Nr. 35/2017 vom 31.08.2017

Die subversive Praxis der Black Panthers

In einer bestürzend aktuellen Studie beschreibt Franziska Meister, wie die Black Panthers der weissen Vorherrschaft den Kampf ansagten. Dennoch sind viele rassistische Strukturen geblieben.

Von Dorothee Elmiger

Drei Jahre bevor Rosa Parks sich weigerte, ihren Platz im Bus freizugeben, veröffentlichte der US-amerikanische Schriftsteller Ralph Ellison im Jahr 1952 seinen Roman «Invisible Man». Er sei unsichtbar, erklärt der namenlose afroamerikanische Protagonist darin, aber es handle sich bei ihm weder um ein Gespenst im Sinne Edgar Allan Poes noch um Ektoplasma, jene lichtscheue Materie, die im Geisterfilm zuweilen aus dem Kopf des Mediums strömt: «Ich bin unsichtbar, versteht ihr, weil die Leute mich einfach nicht sehen wollen. Wer sich mir nähert, sieht nur meine Umgebung, sich selbst oder die Produkte seiner Phantasie – ja, alles sieht er, alles, nur mich nicht.»

Keine Eigenschaft des Körpers und seiner Oberfläche, der Haut, ist es, die den Erzähler unsichtbar macht – es ist die Beschaffenheit der Augen jener, mit denen er in Kontakt kommt. Indem sie im schwarzen Körper immer nur die Abweichung von der weissen «Norm» sehen, sprechen sie der schwarzen Person jede Individualität, jede menschliche Eigenschaft überhaupt ab. «The black body lives in an antiblack world as a form of absence of human presence», folgert der Philosoph Lewis R. Gordon.

Ringen um Sichtbarkeit

Dieser «black invisibility», so schreibt WOZ-Redaktorin Franziska Meister in ihrer kürzlich erschienenen Monografie «Racism and Resistance. How the Black Panthers Challenged White Supremacy», hatte in den sechziger Jahren die Black Panther Party den Kampf angesagt. Meister zeichnet die Strategien der Panthers im Ringen um Sichtbarkeit nach und zeigt die Radikalität der Kritik, die die 1966 gegründete Party übte: Anders als die Bürgerrechtsbewegung, die das US-amerikanische Rechtssystem grundsätzlich akzeptierte, weigerten sich die Panthers, ihre Forderungen auf eine Integration in das von weissen Wert- und Gerechtigkeitsvorstellungen geprägte System zu beschränken – denn die Gesetze und Institutionen der US-amerikanischen Gesellschaft selbst waren es, die die weisse Vorherrschaft stützten und legitimierten. So verlangte das von den Gründungsmitgliedern Huey P. Newton und Bobby Seale verfasste Zehnpunkteprogramm der Panthers unter anderem Freiheit und Selbstbestimmung, schwarze Geschworene und die Befreiung aller schwarzen Männer vom Militärdienst und aus den Gefängnissen.

Es sei das Verdienst der Black Panther Party, so schreibt Meister in ihrer auf Englisch veröffentlichten Studie, aufgezeigt zu haben, dass nur die direkte Konfrontation von «race» – «going through race, instead of trying to go around race» – im Kampf gegen den Rassismus Wirkung zeigen könne. Der Kampf der Panthers, so Meister, orientierte sich an drei handlungsweisenden Momenten: Enthüllung, Subversion und Provokation. Von den Community Service Programs zu den bewaffneten Police Patrols, die in den Strassen von Oakland Präsenz markierten, um die schwarze Bevölkerung vor Polizeigewalt zu schützen: Stets versuchten die Panthers, nicht nur alternative Strukturen zu etablieren, sondern auch den institutionellen Rassismus aufzuzeigen, der den Missständen zugrunde lag.

Imitation von Staatlichkeit

Ihre Partei organisierten die Panthers streng hierarchisch und nach quasistaatlichem Muster: Diese Imitation von Staatlichkeit, die darin gipfelte, dass sich Eldridge Cleaver als «Gegendiplomat» in Algier niederliess und dort Kontakte zu Befreiungsbewegungen und sozialistischen Staaten knüpfte, versteht Meister als Teil einer subversiven Praxis, die politische Prozesse und damit die Legitimität der US-Regierung überhaupt hinterfragte.

