Nr. 48/2017 vom 30.11.2017

Der Wert der Kunst im globalen Dauerkrieg

Es gibt Hoffnung in der Dystopie: Hito Steyerl, eine der einflussreichsten Figuren im zeitgenössischen Kunstbetrieb, wirft einen schonungslosen Blick auf unsere Gegenwart – und entdeckt Spielräume.

Von Paul Buckermann

Hito Steyerl, Medientheoretikerin. Stephanie Pilick, Keystone

Ihr Blick war ausdruckslos. Was ging Hito Steyerl wohl durch den Kopf, als ein Vertreter der Stiftung eines deutschen Energieriesen bei der Eröffnung ihrer Arbeit «Factory of the Sun» im Juni 2016 sein Grusswort vortrug? Salopp wies der Geldgeber darauf hin, dass man die Ausstellung mit Steyerls gefeiertem Beitrag für die Venedig-Biennale im Jahr davor dem Dortmunder Hartware-Medienkunstverein gern als Geschenk überreicht habe. Bei der Stiftung des Energiekonzerns interessiere man sich eben genau wie Steyerl für den Einsatz von Algorithmen zur Verbesserung unserer Lebensbedingungen. Wer mit den Arbeiten der deutschen Medienkünstlerin und Theoretikerin Steyerl auch nur ein bisschen vertraut ist, ahnt: Ihre Vorstellungen von einem guten Leben unter den Bedingungen neuer Informationstechnologien decken sich nicht unbedingt mit denen eines börsennotierten Energiekonzerns.

In ihrer neuen Aufsatzsammlung «Duty Free Art» zeigt Steyerl mit Auge sowohl fürs Detail als auch fürs Big Picture, wie die schönen Künste heute mit Finanzspekulation, Kriegstreiberei und Steuervermeidung verstrickt sind. Der Professorin an der Berliner Universität der Künste geht es dabei um konkrete Dinge wie Zollfreigebiete, Videospiele und Chatbots, aber auch um abstraktere Gebilde wie den globalen Finanzkapitalismus in einer postkolonialen und hyperdigitalisierten Welt. Bloss weil man schnell erahnt, dass solche komplexen Apparate und Netzwerke nur Ausbeutung und Überwachung steigern, ist das für Steyerl noch lange kein Grund, eine tiefere Beschäftigung mit diesen zu umschiffen. Sie trägt auch nicht einen plumpen Abgesang auf die zeitgenössische Kunst vor, die lediglich den Reichen und Mächtigen diene.

Minijobber in der Trollkaserne

Statt auf simple Modelle eines Technik- oder Sozialdeterminismus zurückzugreifen, zeigt Steyerl auf viel ambivalentere Weise, wie gesellschaftliche und technische Entwicklungen ineinander verschachtelt sind: Identitäten, verstreute Machtstrukturen und hochgerüstete Maschinenuniversen bedingen sich gegenseitig, sie begünstigen einander oder kommen sich auch mal in die Quere. In Steyerls Denken gipfelt das in dem ebenso überzeugenden wie erschreckenden Bild eines permanenten Weltbürgerkriegs, der unsere Gegenwart prägt: Ganze Armeen von Chatbots und Minijobbern in unterirdischen Trollkasernen führen Stellvertreterkriege, ohne dass immer klar ist, welcher Fahne sie dienen oder in wessen Bitcoin-Sold sie stehen mögen. Das antiseptische Design des hoch entwickelten Tötens geht Hand in Hand mit Enthauptungen vor austauschbaren Wüstenkulissen – zwar unprofessionell ausgeführt, aber in High Definition aufgezeichnet. Neue Formen des staatlichen und parastaatlichen Regierens basieren einerseits auf diesen scheinbar ultramodernen Technologien, andererseits auf einem tief sitzenden Aberglauben um Transparenz, Allwissenheit und Kontrolle.

Kapital, zollfrei gelagert

Doch Steyerl behält in «Duty Free Art» auch ganz ordinäre Arbeitsverhältnisse im Blick – etwa das Leiden der jungen Galeriepraktikantin – und wie diese den Kunstbetrieb und seine Werte am Leben halten. Wie tief die zeitgenössische Kunstproduktion und ihr Vertrieb in den globalen Finanzkapitalismus und seinen Dauerkrieg verstrickt sind, zeigt Steyerl dort, wo sie Kunstwerke als fiktive oder konkrete Anlageobjekte beschreibt. Dabei geht es ihr aber nicht darum, dass die ehrenhaften Künste durch raffende Profitgier verunreinigt werden, sondern um die schlichte Einsicht, dass auch die Kunst Teil dieser kriegerischen Welt ist. In den gegenwärtigen Krisen und Katastrophen bieten sich Kunstwerke einfach als relativ krisensichere Währung an. Jedem Publikum entzogen, werden Gemälde hinter dicken Bunkerwänden gehortet und in Zollfreihäfen von einer Kabine in die nächste geschoben.

