Nr. 50/2017 vom 14.12.2017

«Es reicht nicht, jemandem die Hand zu streicheln»

Immer mehr Häftlinge mit psychischen Problemen, Personalmangel, Zwangsanwendungen und schlaflose Nächte – die Psychiatriefachfrau Verena Zemp berichtet über ihren Alltag in der Justizvollzugsanstalt Grosshof in Kriens.

Von Susan Boos, Adrian Riklin (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Wichtig bei der Gefängnisarbeit sei die Selbstreflexion, meint Verena Zemp.

WOZ: Verena Zemp, warum wurden Sie Psychiatriefachfrau?
Verena Zemp: Meine Tante, eine Gemeindekrankenschwester, war mein Vorbild. So machte auch ich die Lehre zur Pflegefachfrau. Also, auf dem Helfertrip war ich nicht. Zwei Jahre nach dem Diplom merkte ich, dass mir das Technische weniger zusagt. Mich interessierten die Menschen, deshalb absolvierte ich eine zweite Ausbildung zur Psychiatriefachfrau. Seit zwölf Jahren bin ich nun in der Justizvollzugsanstalt Grosshof in Kriens, die auch ein Untersuchungsgefängnis umfasst.

Weshalb der Wechsel zum Strafvollzug?
Ich wollte wissen, was für Menschen das sind. Für die Arbeit mit Randständigen braucht es ein grundsätzliches Interesse am Menschen, und irgendwie musst du sie auch mögen. Wichtig ist, dass man ohne Kästlidenken auf sie zugeht.

Kann man das lernen?
Es gibt Leute, denen das mehr liegt, anderen weniger. Bei mir war das ein langer Lernprozess. Am Anfang war ich sehr naiv und habe zum Beispiel einmal einer manischen Patientin in der Psychiatrie Geld geliehen. Ich habe dann schnell gelernt, dass das nicht geht – weil ich in einer professionellen Rolle da bin, nicht als Freundin. Das Wichtigste ist, eine gute Mischung aus Nähe und Distanz zu finden. Dazu braucht es viel Erfahrung, Reflexion der eigenen Rolle, Supervision und Weiterbildung. Und trotzdem: Es gibt immer wieder Situationen, in denen ich keine Antworten habe.

Zum Beispiel?
Kürzlich bat ein Häftling darum, seine Gitarre haben zu dürfen, das sei das Wichtigste für ihn. Ich habe das sehr wohl verstanden. In den Zellen sind aber keine Instrumente erlaubt – das ist eine der Sicherheitsbestimmungen, die dazugehören. Aber ich muss sie akzeptieren, sonst könnte ich dort nicht arbeiten. Ich habe nun das Thema in das zuständige Gremium eingebracht, vielleicht gibt es ja doch eine Lösung.

Welche Position haben Sie in der Justizvollzugsanstalt?
Ich bin direkt dem stellvertretenden Direktor unterstellt. Seit zweieinhalb Jahren leite ich den Gesundheitsdienst. Wir sind vier Fachpersonen. Im Grunde genommen sind wir eine Art Ambulatorium im Gefängnis. Wir koordinieren Visiten, stellen Medikamente bereit, setzen pflegerische Massnahmen um und führen viele Gespräche. Etwa zwanzig von hundert Häftlingen sind drogenabhängig und in einem Substitutionsprogramm, zum Beispiel mit Methadon. Bei Alkoholabhängigen wird der Entzug medikamentös begleitet. Je nach Gesundheitszustand bei uns oder in der Psychiatrie.

Im Gefängnis selber haben Sie keinen Arzt?
Nein, aber wenn nötig, wird einer aufgeboten. Einmal wöchentlich kommt ein Hausarzt. Mehrmals wöchentlich kommt ein Psychiater vom forensischen Dienst der Luzerner Psychiatrie ins Haus. Auch für Visiten. Oder in Notfällen, wenn jemand akut suizidal ist. Wir haben eine enge Zusammenarbeit.

Was sind im Grosshof die häufigsten psychiatrischen Diagnosen?
Häufig sind es Menschen mit einer Suchtkrankheit, oft auch kombiniert mit einer weiteren Diagnose wie Persönlichkeitsstörung oder Schizophrenie. Viele haben schon vor dem Gefängnisaufenthalt Medikamente verschrieben bekommen. Sobald jemand verhaftet worden ist, muss man seine Vorgeschichte anschauen und eine adäquate Behandlung aufgleisen. Kürzlich hatten wir jemanden, der einen Brand gelegt hatte. Bei ihm wurde dann eine Schizophrenie diagnostiziert. Erst jetzt in Haft kann er zum ersten Mal richtig behandelt werden. Er sagt selber, es gehe ihm nun viel besser.

