Nr. 36/2017 vom 07.09.2017

Ein Stück Erkenntnis

Von Ulrike Baureithel

Die Herausforderung des Lebens besteht darin, eine adäquate Form zu finden, es zu leben. Als Ado von Achenbach, Sohn eines hohen preussischen Beamten und Kommunist, 1936 vor den SA-Trupps aus Berlin flieht, mit nichts als einem handgrossen Krokodil unter dem Hemd, ahnt der Tierfreund noch nicht, dass ihm in Zagreb eine junge Reporterin namens Seka begegnen wird, mit der er zeit seines Lebens nach dieser Form suchen wird, politisch wie privat.

Seka ist die Mutter von Marina Achenbach, der Autorin von «Ein Krokodil für Zagreb». Darin lässt diese die Erinnerungen ihrer Mutter und eigenes Erleben zusammenfliessen zu einem beeindruckenden, Ost und West überspannenden Zeitporträt. Zu Beginn steht die Flucht von Ado und Seka vor der in Jugoslawien einrückenden Wehrmacht 1942, später werden sie getrennt, und Ado landet im KZ, aus dem ihn Seka zu retten vermag.

Danach soll alles anders werden. Gemeinsam mit FreundInnen will man die neue DDR aufbauen. Aber Seka, die «Titoistin», fällt in Ungnade, Misstrauen und Denunziation sind in der DDR der fünfziger Jahre allgegenwärtig. Sie verlässt das Land – nicht als «Zonenflüchtling» und auch nicht, weil sie glaubt, die BRD sei der bessere Staat. Doch auch in Zagreb bleibt sie nur Gast, «findet nicht die Lücke, um in das Gefüge der Einheimischen hineinzugelangen». Rückkehr, das hat Sekas Vater der Tochter immer gesagt, gibt es nicht, nirgendwohin. Am Ende bleibt es bei der Wahlheimat München, dem Ort, an dem Ado einst eine Rolle in der Räterepublik gespielt hatte.

Wenn die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, vererbt werden kann, dann hat sie Seka an ihre Tochter Marina Achenbach weitergegeben. Schon während der Wendezeit in Berlin und im Jugoslawienkrieg hat die Berliner Journalistin mit ihren Reportagen gezeigt, dass in ihren eigenwilligen Beschreibungen der Welt immer auch ein Stück Erkenntnis steckt. «Was Ado und Seka uns doch erspart haben», werden die Kinder im Buch später sagen, wenn sie AltersgenossInnen von deren Nazieltern reden hören.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 88-385775-2
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH 75 0900 0000 8838 5775 2
Verwendungszweck Spende woz.ch