Kunst wird aber nicht nur durch solche Machenschaften ermöglicht, sie stützt eben auch diese Optionen des Wirtschaftens. Ein prominentes Sinnbild sind für Steyerl Zollfreilager wie der Freeport in Genf. Diese sind zwar neugierigen Blicken verschlossen, aber ihre Bestände, so gilt gemeinhin, können es mit den grössten öffentlichen Museen der Welt aufnehmen, weil man annehmen muss, dass sich in den unscheinbaren Gebäuden Abertausende Kunstwerke von höchstem Rang befinden. Auch wenn Kunstobjekte hier ewig an Ort und Stelle gelagert werden, sind sie aus rechtlicher Sicht dauerhaft im Transit und somit zollbefreit. Diese Duty-free-Hochsicherheitskomplexe sind gewissermassen das Darkweb von Kunst als Kapital.

«Duty Free Art» meint bei Steyerl aber nicht nur Kunst, die zollfrei gelagert wird, sondern liesse sich auch übersetzen als Kunst, die von jeglicher Pflicht entbunden ist. Wenn die Kunst in den Freeports schon frei von Abgaben und öffentlicher Zurschaustellung ist, sollte man nach Steyerl noch weiter denken: Duty Free Art könnte grundsätzlich ja so ungeheuer frei von Pflichten sein, sie müsste gar «keinem Zweck oder Meister dienen», keinen nationalen oder kulturellen Repräsentationszwängen. Aber zeitgenössische Kunst ist eben (noch) nicht frei, denn selbst wenn sie zollbefreit sei, habe sie eben die Pflicht, ein Anlageobjekt zu sein. Wer heute Kunst produziere und dies irgendwie professionell verfolge, müsse sich darüber im Klaren sein, dass es direkte Verbindungen zu Steuertricksereien von Waffenproduzenten, zu unbezahlter Kulturarbeit in grossem Stil, zu schroffem Nationalismus und zu einem heiss laufenden globalen Finanzmarktkapitalismus gebe.

Aber auch unter diesen tristen Umständen vermag Steyerl noch einen Raum der Möglichkeiten zu eröffnen, in dem eine radikale Form von autonomer Kunst und eine leise Hoffnung auf Widerstand aufblitzt – sei es in wild wuchernden Sprachen auf den Tanzflächen dieser Welt, sei es in der Forderung nach einem Mindestlohn für Kunstschaffende oder im Plädoyer für ein ganz einfaches Menschenbild abseits der Diskurse um die Auflösung des Humanen im Silizium. Aber selbst für die kleinsten Handlungsfreiräume, das macht uns Steyerl klar, sind ein gehöriger Aufwand und ein an Ignoranz grenzender Mut notwendig.

In der digitalen Entgiftungszone

Hito Steyerl macht im besten Sinn des Wortes kritische Theorie. Popkultur, die feinen Künste und der militärische Komplex, Kommunikationsinfrastrukturen, Datenkompressionssoftware und Kunstsprech: Kompromisslos unterzieht sie alles ihrem kritischen Blick. Wer sich auf ihre Argumentationspfade einlässt, wird zuerst anerkennen müssen, wie höllisch komplex die Verbindungen zwischen Politik, Technologie und Kultur sind. Aber das heisst noch lange nicht, dass wir zum apathischen Rückzug in die urbanen Gärten mit Digital-Detox-Zone gezwungen wären. Wer «Duty Free Art» gelesen hat, erwartet so oder so, dass das Bärlauchbeet dort durch einen Drohnenangriff einer vierzehnjährigen Gamerin auf Honorarbasis dem Erdboden gleichgemacht wird, um Platz für die nächste Bitcoin-Farm zu schaffen.

Nur eine Sache lehrt die Lektüre nicht: wie man bei öffentlichen Unverschämtheiten von unsympathischen GeldgeberInnen ein Pokerface behält.

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