Wie viele Leute in der Justizvollzugsanstalt bekommen Psychopharmaka?
Wir haben Platz für 114 Gefangene. Etwa vierzig Prozent brauchen Medikamente – zwei Drittel davon Psychopharmaka.

Gibt es auch Leute, die mehr Medikamente wollen?
Ja, vor allem Suchtkranke. Manchmal geht es aber auch darum, die Dosis abzubauen, zum Beispiel bei Beruhigungsmitteln. Die Devise lautet: So wenig wie möglich, so viel wie nötig.

Und wenn sich jemand weigert, Neuroleptika zu nehmen?
Solang keine Fremd- oder Selbstgefährdung vorliegt, muss er keine nehmen. Autonomie ist auch bei uns das oberste Gut. Wenn jemand wegen der Nebenwirkungen ein Medikament absetzen will, ist das sein Recht. Dann muss man schauen, ob man ein anderes, besseres findet.

Wann sind Sie letztmals mit einer Zwangsmedikation konfrontiert worden?
Vor über zehn Jahren in der psychiatrischen Klinik. Es kam nicht so häufig vor, aber im europäischen Vergleich gibt es laut Pro Mente Sana in der Schweiz sehr viele Zwangseinweisungen. Zu den Zwangsbehandlungen existieren aber meines Wissens keine Statistiken.

Sie haben sich bei uns wegen des Interviews mit dem Psychiatriekritiker Marc Rufer gemeldet (siehe WOZ Nr. 37/2017), in dem er die Zwangspsychiatrie kritisiert …
Einige der Punkte, die er erwähnt, sollte man ernst nehmen. Seine Generalkritik halte ich aber für übertrieben. In der Realität gibt es leider Gottes Situationen, in denen es nicht reicht, jemandem, der hochakut krank ist, die Hand zu streicheln. Es gibt Situationen, in denen Menschen gefährlich werden können – und alle am Anschlag sind, auch die Angehörigen.

Was sagen Sie zur Kritik, dass Diagnosen stigmatisierend wirken würden?
Ich denke, für viele ist es eine Erleichterung, zu erfahren: Ich habe eine Krankheit, die man benennen kann.

Wenn ich eine Grippe habe, bin ich danach wieder gesund. Anders bei der Diagnose Schizophrenie: Wird da nicht eine lebenslängliche Krankheit suggeriert?
Das ist sehr individuell. Es gibt auch unterschiedliche Ausprägungen von Schizophrenie. Bei einer guten Behandlung, günstigen Umständen bezüglich Wohnform, Arbeitsplatz und Umfeld gibt es viele, die stabil leben können. Ich kenne aber auch solche, die Jahre später die Medikamente wieder absetzen und einen Rückfall erleiden. Leute mit chronifiziertem Verlauf haben oft eine Doppeldiagnose mit Sucht. Da geht es in der Haft primär um Schadensbegrenzung. Dabei spielen die sozialen Umstände eine wichtige Rolle. Bei uns sind viele Randständige, die keine Wohnung haben. Gerade in unserer Region gibt es für solche Leute zu wenig Wohnmöglichkeiten.

Wären sie weniger krank, wenn sie in einer stabileren Umgebung leben könnten?
Möglicherweise. Es gibt aber auch solche, die nicht kooperativ sind oder keine Hilfe wollen. Da kann man machen, was man will. Die kommen immer wieder. Es kommen auch einige, die sagen: «Ich bin froh, bin ich wieder mal im Gefängnis, hier kann ich mich erholen.» Oft sind das Leute, die Angst vor Veränderung haben.

Woran erkennt man, dass eine Person psychisch krank ist – und nicht einfach in einem Ausnahmezustand, der nach einigen Tagen oder Wochen wieder abklingt?
Es hat damit zu tun, inwieweit eine Person in ihren Fähigkeiten eingeschränkt ist, ein autonomes Leben zu führen. Dabei stellt sich immer auch die Frage: Was für Ansprüche hat die Gesellschaft?