Die Provokation, die diese politische Selbstermächtigung in den Augen der Machthabenden bedeutete, verstärkten die Panthers, indem sie bewusst auf eine Rhetorik und Symbole der Gewalt setzten. Forderte man das System genug heraus, so die Logik, würde es sich als das entlarven, was es war: zutiefst rassistisch.

In ihrer in vielerlei Hinsicht bestürzend aktuellen Studie nimmt Meister auch die Reaktion der US-Regierung und die Bedeutung der Medien in den Blick. Während die Behörden jede Form von «black visibility» systematisch zu verhindern versuchten, indem sie führende Panthers diskreditierten und beseitigten, neu etablierte Strukturen zerstörten und gezielt Fehlinformationen streuten, die rassistische Stereotype bedienten, spielten die Massenmedien im Kampf der Party eine ambivalentere Rolle. Die Panthers nutzten diese nicht nur als Zeugen ihres Kampfs, die ihnen eine grössere Öffentlichkeit verschaffen konnten – sie kritisierten dieselben gleichzeitig dafür, den Status quo zu legitimieren, nicht zuletzt in der Zeitschrift der Party, «The Black Panther».

Die Überzeugung der Panthers, das Offenlegen rassistischer Mechanismen reiche bereits aus, um einen Wandel herbeizuführen, habe sich als falsch erwiesen, resümiert die Autorin. Nicht zuletzt habe es an einer nachhaltigen Unterstützung vonseiten der weissen Linken gefehlt. Heute sei es entscheidend, in den Kampf gegen White Supremacy auch die armen weissen Communities einzubeziehen, stellt Meister abschliessend fest, und bringt so, zumindest andeutungsweise, die Frage der Klasse ins Spiel.

Der Kampf der Panthers ist aber nicht ergebnislos geblieben: Die Beschäftigung mit dem Rassismus auf struktureller Ebene und das Beharren auf der zentralen Bedeutung von «race» sieht Meister als wichtiges Erbe. Viele ihrer Analysen, Aufrufe und Visionen haben die Panthers – darunter Emory Douglas, der die Panther-Zeitung gestaltete und illustrierte – selbst in Wort und Bild gefasst. Mit diesem Fundus und den Texten der Critical Race Theorists wie Lewis R. Gordon und Charles W. Mills setzt sich Meister intensiv auseinander. Sie verbindet so die Perspektive der Outsiderin, die sie als weisse Europäerin gezwungenermassen einnimmt, mit einer entschiedenen Haltung und gibt auf diese Weise auch eine Antwort auf die Frage, wie auf hilfreiche und solidarische Weise über andere geschrieben werden kann.

Ein neuer Kannibalismus

Immerhin etwas habe sich am weissen Blick in den letzten fünfzig Jahren geändert, schrieb die Schriftstellerin Zadie Smith vor kurzem im «Harper’s Magazine»: Der schwarze Körper werde – zumindest in linksliberalen Kreisen – nicht mehr mit Abscheu betrachtet, sondern offen beneidet, gefeiert, ästhetisiert. Eine neue Form von Kannibalismus sei an die Stelle des früheren Ekels getreten, eine Form der Aneignung, die Jordan Peele im Film «Get Out» (siehe WOZ Nr. 17/2017) in parodistischer Manier auf die Spitze getrieben hat.

In seinem Wesen bleibt der Blick, der dem Protagonisten Ellisons in den fünfziger Jahren die Existenz abspricht, und sich im Jahr 2017 den schwarzen Körper auf kannibalistische Weise einverleiben will, aber unverändert. «I am not a nigger. I’m a man», stellt der Schriftsteller James Baldwin im Film «I Am Not Your Negro» fest: «If I’m not the nigger here, and if (…) you, the white people, invented him, then you have to find out why. And the future of the country depends on that.»

An der Buchvernissage am Dienstag, 5. September, gibt es in der Bar/Buchhandlung Sphères in Zürich um 19 Uhr eine Diskussion mit Jovita dos Santos Pinto und Franziska Meister rund um die Aktualität von Rassismus, auch in der Schweiz. Moderation: WOZ-Redaktorin Anna Jikhareva.

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