Nr. 51/2017 vom 21.12.2017

Die Schweizer Doppelmoral

Von Bettina Dyttrich

Sollen Kinder unter zwei Jahren in die Kinderkrippe? Der Zürcher Psychologe Guy Bodenmann hat im «Tages-Anzeiger» energisch davon abgeraten: Das gefährde die Bindungsfähigkeit. Inzwischen haben sich auch Krippenmitarbeiterinnen kritisch geäussert.

Verständlich, dass diese Debatte Mütter unendlich nerven kann: Sobald frau Kinder hat, reden alle drein. Genau wie in Debatten über Kaiserschnitt und Stillen. Gleichzeitig sind die medizinischen Studien zu Letzteren eindeutig: Vaginale Geburt und Stillen tun dem Kind gut, solange keine Komplikationen dagegen sprechen. Die Frage der Fremdbetreuung ist weniger eindeutig, aber auch hier bringt es wenig, sie einfach zu ignorieren, weil sie nicht in den feministischen Kram passt.

Das Problem liegt bei der Schweizer Doppelmoral. Das Kinderhaben wird idealisiert, es soll dem Leben einen Sinn geben, die Familie muss alles kompensieren, was im Rest des Lebens fehlt. Frauen, die keine Kinder wollen, gelten als egoistisch. Gleichzeitig ist die Schweiz alles andere als kinder- und familienfreundlich. Nicht nur wegen des skandalös kurzen Mutterschafts- und des inexistenten Vaterschaftsurlaubs, der löchrigen Betreuungsstrukturen mit hohem Selbstkostenanteil. Hinter der Idealisierung lauert die Verachtung: In einem Land, in dem die kapitalistische Verwertung über allem steht, bekommen Mütter oft direkt zu spüren, dass sie für kürzer oder länger aus dieser Verwertung rausgefallen sind (siehe WOZ Nr. 49/2017).

Das Dilemma vieler Eltern bei der Frage, ob sie ihre Babys wenige Monate nach der Geburt in die Krippe geben sollen, würde gar nicht entstehen, wenn die Schweiz einen angemessen langen Elternurlaub wie Frankreich oder Schweden hätte.

«Kinder oder keine» ist eine individuelle Entscheidung, die andere nichts angeht. Wenn Frauen aber Kinder haben, liegt es in der Verantwortung der ganzen Gesellschaft, den Müttern und Vätern die enormen Lasten zu erleichtern, die mit der Schwangerschaft, der Geburt und den ersten Jahren Kinderbetreuung verbunden sind. Solange das nicht geschieht, hilft eine Debatte über das ideale Krippenalter wenig.

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