Nr. 50/2017 vom 14.12.2017

Es war nicht Paris, aber es war okay

Von Stefan Böker

Als der Student Jochen Kelter in den sechziger Jahren in Konstanz sein Fremdenzimmer in der «Traube» bezog, kam er in einem Ort aus grauer Vorzeit an. Die Kneipen hiessen «Deutsches Heer», und die Einheimischen «bellten eine kurzatmige Sprache mit dumpfem Ausrufezeichen am Schluss: odder!». Wenn da ein Fremder die Gasthaustür öffnete, war dem Autor und seinen Freunden, knorrigen Lebenskünstlern und Intellektuellen im Exil, sofort klar: Wenn wir den nicht kennen, muss es ein «Arschloch» sein. Wahrscheinlich sogar: «ein Riesenarschloch».

Die jungen StudentInnen besetzten Häuser, während ihre Professoren «Major der Wehrmacht» gewesen waren oder Schlimmeres. Mit wehmütigem Stolz beschreibt Kelter in seinem neuen Büchlein «Jetzt mache ich einen Satz» die alten Zeiten und die Orte, wo er und seinesgleichen sich damals herumtrieben. In den dunklen Gassen der Niederburg lief illegales Glücksspiel, auf der Laube hatten Zuhälter das Sagen. «Ein fast aussichtsloser Versuch über die gelöschte Vergangenheit» heisst der Band im Untertitel. Kelter zieht darin über die von TouristInnen überlaufene Bodenseeregion her. Gegenbild seiner Hasstiraden ist ein wunderbares verwunschenes, aber leider vergangenes Konstanz, das noch schmuddelige Ecken haben durfte. Es war nicht Paris, aber es war okay: «Die Randexistenzen und Lumpenproleten hatten zumindest nichts mit Bürgern und Bourgeoisie zu tun.»

Später erhält der Autor ein Beschäftigungsverbot im öffentlichen Dienst und siedelt in die Schweiz über, wo er als Lehrer arbeitet und sich für Schriftsteller engagiert. Aus der Bahn wirft ihn jedoch eine private Katastrophe, von der er mit grösstmöglicher Distanz erzählt. Heute lebt Kelter in Ermatingen am Bodensee. Und lässt an «seiner» Stadt kein gutes Haar mehr.

Seine deftige Tirade über heutige Zustände ist dabei ebenso gut geschrieben wie die romantisierenden Erinnerungen an seine Konstanzer Jahre. Für jeden, der sich auch schon einmal über seine Zeitgenossen genervt hat, eine schnelle, sehr vergnügliche Lektüre.

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