Nr. 32/2017 vom 10.08.2017

Wieso rappen Sie so gern über Ihren Schwanz?

Er gibt zu, dass seine Texte manchmal sexistisch sind, auf Wörter wie «Bitch» will Tommy Vercetti dennoch nicht verzichten. Ausser wenn Kinder im Publikum sind.

Von David Hunziker (Text) und Ursula Häne (Foto)

Tommy Vercetti (36): «Es hat eine Weile gedauert, bis meinen Eltern klar wurde, dass ihr Sohn kein geistesgestörter Primitivling ist.»

WOZ: Tommy Vercetti, der Rapper Jay-Z rechnet auf seinem neuen Album «4:44» gerade mit seinem eigenen Egotrip ab, seine Musik drehte sich in letzter Zeit nur noch um Autos und Villen. Kann man Hip-Hop noch ernst nehmen?
Tommy Vercetti: Jay-Z ist ein gutes Beispiel. Es geht dabei um die Frage, wie der Rap, der immer auch eine Jugendkultur war, in Würde altern kann. Es gibt sehr wenige Rapper, die man im Alter von 45 Jahren noch ernst nehmen kann. Viele sind wie Snoop Dogg – ich liebe ihn zwar, aber wenn du nur noch über «Beaches», «Bitches» und das Kiffen rappst, wird es irgendwann lächerlich.

Sie schreiben doch selbst gerne vulgäre Texte …
Ja, aber ich würde – vielleicht etwas selbstgerecht – behaupten, auf eine reflektierte Weise. Ich habe viel Battle-Rap gemacht, da geht es darum, sich spielerisch zu beleidigen. Mittlerweile mache ich das subtiler, die Wortspiele werden anspruchsvoller, meine Texte kryptischer. Die Frage ist, wie man das, was am Rap wertvoll ist – und da gehört das Fluchen für mich dazu –, weiterentwickeln kann.

Geht das?
Ich probiere es. Aber wenn ich über etwas schreibe, will ich das richtige Wort auswählen – auch wenn es «Arschloch» oder «Bitch» ist.

Sie haben mal behauptet, das Wort «Bitch» sei im Rap unersetzbar.
Lange war ich aufrichtig der Meinung, «Bitch» sei nicht sexistisch, wenn ich es nicht für Frauen verwende. Mittlerweile gestehe ich ein: Das Wort ist schlicht sexistisch. Aber ich denke eben auch, dass man um gewisse problematische Wörter im Rap nicht herumkommt. Sie sollen ja auch wirken und wehtun. Darum ist klar, dass solche Wörter immer ein Herrschaftsgefälle in sich tragen. Doch in dem Moment, in dem ich jemanden «Bitch» nenne, ist mir die Wirkung wichtiger als die Rücksicht auf den diskriminierenden Kontext.

Sind diskriminierende Fluchwörter stärker?
Tatsächlich haben viele Wörter nicht dieselbe Kraft. In der klassischen Rhetorik nennt man das Angemessenheit. «Arschloch» wäre etwa ein Fluchwort, das sich in Bezug auf Gender neutral verhält. Aber es hat nicht präzis dieselbe Bedeutungsebene und Emotion wie «Bitch». Und «Bitch» ist auch einfach ein schön klingendes Wort, es knallt richtig. Bei «Huere» dagegen passiert gar nichts.

Also wäre die Sprache ohne diskriminierende Fluchwörter ärmer?
Dem würde ich zustimmen. Es ist leider so, dass die Möglichkeiten der Sprache in gegebenen Herrschaftsverhältnissen gründen. Darum gehen Fluchwörter vielfach auf die Diskriminierung von Randgruppen zurück, nie aber von heterosexuellen weissen Männern. Als radikaler Linker müsste ich nun dagegen sein, diese Wörter zu verwenden. Aber vielleicht gibt man mit dieser Entscheidung auch etwas auf, das auf einer anderen Ebene politisch sein kann.

Sie meinen, dass Musik aneckt?
Genau. Man kann Fluchen zum Beispiel auch als Klassenphänomen sehen – vor allem die oberen Klassen lernen, sich gepflegt auszudrücken. Auch wenn das kitschig klingen mag: Fluchen bekundet auch eine Art sprachliche Solidarität und Zugehörigkeit zu dem, was ich «die Strasse» nennen würde.

Aber kann das heute noch gut gehen, wenn der mächtigste Mann der Welt zugleich auch der unanständigste und die verbale Grenzüberschreitung eine der wichtigsten Waffen des Rechtspopulismus ist?
Das ist ein guter Punkt! Wir Rapper haben tatsächlich ein Problem: Die Rechten machen uns das Ethos der Direktheit streitig. Aber im Rap geht es nicht um Enthemmung, sondern darum, nicht abgestumpft zu werden. Gerade bei politischen Themen finde ich angemessene Empörung wichtig. Ich muss aber auch betonen, dass ich heute generell viel weniger fluche.

Stimmt es, dass Sie manchmal live gewisse Fluchwörter einfach auslassen?
Wenn ich ein Konzert für meine Fans gebe, dann nehme ich kein Blatt vor den Mund. Wenn ich aber ans Bieler Stadtfest eingeladen werde, wo in der ersten Reihe Zehnjährige mit ihren Müttern stehen, werfe ich denen aus Anstand nicht die ganze Zeit «Bitch» um die Ohren. Ansonsten ist es schon fast obligat, dass mir nach einem Konzert jemand – meistens eine Frau – eine Frage stellt wie: «Tommy, du machst doch so intelligente Texte, warum musst du die ganze Zeit ‹Bitch› sagen?» Mein Kollege Dezmond Dez läuft mittlerweile einfach weg, wenn mich jemand auf das Thema anspricht.

Und Sie?
Ich finde diese Diskussion berechtigt, und ich will mich da auch gar nicht rausreden.

In der Szene waren Sie früher als der selbsternannte «Schnäbiprinz» bekannt. Wieso rappen Sie so gern über Ihren Schwanz?
Ich mache das mittlerweile mit einem genüsslichen Trotz (grinst). Beim Battle-Rap sagt man eigentlich immer das Gleiche: Ich bin der Grösste. Ich verstehe gut, dass das manchmal schwer zu verstehen ist. Es hat eine Weile gedauert, bis meinen Eltern klar wurde, dass ihr Sohn kein geistesgestörter Primitivling ist.

Das Pseudonym «Tommy Vercetti» ist einem Gangster aus dem Computerspiel «Grand Theft Auto» entliehen. Weil Vercetti, der Rapper, denkt, dass Geld der Dreh- und Angelpunkt des Kapitalismus ist, schreibt er eine Doktorarbeit über Geldnarrative in massenmedialen Bildern.

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