Nr. 39/2017 vom 28.09.2017

Die Hoffnung reist immer mit

Der libysche Schriftsteller Hisham Matar verbindet in «Die Rückkehr. Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater» eine persönliche Spurensuche mit der polithistorischen Analyse seines geschundenen Landes.

Von Hans Ulrich Probst

Hisham Matar: Sogar mit dem «Teufel», Gaddafis Sohn Saif al-Islam, hat er sich eingelassen, um mehr über das Schicksal seines Vaters zu erfahren. Foto: Getty

Bereits in den beiden vorangegangenen Büchern setzte sich Hisham Matar mit seinem Herkunftsland und mit seinem vor mehr als einem Vierteljahrhundert entführten Vater auseinander. Libyen und der nach wie vor verschwundene Vater stehen auch im neuen Buch «Die Rückkehr. Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater» im Zentrum. Jaballa Matar, der Vater, wurde schon kurz nach der Machtübernahme Muammar al-Gaddafis 1969 zu einem der wichtigsten Widerstandskämpfer gegen den selbsternannten Revolutionsführer. 1996 soll er beim Massenmassaker im berüchtigten Kerker Abu Salim ermordet worden sein. Was genau passiert ist, versucht sein Sohn seither herauszufinden.

Geboren wurde Hisham Matar 1970 in New York, wo sein Vater Diplomat war, die Kindheit verbrachte er in Tripolis, später im Exil in Kairo. Mit sechzehn zog er zum Studium nach England, in London lebt er bis heute. Sein gefeiertes Debüt gab der Autor vor zehn Jahren mit dem Roman «Im Land der Männer» – der Geschichte einer Kindheit in der Diktatur. In dem in über zwanzig Sprachen übersetzten Roman erinnert sich der 24-jährige Suleiman an dramatische Tage im Sommer 1979, wo er als Neunjähriger oft einsam und ratlos komplexe Beziehungen durchlebt: zur immer wieder dem Trinken verfallenen Mutter und zum meist abwesenden und viel verbergenden Vater. Die mit poetischer Einfühlung verfasste Coming-of-Age-Geschichte ist durchsetzt von akribischen Schilderungen des Lebens unter einem Terrorregime. Sie gipfelt in einer Szene, in der der Junge am Fernsehen live mitansehen muss, wie einem Freund seines Vaters öffentlich der Prozess gemacht wird. Unmittelbar danach wird dieser unter den Augen einer johlenden Menge hingerichtet. Eine schier unerträgliche Szene – leider nicht erfunden.

Bange Fragen im Gepäck

Noch vor dem Arabischen Frühling 2011 hat Matar diesen autobiografischen Stoff variiert: «Geschichte eines Verschwindens» erzählt von einem Sechzehnjährigen, dessen Vater entführt wird. Der Roman verbindet dieses Trauma mit einer Adoleszenz- und Inzestgeschichte. Dabei interessieren Matar vor allem die Auswirkungen solch dramatischer Verluste auf den Einzelnen: Sein Protagonist erstickt fast am Verschwinden des Vaters.

Das dritte Buch nun ist dokumentarische Recherche und tabulose Selbstbefragung in einem – literarisch glanzvoll, doch anders als die beiden vorhergegangenen Werke ohne Fiktionalisierung. Im März 2012, während des schmalen Zeitfensters zwischen dem Sturz Gaddafis und dem Ausbruch blutiger Bürgerkriegswirren, reist der Autor zusammen mit seiner amerikanischen Frau und seiner Mutter erstmals nach über dreissig Jahren nach Libyen. Im Gepäck Erinnerungen, bange Fragen und noch immer die Hoffnung, Gewissheit zu erlangen über den Verbleib seines 1990 in Kairo entführten und nach Libyen überstellten Vaters.

«Die Rückkehr. Väter, Söhne und das Land dazwischen» lautet die wörtliche Übersetzung des englischen Originaltitels. Matar berichtet in 22 behutsam gestalteten Kapiteln von der Erkundung seiner Herkunftswelt, von der Wiederbegegnung mit vielen seiner über hundert Verwandten. Beklemmend schildert er die Treffen mit jenen Überlebenden, die 2011 nach 21 Jahren Haft freigelassen wurden und die dem Autor wenigstens bruchstückhaft vom heroischen Mut seines Vaters unter Folter und in Einzelhaft erzählen können. In knappen Rückblenden wird die Geschichte von Land und Familie nachgezeichnet, die omnipräsente Gewalt des ruchlosen Regimes und die Angst der BürgerInnen.

Zum Narren gehalten

Im Zentrum freilich steht Matars obsessive Suche nach Gewissheit über das Schicksal des Vaters. «Mein Vater ist tot und zugleich lebt er noch. Ich habe keine Grammatik für ihn, er ist in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft», beschreibt Matar das elende Gefühl des im Ungewissen tappenden, verlassenen Sohnes. Im Zuge seiner noch die unscheinbarste Spur verfolgenden Recherchen lässt sich Matar sogar mit dem «Teufel» ein: In einem Luxushotel in London trifft er Gaddafis Sohn Saif al-Islam al-Gaddafi, dem man in Grossbritannien zu Zeiten Tony Blairs peinlich hofierte. Erst 2011, kurz nach dem Tod seines Vaters, ist dieser verhaftet und zum Tode verurteilt worden. Diesen Juni soll er im vom Bürgerkrieg zerrissenen Libyen freigekommen sein. Natürlich hält Saif den Autor letztlich zum Narren und lässt ihn auflaufen.

Nach allen Reisen und Gesprächen muss Matar schliesslich zwingend annehmen, sein Vater sei am 29. Juni 1996 mit mehr als tausend anderen beim Massaker in Abu Salim ermordet worden. Die Leichen kamen in Massengräber, wurden später exhumiert, die Knochen zu Staub gemahlen und ins Meer geschüttet. Für seine traurige Enquete und die packende Beschwörung des verlorenen Vaters hat Hisham Matar, anders als in den beiden literarisch enorm reichen Romanen, eine präzise, schlichte Sprache gefunden. Sie ist diskret im Persönlichen und quälend intensiv, wenn sie vom Furchtbaren erzählt. Nach seiner Rückkehr aus Libyen konnte der Verfasser drei Monate keine Zeile mehr schreiben. Auch dem Lesenden verschlägt es bei der Lektüre den Atem und lässt ihn lange kein anderes Buch zur Hand nehmen.

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