Nr. 32/2017 vom 10.08.2017

Schweizer Geschichte

Die Schweiz sah sich immer als Musterland der Demokratie und Hort politischer Stabilität – gleichzeitig wurde der neutrale Kleinstaat immer wieder Schauplatz von Bankenskandalen und Korruption. Jakob Tanner, emeritierter Professor für Geschichte der Neuzeit und Schweizer Geschichte an der Universität Zürich, geht in seinem Vortrag «Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert: Kontinuität, Widersprüche und Konflikte» von dieser zwiespältigen Situation aus und zeigt, wie sich die schweizerische Gesellschaft und Wirtschaft über das 20. Jahrhundert hinweg entwickelt haben.

Dabei analysiert Tanner die transnationalen Beziehungen, die internationalen Verflechtungen und die Effekte der Migration. Eine zentrale Erkenntnis ist, dass die demokratischen Institutionen immer wieder verteidigt werden mussten – gegen den Druck von aussen und Angriffe von innen. Der Abend findet im Rahmen der Reihe «Uni von unten» statt.

Basel Planet 13, Klybeckstrasse 60, Mo, 14. August 2017, 19 Uhr.

Radioaktivität

Fünf statt sechs Beine, ungleich lange Flügel, Pigmentveränderungen am Panzer: Cornelia Hesse-Honegger, wissenschaftliche Illustratorin, zeichnet seit vielen Jahren radioaktiv verstrahlte Wanzen und Käfer, wobei die Strahlung im unmittelbaren Lebensumfeld der Insekten unter dem offiziellen Grenzwert liegt.

Mit ihren Zeichnungen öffnete Hesse-Honegger der Welt die Augen für die zerstörerische Macht der sogenannten schwachen Strahlung: Radioaktive Strahlung – sei es durch einen Fall-out wie nach Tschernobyl oder durch den «normalen» Betrieb eines Atomkraftwerks – hat gravierende Auswirkungen auf die Physis der Insekten. Claudia Hesse-Honegger ist Ehrengast am politischen Abendgottesdienst «Die strahlende Schöpfung» in der Zürcher Wasserkirche. Zwölf ihrer Zeichnungen sind ab Freitagmittag ebendort ausgestellt.

Zürich Wasserkirche, Limmatquai 31, Fr, 11. August 2017, 18.30 Uhr.

Frauen und Sozialstaat

Seit den Anfängen des Sozialstaats in der Schweiz um 1900 hat sich viel verändert: Die Schweiz entwickelte sich zu einer Dienstleistungs- und Konsumgesellschaft; Alter, Krankheit, Invalidität und Armut werden durch verschiedene Systeme sozial abgesichert. Frauen sind allerdings nach wie vor überdurchschnittlich von Armut und Prekarität betroffen. Sie leisten noch immer die meiste unbezahlte Pflege-, Erziehungs- und Hausarbeit, verdienen weniger, arbeiten häufiger Teilzeit und weisen mehr Erwerbsunterbrüche auf als Männer – mit den entsprechenden Folgen bei den Sozialversicherungen. Auch Stellenangebote und Karrieremuster richten sich mehrheitlich noch immer nach einem männlich imaginierten Angestellten. Und immer stellen sich folgende Fragen: Wann und unter welchen Bedingungen ist Erwerbsarbeit eine Befreiung, wann ein Joch? Was bedeuten in diesem Zusammenhang Armut und Prekarität? Ist der Sozialstaat Last oder Hilfe? Wie kann eine selbstbestimmte Lebensgestaltung für alle funktionieren?

Ein Kurs zum Thema in Bern ist als Summer School an drei aufeinanderfolgenden Abenden konzipiert. Die Fragen werden anhand konkreter Beispiele aus der Geschichte der sozialen Arbeit seit 1900 sowie aus der Praxis administrativer Versorgungen vor 1981 und heutiger Arbeitsbedingungen im Detailhandel behandelt. Dozentinnen sind Michèle Amacker, Koleiterin des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung (IZFG) der Universität Bern, Ruth Ammann, Koforschungsleiterin bei der Unabhängigen Expertenkommission Administrative Versorgungen, und Sonja Matter, Dozentin an der Fachhochschule Soziale Arbeit Bern und Gastwissenschafterin am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.

Um eine Anmeldung vorab per E-Mail wird gebeten: info@wide-network.ch. Die Kursgebühr beträgt 60 Franken für Gering- und 100 Franken für Normalverdienende.

Bern Interdisziplinäres Zentrum für Geschlechterforschung (IZFG), Seminarraum, Vereinsweg 23, Di–Do, 15.–17. August 2017, jeweils 19 bis 21 Uhr.

Kalter Krieg

Im Museum Strauhof im Zürcher Oberdorf läuft noch bis zum 20. August die Ausstellung «Frischs Fiche und andere Geschichten aus dem Kalten Krieg». Verschiedene AutorInnen stellen in diesem Kontext die herrschenden Verhältnisse in der Schweiz der achtziger Jahre infrage. Darunter auch Urs Zürcher. In seinem 2014 erschienenen Roman «Der Innerschweizer» rollen Panzer auf Basel zu, die Schweiz ist russisch besetzt, der Kalte Krieg ist heiss geworden. Im Gespräch im Rahmen der Ausstellung legt Zürcher dar, warum diese Zeit auch heute fasziniert.

Zürich Museum Strauhof, Augustinergasse 9, Mi, 16. August 2017, 12.30 Uhr.

Postkartensolidarität

Sie weilen in den Ferien oder in der Badi und würden gerne mal wieder Postkarten verschicken? So wie damals in den frühen Neunzigern? Geht die Botschaft an politische Gefangene, ist die Postkarte – oder sogar ein Brief – noch immer das Kommunikationsmittel der Wahl.

In Zürich etwa sitzt die baskische Aktivistin Nekane Txapartegi seit einem Jahr und vier Monaten im Gefängnis. Es droht ihr die Auslieferung nach Spanien – wegen eines unter Folter erpressten Geständnisses, wie Txapartegi sagt. Die Unterstützungsgruppe «Free Nekane» versichert, dass sich Txapartegi wahnsinnig über Post von überall her freue. Hier die Adresse: Nekane Txapartegi, Gefängnis Zürich, Rotwandstrasse 21, Postfach, 8036 Zürich.

Am Erscheinungstag dieser WOZ sitzt Deniz Yücel, der Türkeikorrespondent der «Welt», bereits 178 Tage in türkischer Haft. Auch er freut sich über Zuschriften, wobei Briefe auf Türkisch eine bessere Chance haben, auch tatsächlich in seiner Zelle anzukommen. Schreiben Sie an schreibdeniz@weltn24.de. Ihr Brief wird dann übersetzt und weitergeleitet.

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