick auf diese Kraftkörper sucht, war das doch eine der traurigsten Szenen, die man bislang sehen konnte in Locarno.

Schlank und sehnig

Entschlossener geht da der Zürcher Dominik Locher («Tempo Girl») ans Werk, wenn er Sven Schelker in seinem Spielfilm «Goliath» auf einen gefährlichen Trip übersteigerter Männlichkeit schickt. David arbeitet im Kernkraftwerk, aber nicht etwa dort, wo die Kraft erzeugt wird, sondern als Bürolist im Einkauf. Als seine Freundin Jessy (Jasna Fritzi Bauer) schwanger wird, ist ihm schon mal sichtlich bang vor seiner künftigen Rolle als Vater, und als die beiden nach dem Ausgang zusammen im Nachtzug von aufgeputschten Partykerlen niedergestreckt werden, fühlt er sich erst recht gelähmt in seinem Gefühl, als Mann nicht zu genügen. Was hilft? Krafttraining allein reicht ihm nicht, vor allem gehts ihm nicht schnell genug. David will seine Verunsicherung mit Steroiden wegspritzen.

Die ganze Exposition ist ein kleiner Coup von erzählerischer Ökonomie. Mit kurzen, straffen Szenen skizziert Locher ohne Umschweife diese unbeschwerte junge Liebe, die er dann bei stetig gesteigerter Dosis einer toxischen Männlichkeit aussetzt. Mit dem hormonell gepimpten Körper verändert sich auch Davids Charakter, aber die Anabolika machen ihn nicht selbstsicherer, sie geben ihm bloss mehr Kraft, um die eigene Überforderung an anderen auszulassen – auch an seiner Freundin. «Goliath» zeigt die Wandlung seines Protagonisten, ohne sich von diesem anstecken zu lassen: sehr schlank und sehnig erzählt, kein bisschen muskulös aufgepumpt. Und mit einem überragenden Hauptdarsteller, der nicht bloss die Entwicklung zum gestählten Gefährder überzeugend verkörpert, sondern in den fiebrigsten Momenten vor allem auch die frappierende Gleichzeitigkeit von Aggression und Hilflosigkeit.

Neben so modernen Leistungsdrogen hatte der dänische Film «Winter Brothers» fast schon einen Zug ins Nostalgische: Da gehts um einen verhaltensauffälligen jungen Bergarbeiter, der aus gestohlenen Industriechemikalien illegal Schnaps macht, den er dann seinen Kumpeln verkauft. Gesund ist das natürlich auch nicht, aber der Film ist eine Wucht: sehr harsch alles, von den Farben über die Figuren bis zum maschinellen Sound – Kino als extreme physische Erfahrung. Der Jury um Olivier Assayas mag das bei allem Stilwillen zu grimmig sein, aber dem isländischen Regisseur Hlynur Palmason wünscht man für diesen Erstling jeden Preis, den er kriegen kann.

Ins Seminar zu Peaches

Die Männer, die ihren Body als Kunstwerk aus Muskelmasse gestalten, der junge Vater in spe, der sich mit Steroiden für seine Familienpflichten aufrüsten will: Das waren im Übrigen nur die extremsten Entwürfe einer verunsicherten Männlichkeit, wie sie in den Filmen hier fast schon obsessiv verhandelt wird. Die flirrendsten Bilder findet dabei die US-Regisseurin Eliza Hittman, die in ihrem Spielfilm «Beach Rats» ein paar jugendliche Kerle durch Brooklyn streunen lässt. Die führen ihre durchtrainierten Körper gerne auch oben ohne spazieren, wissen aber nicht so recht, wohin mit sich und ihrem Begehren.

Vor allem Frankie (Harris Dickinson), der sich im Netz gerne durch schwule Datingportale klickt, aber im Ausgang mit seinen Freunden doch erst mal mit einem Mädchen anbandelt. Wo hört die Selbstvergewisserung auf, wo fängt die Selbsttäuschung an? Im Bett dann das grosse Unbehagen, als die Frau ihm die Hose öffnet. Und dann stösst Frankie diesen bezeichnenden Satz aus, den er später beim Cruisen in der Schwulenszene auch zu einem Mann sagen wird: «I don’t know what I like.»

Du weisst nicht, was dir gefällt: Ist das nicht das Schlimmste, was der Generation Facebook passieren kann? Am Ende steht Frankie in trauriger Verzweiflung zwischen den Fronten, nachdem er gerade sein schwules Date für ein bisschen Gras an seine Heterogang ausgeliefert hat.

Man möchte diese Männerfiguren eigentlich samt und sonders als Selbsthilfegruppe zur Sängerin Peaches schicken, die am Freitag für einen Talk nach Locarno kommt. Thema: Was bedeutet es, sich im eigenen Körper «daheim» zu fühlen? Wobei, diese neue Gesprächsreihe in Locarno ist eine dieser Veranstaltungen, bei der der Festivalsponsor, unter dessen Namen die Talks laufen, schon in der Themensetzung eingesickert ist: Es soll hier um unsere Vorstellungen von Heimat gehen, und der Sponsor ist – eine Versicherungsgesellschaft. Fehlt eigentlich nur der Talk zur Frage: Wie gut muss mein Hausrat versichert sein, damit ich mich daheim auch wirklich daheim fühle?

Ein Greis in der Wüste

Aber ja, es gab auch Gegenentwürfe zu diesen Kerlen, die ihre männliche Identität aus ihrer Körperkraft ziehen. Einer prügelt sich sogar von Berufs wegen, das war Mathieu Kassovitz in dem französischen Boxerdrama «Sparring», der auf der Piazza Grande gezeigt wurde. Kassovitz spielt einen ewigen Verlierer, der doch immer wieder in den Ring steigt, weil er halt nicht anders kann – und weil er das Geld braucht für die Familie und vor allem für das Klavier, das er seiner Tochter schenken will. Was denn sein Stil sei als Boxer, so wird er einmal gefragt. «Mein Stil?», fragt er zurück. «Ich stecke ein.» Da hat einer das Verlieren als Lebenshaltung verinnerlicht. Und weil er kaum mehr Kämpfe bekommt, heuert er als Sparringpartner für einen Champion an, der ihn beim öffentlichen Training als wandelnden Sandsack vorführt. Wettkämpfe sieht man übrigens praktisch keine in diesem Erstling von Samuel Jouy, der auch sonst vieles anders macht, als man es aus dem doch recht abgegriffenen Genre des Boxerfilms gewohnt ist.

Die sympathischste Gegenfigur aber, die in den Herzen längst zum heimlichen Säulenheiligen des diesjährigen Festivals aufgestiegen ist, war der 91-jährige Harry Dean Stanton als greiser Wüstenphilosoph im Film «Lucky». Es ist das lakonische Porträt eines rüstigen Atheisten, der zwar weiss, dass der Mensch nichts ist, es aber gegen Ende seines langen Lebens doch ganz leise mit der Angst zu tun bekommt. Und in seiner Stammbar sitzt David Lynch und doziert über die existenzielle Dimension des Daseins einer Schildkröte, die schon bei der Geburt den Panzer trägt, der am Ende ihres Lebens ihr Sarg sein wird.

Als Lucky trägt Harry Dean Stanton zwar auch die Insignien alter Männlichkeit, wenn er mit Cowboyhut und Lederstiefeln täglich den immer gleichen Parcours durch sein Wüstenkaff absolviert. Aber wenn er mit seinem spindeldürren Körper in weisser Altherrenunterwäsche seine Morgenübungen macht, sieht man sogleich: Der braucht keinen Talk von Peaches, der fühlt sich noch sehr daheim in seinem Körper.

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