Nr. 32/2017 vom 10.08.2017

Krieg und Tränchen auf der Piazza

Von Timo Posselt

«I laf ju! I laf ju! I laf ju!» Die Worte galten der bekannten Tochter und fast ebenso bekannten Schauspielerin Nastassja Kinski. Als Ehrengast geladen, wurde sie auf dem Weg zum Kino prompt von einem untersetzten Fan in italienisch gefärbtem Englisch gejagt. Der Vorfall erklärt vielleicht den leicht verwirrten Eindruck, den die 56-Jährige bei ihren öffentlichen Auftritten zur Schau stellte.

Weniger verwirrt, jedoch umso verwirrender war der Auftritt von Adrien Brody. Er trat am Festival auf in der Kategorie «Wen können wir für einen schmeichelhaften Ehrenpreis aus Hollywood einfliegen, auch wenn er gerade keinen neuen Film hat?». Seine Ergriffenheit darob unterstrich Brody auf der Piazza Grande publikumswirksam mit ein paar zerdrückten Tränchen. War das nun echt oder nur gespielt? Aber da ging schon die beruhigende Nachricht durch die Menge: Seine Mutter war auch da, Authentizität war also garantiert.

Auch das frisch renovierte Kino ExRex, neu in GranRex umgetauft, ist offenbar etwas zu nah am Wasser gebaut. Unter dem Sturzregen vom Sonntag soll das Dach geleckt haben. Doch ähnlich wie die Unterhaltungsmaschine Brody konnte es gleich nach dem Trocknen problemlos weiterbetrieben werden. In seiner einzigen Audienz vor der Presse gewährte der gepriesene Lebenswerker Brody dann einen exklusiven Blick in sein Innenleben: Er erzählte vom Gefühl des Verlusts, als seine vermeintliche Hauptrolle in Terrence Malicks Kriegsfilm «The Thin Red Line» fast ganz herausgeschnitten wurde. «Ich erinnere mich, dass ich dachte: Dieser Verlust muss etwa das sein, was Soldaten fühlen, wenn sie heimkehren.» Da nimmt jemand die Arbeit ernst, zumindest wenn es die eigene ist.

Das tut im Übrigen auch der mit einem Ehrenleoparden ausgezeichnete US-Regisseur Todd Haynes. Vor jungen Filmschaffenden hatte er unter anderem die aktuelle politische Grosswetterlage im Auge: «Es ist eine gute Zeit für radikale und politische Ideen in der Kunst», sagte er und verkündete in Richtung Trump: «We can weaponize back!» Vielleicht kann er für seine künstlerische Gegenaufrüstung ja den kriegserprobten Soldaten Brody gewinnen.

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