Nr. 51/2017 vom 21.12.2017

Gestern Spelunke, heute Youtube

Zwischen Thrombose und Julia Engelmann: Frank Klötgen hat eine einjährige Welttournee veranstaltet, um sich danach aus dem Poetry-Slam zurückzuziehen. Sein Reiseroman «Slammed!» bietet einen einzigartigen Innenblick für Fans der Szene.

Von Etrit Hasler

Wie viele andere auch, nahm ich es nicht ganz ernst, als der Slam-Poet Frank Klötgen 2015 ankündigte, sich endgültig aus dem Geschäft zurückzuziehen – und diesen Rücktritt mit einer einjährigen Abschiedstournee zu besiegeln. Rücktrittsankündigungen in die Jahre gekommener Slammer (ja, nur Männer) hört man immer wieder; wirklich von der Poetry-Slam-Bühne verabschieden sich nur jene, die ohnehin irgendwo anders mehr Erfolg haben: Marc-Uwe Kling, Hazel Brugger, Ralf Schlatter, Nora Gomringer. Warum sollte Klötgen anders sein?

Die Schweiz siegt im Catering

Doch er machte ernst: Mit 149 Auftritten im Kalenderjahr 2016, verteilt nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch in anderen «Slam Nations» wie dem Mutterland der Bewegung, den USA, Frankreich, Luxemburg und – ganz der Pionier – noch an ein paar Orten, an denen noch nie ein Slammer zuvor gewesen war: Madagaskar, Hawaii, Abu Dhabi, Costa Rica.

Ein Jahr danach hat Klötgen diese Abschiedstour in «Slammed!» zusammengefasst: Schon im Vorwort macht er klar, dass der Text keine Abrechnung mit der Slam-Szene sei. Er sei vielmehr eine Reflexion, wie sich das Bühnenformat «vom räudigen Spartenspass zum trendigen Massenvergnügen» gewandelt habe, von verrauchten Spelunken zum Fussballstadion, wo Panini-Bildchen der PoetInnen getauscht werden, von vermeintlich geistesgestörten Hobbypoeten zu einer «Klon-Generation der erfolgreichsten Youtube-Videos», wie es Slam-Gründer Marc Kelly Smith einmal zusammenfasst.

«Slammed!» ist der skizzenhafte Bericht einer Weltreise, deren roter Faden ebendiese Slam-Kultur ist – auch wenn sich die Gemeinsamkeiten manchmal schon im Slam-Begriff erschöpfen, so verschieden sind die lokalen Szenen. Und so erfährt Klötgen, dass in den USA eben auch die Auftretenden Eintritt bezahlen müssen, dass in Frankreich die meisten Slams keinen Wettbewerb durchführen, dass in Ägypten die Texte nicht vom Staat, sondern von den deutschen ÜbersetzerInnen zensiert werden – und nicht zuletzt, dass nur in der Schweiz Wert darauf gelegt wird, die vielgereisten SlammerInnen mit Speisen à la carte zu versorgen, statt diese mit Backstagepizzen abzufertigen.

Von der Bühne gebrüllt

Gespickt wird die bunte Rundumschau mit unzähligen Details, die sich Slam-Unkundigen kaum erschliessen, für Fans der Szene aber umso liebenswürdiger sind: wie der häufig gehörte Zwischenruf «Heavy Metal» aus «Helft mir ma» entstanden sei, wenn Auftretende aus dem Text fallen. Man erfährt, mit welchen Strategien die VeranstalterInnen versuchen, diese chaotischen halbprofessionellen Slam-PoetInnen in eine Veranstaltung zu zwingen: vom «inzestuösen Claqueursklub», der jeden von der Bühne brüllt, der nicht zum inneren Kreis gehört, bis zu jenen eitel Gelangweilten, die sich im Backstage einigeln und nur gerade für ihre fünf Minuten Ruhm auf der Bühne hervorkriechen.

Klötgen bietet einen Blick auf das Innenleben der Szene, ohne jedoch mit dem Finger auf andere zu zeigen. Statt seine MitstreiterInnen wegen der zunehmenden Kommerzialisierung der Szene anzuprangern, erzählt er seine eigene Geschichte. Darüber, wie er innert einer Woche bei zwei Autokonzernen auftritt. Wie sein gezeichnetes Konterfei den Goodiebeutel eines Marketingevents bekleidet. Und wie er zur Behandlung einer verschleppten Thrombose (ausgerechnet er, der Bahncard-100-Fahrer seit elf Jahren!) just jenes Medikament verschrieben bekommt, das er einst in Reimform als Auftragstext anpreisen musste.

Doch insbesondere ist «Slammed!» ein Buch übers Älterwerden: Klötgen, der einst seinen gut bezahlten Job in der Musikindustrie schmiss, um von den eigenen Bühnenprodukten zu leben, hadert über weite Strecken des Buches damit, dass er gegen die Neulinge der Slam-Szene im Wettbewerbsformat kaum noch ankommt. Dass er auch nach fast zwanzig Jahren immer noch auf das Popstarversprechen der grossen Kohle wartet, während Kids, die er einst bei sich im Workshop hatte, plötzlich Kulturpreise abräumen und über die TV-Bildschirme geistern. Dass er durch die Bemerkung eines Zuschauers in Mainz erfahren muss, dass sein grösster «Hit» jener Text ist, mit dem er an einem Uni-Slam in Bielefeld eine damals noch völlig unbekannte Poetin namens Julia Engelmann aus dem Wettbewerb geworfen hatte – einfach, weil das Youtube-Video davon im Schlepptau von Engelmanns Durchbruch 20 000-mal geliked wurde.

Abschiedstour als Therapie

Was es nicht geworden ist, ist eine Slam-Geschichte. Vielleicht ist es schon ein wenig zu spät, um die vergessenen Zeitzeugen aus der Anfangszeit abzuklappern. Zu viele davon sind irgendwo in der Vergessenheit verschwunden, ein paar gestorben. Einer wurde gar Pressesprecher der AfD. Ein paar wenige Dinosaurier wie Klötgen und der Autor dieses Textes sind dem Poetry-Slam treu geblieben und kommen vom süchtig machenden Kick dieser niederschwelligen Bühne nicht mehr weg. Kein Wunder, bezeichnet Klötgen im Intro die Abschiedstour auch als Therapie. Ohne spoilern zu wollen: Er schafft es, höchst zufrieden mit sich am Strand von Costa Rica den Schlussstrich zu ziehen. Seither ist er (noch) nicht rückfällig geworden.

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