Nr. 40/2017 vom 05.10.2017

Das Ende einer sorglosen Kindheit

Wie zunehmende Ressentiments sich zu einer akuten Bedrohung auswachsen können, zeigt die Schriftstellerin Ilse Tielsch aus der Perspektive eines Kindes, das 1938 im tschechischen Mähren aufwächst.

Von Rahel Locher

Kleine Flucht: Ein Besuch im Zirkus lenkt Elfi von der gedrückten Stimmung zu Hause ab. Foto: Annette Mason, Alamy

Es ist Sommer, und die neunjährige Elfi fährt mit ihrem neuen Fahrrad durch die Hügel rund um ihre Heimatstadt. Sie trifft sich mit ihren beiden Freundinnen Lilli und Alenka, träumt davon, zum Zirkus zu gehen oder, nachdem sie einen Indianerroman von Karl May gelesen hat, in die USA auszuwandern. Ein unbeschwertes Leben voller kindlicher Freiheiten. Doch für das Mädchen ist es auch «das letzte Jahr» – so der Titel des Romans von Ilse Tielsch. Das Buch spielt 1938 in Mähren, damals noch zur Tschechoslowakei gehörig, aber auch von vielen Deutschen bewohnt, den sogenannten Sudetendeutschen.

Tielsch beschreibt eingängig, wie sich das friedliche Zusammenleben zunehmend vergiftet, wie sich faschistisches Gedankengut langsam verbreitet und schliesslich in offene Gewalt mündet. Ihre Schilderung der zunehmend bedrohlichen Stimmung überzeugt ebenso wie ihr Einblick in die kindliche Erfahrungswelt. Das liegt sicher auch an ihrem eigenen biografischen Hintergrund: Genau wie Elfi erlebte Tielsch als Neunjährige den aufkommenden Faschismus in einer südmährischen Stadt.

Brot, mit Blut gebacken

Wie ein dunkler Schatten legt sich der für die Ich-Erzählerin Elfi unfassbare Krieg über ihre sorglose Existenz. Ihre Eltern kümmern sich kaum mehr um sie, die Erwachsenen lassen sie mit verstörenden Erlebnissen allein. Mit den zunehmenden Feindseligkeiten zwischen TschechInnen und Deutschen etwa, die sie am eigenen Leib erfahren muss: Die achtzehnjährige Tschechin Marschenka, die bei Elfis deutschsprachiger Familie im Haushalt arbeitet, bringt eines Tages ihren Neffen Jaro mit. Die beiden Kinder beginnen einen Streit, und plötzlich schreit Jaro: «Die Deutschen glauben ja überhaupt, dass sie alles am besten können.» Elfi gibt wütend zurück, dass das gar nicht wahr sei. Und dann weint sie nur noch, «weil ich ja auch eine Deutsche bin, wofür ich ja gar nichts kann». Weil sie nicht versteht, wieso dieser Jaro die Deutschen und also auch sie nicht mag und wieso er sie mit diesem Konrad Henlein, dem Anführer der deutschnationalen Sudetendeutschen Partei in der Tschechoslowakei, in einen Topf wirft.

Als ein Teil Mährens am 1. Oktober 1938 besetzt und ins Deutsche Reich eingegliedert wird, zerschneidet dies Elfis Welt. Wenn sie Rad fährt, geht das plötzlich nur noch in eine Richtung. In die anderen drei stösst sie auf Grenzen, die nur mit amtlicher Erlaubnis überquert werden dürfen. Auch Marschenkas Heimatdorf befindet sich jenseits der Grenze. Marschenka, die nun sowieso nicht mehr bei Elfis Familie arbeiten möchte, weil sie Deutsche sind.

Auch eine ihrer Freundinnen geht Elfi wegen der zunehmenden Feindseligkeiten verloren: Lilli ist eines Tages plötzlich verschwunden. Elfi sorgt sich um die jüdische Freundin, und gleichzeitig wird sie von den Vorurteilen gegenüber jüdischen Menschen, die im Städtchen erzählt werden, mitgerissen. So behauptet eine Schulkameradin etwa, das traditionelle jüdische Brot werde mit dem Blut christlicher Kinder gebacken. Elfi wird übel, als sie an das Brot denkt, das sie bei Lilli gegessen hat. Doch ihre Mutter weist sie bloss zurecht, statt sie über die Hintergründe dieser Gerüchte aufzuklären.

Immer mehr Misstrauen und Angst

Ilse Tielsch wählt bis zum Ende eine leichtfüssige und gewinnende Sprache. Sie ruft idyllische Kindheitsbilder hervor, um diese dann mit den unheilvollen Entwicklungen zu kontrastieren. Sie lässt Elfi unverblümt ihr Leiden an den Veränderungen in ihrem Umfeld schildern und zeigt auf, wie das eigentlich aufgeweckte Mädchen lustlos und apathisch wird und viel erahnt, ohne Informationen oder Trost zu finden. Kleine Freuden bleiben erhalten, eine Zirkusaufführung etwa lenkt das Mädchen von der gedrückten Stimmung zu Hause ab.

Indem Tielsch durch die Augen eines Kindes auf die Welt blickt, lenkt sie die Aufmerksamkeit auf Dinge, die Erwachsene längst nicht mehr wahrnehmen. Auf Grenzen zum Beispiel – seien es Landesgrenzen oder Ausgrenzungen von Menschen – und darauf, dass diese jeglichen Sinns entbehren. Oder dass menschliche Vielfalt nicht per se ein Problem ist: «Warum es besser sein soll, wenn alle Leute die gleiche Sprache sprechen, verstehe ich eigentlich nicht», überlegt Elfi. Und sie erinnert sich später, als sei es ein schöner Traum gewesen, wie in ihrer kleinen Stadt die Menschen einst trotz unterschiedlicher Sprachen und Religionen gut miteinander auskamen.

Ilse Tielsch zeigt in ihrem Buch, wozu Menschen fähig sind, wenn Ressentiments nur genügend geschürt werden. Und so mahnt es auch daran, solchen Entwicklungen in der Gegenwart nicht tatenlos zuzuschauen.

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