Nr. 32/2017 vom 10.08.2017

SozialistInnen im Aufwind

Von Daniel Hackbarth

Als SozialistIn in den USA benötigt man nicht nur starke Nerven (Trump!), sondern auch viel Sitzfleisch: Von Donnerstag bis Sonntag vergangener Woche debattierten die Delegierten der Partei Democratic Socialists of America (DSA) an einem landesweiten Kongress in Chicago miteinander – was den Reporter der Politzeitschrift «New Republic» an ein Bonmot Oscar Wildes erinnerte: «Das Problem des Sozialismus liegt darin, dass er zu viele Abende braucht.»

Allerdings gab es auch jede Menge zu besprechen. Die 1982 gegründete Organisation erlebt derzeit einen Boom, inzwischen zählt sie 25 000 Mitglieder, mehr als je zuvor. Bemerkenswert ist, dass Menschen unter dreissig dabei überproportional vertreten sind. Der Grund für den Aufschwung liegt in der aufsehenerregenden, obgleich erfolglosen Kampagne, mit der sich Bernie Sanders 2016 um die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei beworben hatte. Die DSA unterstützten Sanders und gewannen so viele Neumitglieder. Tausende weitere erklärten aus Entsetzen über den Wahlsieg Donald Trumps ihren Beitritt.

In Chicago diskutierten nun rund 700 Delegierte, wie man es künftig mit den DemokratInnen halten will. Oder wie das Problem gelöst werden könnte, dass in der Partei weisse Männer deutlich in der Mehrheit sind. Verabschiedet wurden Resolutionen, in denen etwa eine Krankenversicherung für alle gefordert wurde; auch reproduktive Rechte sollen gestärkt werden. Zudem entschieden die DSA, die Sozialistische Internationale (zu der auch die SP Schweiz zählt) zu verlassen, da die dort vertretenen Parteien zu weit nach rechts gerückt seien.

Befremdlich wirkte hingegen der Jubel der Delegierten, als mit überwältigender Mehrheit beschlossen wurde, die israelfeindliche BDS-Kampagne zu unterstützen. «From the river to the sea, Palestine will be free», schallte es durch die Halle. Der Staat Israel soll also von der Karte getilgt werden? Wie heisst es doch bei Wilde: «Die Wahrheit ist selten rein und niemals einfach. Unser Leben wäre sehr langweilig, wenn sie das wäre.»

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