Nr. 32/2017 vom 10.08.2017

Helden wie ihr

Fasziniert vom kurdischen Widerstand, bereiste Comiczeichner Zerocalcare das türkisch-syrisch-irakische Grenzgebiet. «Kobane Calling» erzählt mit Herzblut vom Autonomieexperiment inmitten der Kriegswirren.

Von Sonja Galler

Ein «Revolutionstourist», der sich selbst nicht allzu ernst nimmt: Szene aus «Kobane Calling». (grosse Ansicht der Seite) Illustration: Zerocalcare

In Italien gehört Michele Rech alias Zerocalcare längst zu den meistgelesenen Comicautoren. Mit «Kobane Calling», das sich in Italien hunderttausendfach verkaufte, stellt er sich nun einem deutschsprachigen Lesepublikum vor. Seinen Fans ist Zerocalcare vor allem durch seine autobiografischen Alltagsgeschichten aus dem römischen Vorort Rebibbia, seinen anarchistischen Stilmix sowie seine Verbundenheit mit der linken Szene bekannt.

Die Solidarität in der Szene mit der Revolution in Rojava im Norden Syriens ist gross. Der Versuch, im überwiegend kurdisch besiedelten Gebiet eine basisdemokratische Autonomie mit Räteregierung und Föderalismus zu errichten, ist zu einem linken Hoffnungsschimmer geworden. Mit der tragenden Rolle der Frau sowie der Bedeutung von Multiethnizität und Umweltschutz spricht diese Revolution eine international verständliche Sprache. Inwieweit inmitten des syrischen Bürgerkriegs jedoch Anspruch und Realität auseinanderklaffen – darüber streiten sich die Geister.

Offene Sympathie

Zerocalcares «Kobane Calling» und seine Reisen ins türkisch-syrisch-irakische Grenzgebiet sind vor diesem Hintergrund zu verstehen. Als Teil einer linksautonomen Solidaritätsgruppe besucht er zunächst den türkischen Grenzort Mehser, wo er und seine FreundInnen bei der Verteilung von Hilfsgütern mitanpacken. Nachts verfolgen sie jenseits der Grenze den Kampf um Kobane mit.

In den internationalen Medien steigt der Ort zum Symbol des kurdischen Widerstands gegen den sogenannten Islamischen Staat auf. Mithilfe US-amerikanischer Luftangriffe kann er nach monatelangen Gefechten befreit werden. Mit dem Anspruch, einen tieferen Einblick ins Geschehen zu erhalten und sich mit der Revolution in Rojava solidarisch zu zeigen, wagt Zerocalcare wenige Monate später eine zweite Reise, die ihn über Kandil, die zentrale Stellung der PKK im Irak, schliesslich nach Rojava führt.

Auf dem Trip interessiert Zerocalcare vor allem die Begegnung mit einzelnen KämpferInnen der PKK und der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG in Syrien. Er begegnet Menschen, die bereit sind, im Kampf gegen den Islamismus und im Glauben an eine bessere Gesellschaft ihre alltägliche Existenz, ihr Leben gar zu opfern.

Die Graphic Novel ist von offener Sympathie für die Entschlossenheit und Hochachtung vor dem Schmerz der zumeist jungen kurdischen KämpferInnen erfüllt. Nicht immer ist Zerocalcare vor der Gefahr gefeit, sich die Sichtweisen und Perspektiven seiner Begleiter kritiklos anzueignen. Doch wie schwierig es ist, sich inmitten dieser politischen Gemengelage ein genaues Bild zu machen, scheint an mehreren Stellen der Graphic Novel auf.

Rotzfrecher Humor

Dass insgesamt dennoch keine ideologiegetränkte Verklärung entstanden ist, liegt zum einen daran, dass sich Zerocalcare in seiner Rolle als «Revolutionstourist» nicht allzu ernst nimmt: Immer wieder lösen sich absurde Begebenheiten und berührende Momente, rotzfrecher Humor und Ehrfurcht ab. Erst gehen ihm und seiner Truppe am Istanbuler Flughafen sämtliche Hilfsgüter verlustig. «An der Front» plagt den Zeichner dann eine wenig heroische Sehnsucht nach einem italienischen Frühstück.

In Rufweite zu IS-Stellungen überkommt ihn nicht selten heillose Panik. Mehr als einmal fragt er sich, was um Himmels willen er eigentlich in Syrien zu suchen habe. So entsteht ein angenehm selbstzweiflerisches Gegenbild zu selbstgerechten KriegsreporterInnen, die sich kamerawirksam in kalkulierte Gefahr bringen.

Zum anderen spart «Kobane Calling» auch unangenehme moralische Fragen wie etwa die nach der Legitimität von Gewalt nicht aus. Denn dass es sich bei den Volksverteidigungseinheiten keineswegs um eine romantische Pfadigruppe und bei Rojava keineswegs um ein linkes Eden, sondern um eine Gesellschaft im Krieg handelt, ist Zerocalcare bei aller Sympathie durchaus bewusst.

Für diejenigen, die aus der Sicherheit europäischer Fernsehstudios Lektionen in Zivilisation geben, hat er jedoch nur Verachtung übrig: Er zeichnet sie als geifernde Muränen und unwissende Schakale. Wenn «Kobane Calling» hingegen die Wirkung von Youtube-Videos der Marke IS-Terror mit leichter Hand analysiert oder Fragen der kurdischen Selbstverwaltung gedanklich in seiner italienischen WG durchspielt – dann ist das grosse Kunst, die zeigt, dass das Genre Graphic Novel weit mehr kann als gemeinhin angenommen.

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