Nr. 47/2017 vom 23.11.2017

Football oder Pingpong

Das Thema «sexuelle Belästigung» beschäftigt die US-Bevölkerung. Ist es bloss moralische Empörung oder der Beginn eines kulturellen Wandels?

Von Lotta Suter, Berlin (Vermont)

Mittel zur Selbstbefreiung, nicht zur Selbstjustiz: Frauen an einer #MeToo-Demonstration in Los Angeles. Foto: David McNew, Getty

Auch ich! Auch ich! Die #MeToo-Kampagne, die Mitte Oktober nach dem Skandal um den Filmmogul Harvey Weinstein in den sozialen Medien der USA gestartet wurde, wächst und wächst. In Millionen von Tweets und Facebook-Beiträgen beschreiben Frauen (und vereinzelt auch Männer) ihre eigenen traumatischen Erfahrungen mit sexueller Gewalt. Mitte November protestierten mehrere Hundert #MeToo-DemonstrantInnen vor den Toren des «Tatorts» Hollywood.

Manche vergleichen diesen jüngsten Aufstand bereits mit früheren feministischen Politkampagnen, etwa mit dem Kampf für den straffreien Schwangerschaftsabbruch in den siebziger Jahren oder für Lohngleichheit in den neunziger Jahren. Innert weniger Wochen ist aus einer digitalen Initiative mit Selbsthilfecharakter eine offensive politische Bewegung geworden.

In der Politik endemisch

Gleichzeitig vergrössert sich in den USA die Liste der geouteten Sextäter. Besonders brisant – wenn auch kaum überraschend – ist, dass diese in beiden grossen politischen Parteien anzutreffen sind. Der republikanische Präsident Donald Trump und der demokratische Expräsident Bill Clinton sind bloss die bekanntesten Grapscher der Nation. Wegen sexueller Übergriffe aktuell in den Schlagzeilen ist sowohl der christlich-fundamentalistische republikanische Senatskandidat Roy Moore aus dem Bundesstaat Alabama als auch der demokratische Senator Al Franken aus Minnesota, der sich selber als Feminist bezeichnet. Franken hat sich für sein aufdringliches Verhalten gegenüber Kolleginnen entschuldigt. Moore weist alle Vorwürfe wegen sexueller Handlungen mit Minderjährigen zurück.

Ein parteipolitisches Gleichgewicht des Ekels bedeutet nicht, dass sexuelle Belästigung auf der Linken und Rechten gegenseitig aufgerechnet werden kann und sich am Ende irgendwie ausgleicht. Häufung und Streuung der Fälle zeigen, dass das Problem in der US-Politik endemisch ist. Der Staat soll in den letzten zwanzig Jahren insgesamt rund siebzehn Millionen Dollar Steuergelder als Schweigegeld an Opfer von Diskriminierung und sexueller Nötigung durch Abgeordnete und Senatoren ausbezahlt haben. Mindestens zwei der amtierenden Parlamentarier sind in solche Stillhalteabkommen verwickelt.

Jede einzelne Dienststelle im US-Kongress ist als eigenes kleines Königreich mit eigenen Sitten und Bräuchen organisiert. Doch überall stehen junge karrierewillige UntertanInnen einem quasi absoluten Herrscher gegenüber, der seine Gunst und die Aufstiegschancen an seine Schützlinge nach Lust und Laune verteilt und dafür niemandem Rechenschaft schuldig ist. Solche auf undurchsichtige Weise hierarchisch strukturierten Milieus – und dazu gehört auch die Filmindustrie in Hollywood, dazu gehören bekanntlich Kirchen und Schulen – befördern Machtübergriffe, auch solche sexueller Natur.

Das ganz normale Machtgefälle

Angesichts all der prominenten Angeklagten geht gern vergessen, dass die meisten der von sexueller Gewalt betroffenen Frauen mit ganz und gar unbedeutenden, jedoch nicht weniger üblen Sextätern zu tun haben. Der grosse CEO und der kleine Filialleiter, der Teamcoach und der Chefkoch: Sie alle können das relative Machtgefälle und die erstbeste Gelegenheit nutzen, um von ihren Untergebenen sexuelle Dienstleistungen zu erzwingen.

Das in den USA schwach ausgebildete Arbeitsrecht bietet dagegen wenig Schutz, denn es ist als Vertrag zweier gleich starker «freier» PartnerInnen konzipiert. Nicht nur aus Scham, sondern besonders auch aus Angst vor der Kündigung schweigen deshalb viele der Belästigten.

Für den Kulturwandel

#MeToo will dieses Schweigen brechen und ein kulturelles Klima schaffen, in dem offen diskutiert werden kann, was hier falsch läuft, was Frauen nicht länger hinnehmen wollen, was im Umgang der Geschlechter verändert werden muss. Dabei kommt hoffentlich auch zunehmend zur Sprache, wie Sexismus, Rassismus und Xenophobie sich gegenseitig hochschaukeln und wie sehr extreme politische und ökonomische Machtgefälle ein anständiges Zusammenleben behindern.

Die #MeToo-Kampagne ist dabei ein Mittel zur Selbstbefreiung, nicht zur Selbstjustiz der Opfer. Wo sexuelle Übergriffe kriminell sind und somit Gegenstand der Strafverfolgung werden, muss es den üblichen Rechtsweg geben mit Unschuldsvermutung, fairem Prozess et cetera. Soziale Bewegungen können und sollen jedoch für eine Änderung der Gesetze kämpfen. So wie es die Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King in den sechziger Jahren tat.

Wieso im 21. Jahrhundert nicht ein paar Leitplanken zum Thema Sexismus? Das führt, wie die Geschichte der AfroamerikanerInnen zeigt, nicht direkt ins Gleichberechtigungsparadies. Doch auch männliche Arroganz ist besserungsfähig – obwohl viele Männer auf Twitter zurzeit laut jammern, die Kampagne gegen sexuelle Übergriffe verderbe allen Spass an der Sexualität und am unbeschwerten Flirten. Ihnen entgegnet die US-Publizistin Monica Hesse mit einer entsprechend simplen Metapher: Wer nicht zwischen Football und Pingpong unterscheiden könne, lasse am besten die Finger von Bällen aller Art.

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