Was sagen Sie zum Vorwurf, die Psychiatrie habe ein biologistisches Weltbild? So nach der Logik: Es fehlt ein Stoff im Hirn, den führt man mit einem Medikament zu – und dann ist der psychisch Kranke wieder normal.
Natürlich spielen Medikamente eine grosse Rolle. Doch so, wie ich es erlebe, wird heute vermehrt das soziale Umfeld angeschaut und interdisziplinär gearbeitet, zum Beispiel mit Arbeits-, Ergo- und Bewegungstherapie. Auch sogenannte Peers kommen zum Einsatz, ehemalige Psychiatriepatienten, die zur Begleitung von Betroffenen beigezogen werden. Das wäre etwas, was man auch im Strafvollzug aufgleisen könnte – speziell zur Deliktprävention und Resozialisierung. Es ist etwas anderes, wenn jemand, der selber eine ähnliche Erfahrung gemacht hat, mit einem Betroffenen spricht.

Uns wurde ein konkreter Fall zugetragen: Es geht um eine Frau, die zwangseingewiesen wurde, inzwischen aber wieder zu Hause ist – sie wird nun, wie sie erzählt hat, täglich von der psychiatrischen Spitex gezwungen, ein Neuroleptikum zu nehmen, obwohl sie die Medikamente wegen der Nebenwirkungen nicht will.
Ich finde, das Einverständnis muss gegeben sein. Jemand muss mitmachen wollen. Wenn nicht, muss man das mit dem Arzt besprechen.

Was aber, wenn – wie in diesem Fall – die Frau von einem serbischen Arzt betreut wird, der sie mit ihrem Schweizer Dialekt kaum versteht?
Dass immer weniger Psychiater Deutsch verstehen, ist tatsächlich ein Problem. Das hat damit zu tun, dass sie relativ schlecht verdienen. Auch steht man als Psychiater oft vor ganz schwierigen Entscheidungen. Ich habe auch manchmal eine schlaflose Nacht, wenn ich nicht sicher bin, ob jemand, der neu in U-Haft sitzt, suizidgefährdet ist. Manchmal lässt man dann jemanden in die Sicherheitszelle einschliessen, um nicht zu riskieren, dass er sich umbringt.

Bedeutet in der Justizvollzugsanstalt mehr Sicherheit immer auch mehr Repression?
Definitiv. In der Sicherheitszelle darf man nicht rauchen und muss spezielle Kleidung tragen, die sich nicht zerreissen lässt.

Wie gehen Sie im Grosshof grundsätzlich mit Suizidgefährdeten um?
Man muss einstufen: Ist jemand latent oder akut suizidal? Geht man von einer akuten Gefahr aus, muss er in die Klinik. Auch dort kommt er in ein Isolierzimmer, hat aber eine bessere Betreuung. Bei der medikamentösen Behandlung geht es primär um Beruhigen, Entspannen. Natürlich werden mit dem Betroffenen auch Gespräche geführt und Lösungen für die schwierige Situation gesucht.

Kam es im Grosshof zu Selbsttötungen?
Zum Glück relativ selten. In den letzten zehn Jahren etwa dreimal.

Steigt im Strafvollzug die Zahl der Leute, die an einer psychischen Erkrankung leiden?
Eindeutig ja. Am häufigsten handelt es sich um Menschen, die auf der Gasse leben und gesamtgesundheitlich am Rand sind. Auch solche mit Persönlichkeitsstörungen, die man per se auch mit Medikamenten nicht behandeln kann. Entsprechend ist das psychiatrische Angebot in Gefängnissen unterentwickelt. Wahrscheinlich bräuchte es in Zukunft auch bei uns eine forensisch-psychiatrische Abteilung. Doch im Moment passiert das Gegenteil, der Kanton hat uns Gelder gekürzt. Wir haben nicht alle beantragten Stellenprozente gekriegt, zum Beispiel in der Arbeitstherapie.

Was wären Ihre Forderungen?
Eine bessere Entlöhnung des Fachpersonals! Und gute Weiterbildungsmöglichkeiten! Zudem gibt es noch viel zu tun in der Antistigma-Arbeit für Menschen mit psychischen Erkrankungen und für solche, die am Rand der Gesellschaft leben, wie zum Beispiel die in Haft.

Ihr Job ist offensichtlich fordernd – deshalb noch die Frage: Wie erholen Sie sich?
Ich jodle.

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