Nr. 42/2017 vom 19.10.2017

Französischer Humor

Von Felix Schneider

Mit der leichten Verspätung von zwei Jahren gratuliert der Schriftsteller Hervé Le Tellier seinem «Cher François Mitterrand» zum Wahlsieg von 1981, und der französische Präsident antwortet prompt, drei Monate später: «Ihren Brief vom 10. September 1983 habe ich dankend erhalten. Seien Sie gewiss, cher Monsieur, dass Ihre Bemerkungen mit all der Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen werden, die sie verdienen, und dass sie von den zuständigen Stellen in kürzester Zeit bearbeitet werden.»

Für dieses «bezaubernde Schreiben» dankt der Ich-Erzähler wiederum dem Präsidenten herzlich, und daraus entsteht eine wunderbare Brieffreundschaft. Hervé schüttet François sein Herz aus, berichtet von Beziehungskatastrophen, Arbeitslosigkeit, Zahnweh und erhält als Antwort immer exakt denselben Normbrief, den er allerdings jedes Mal neu zu interpretieren weiss. Auch bedankt er sich beim Präsidenten gerührt, als er später wieder einen (miesen) Job bekommt.

Nach Mitterrands Tod geht die Brieffreundschaft mit Mitterrand – oh Wunder! – weiter. Gleichzeitig baut Le Tellier mit Mitterrands Nachfolgern einen ähnlich intensiven postalischen Austausch auf. Er erhält zwar von allen Präsidenten die immer gleichen Eingangsbestätigungen, doch empfindet er die identischen Briefe als so verschiedenartig, dass sie ihm zu Charakterporträts der jeweiligen Staatsoberhäupter werden. In ein und derselben Formel sieht er mal stilistische Gewandtheit, mal affektiertes Getue. Mit Nicolas Sarkozy hat er eine Beziehungskrise, dafür dichtet er ein Chanson für dessen Gattin Carla Bruni: «Halte mich, halte mich bei Dir …»

Nach dem Lachen wird man bei der Lektüre nachdenklich. Die Komik entsteht, weil der Erzähler die Staatsoberhäupter mit seinen Alltagssorgen konfrontiert. Die Satire lebt von der Distanz zwischen Politikern und Normalos: von der arroganten Abgehobenheit der Bürokratie und der Politik. Und sie zeigt, wie blind das Bedürfnis nach Identifikation mit den Mächtigen machen kann. Wer seinen Präsidenten lieben will, der liebt ihn, egal was der Präsident tut.

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