Nr. 34/2017 vom 24.08.2017

Ein Herz für Hardcore

Von David Hunziker

Vor der Haustür des Pornokritikers Harold Hecuba steht ein Detective des Los Angeles Police Department. In der Hand hält er eine Kiste mit Hardcorefilmen, die kürzlich aus Hecubas Auto gestohlen worden sind. Der Kriminalbeamte outet sich als Fan von Hardcorefilmen, der die Rückgabe der Filme nur als Vorwand nutzt, um sich mit dem von ihm verehrten Kritiker über die Branche zu unterhalten. Was ihn an diesen Filmen so berühre, gesteht er, seien die ganz seltenen Momente, in denen sich in den Gesichtern der sonst wie Maschinen funktionierenden Darstellerinnen plötzlich echte Lust und Gefühle zeigten. In Hollywoodfilmen dagegen sei echte Menschlichkeit immer nur gespielt.

Das ist eine der Anekdoten, die Hecuba dem Schriftsteller David Foster Wallace auf seiner Reportage über die US-Pornoindustrie erzählt. Im Jahr 1998 hat Wallace im Auftrag der mittlerweile eingestellten Filmzeitschrift «Premiere» die Adult Video News Awards und die dazugehörige Pornomesse in Las Vegas besucht. Nun ist die Reportage in deutscher Übersetzung neu aufgelegt worden. Als journalistisches Stück hat diese auch etwas Anachronistisches. Der Geruch von VHS-Bändern, der in der Messehalle hängt, erinnert an die ökonomische Glanzzeit der Branche, die schon bald durch Gratisangebote im Internet beendet werden sollte. Doch Wallace’ wertfreier Blick auf die Pornoindustrie ist weiterhin relevant, weil er Widersprüche stehen lässt, die nachhallen.

Auf der einen Seite entpuppt sich die Passion des Hardcorefans in Gestalt des Detective als rührende Suche nach Menschlichkeit; auf der anderen wird die zunehmende Widerlichkeit gewisser Filme von ihren Produzenten, die sich als Rebellen der freien Rede und Moral-Avantgarde verstanden, explizit vorangetrieben. Die pathosgeladene Verteidigung von Grundrechten und die Zurückweisung von Zensur, die zu jener Zeit vielen Hardcorepornos in Form einer Erklärung vorangestellt war, sind ein treffendes Bild für den Moment, in dem sich das emanzipatorische Potenzial von Enthemmung im Namen der Freiheit in Menschenverachtung verdreht.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch