Nr. 01/2018 vom 05.01.2018

Im Dickicht der Diktatur

Von Hans Ulrich Probst

Nein, er wird den Nobelpreis wohl nie bekommen, trotz seiner literarischen Meriten: Ismail Kadare. Dem einzigen albanischen Autor von Weltgeltung wird sein elastisches Verhältnis zur unerbittlichen kommunistischen Diktatur unter Enver Hodscha offenbar nicht verziehen. Tatsächlich kann man sich erst gut 30 Jahre nach Hodschas Tod und 25 Jahre nach der Wende in Tirana ein exaktes Bild machen vom undurchdringlichen Dickicht aus permanenter Bespitzelung, brutaler Repression und totaler Willkürherrschaft im damaligen Albanien.

Kadares jetzt deutsch vorliegender Roman von 2009 ist einer besonderen Opferkategorie gewidmet: den sogenannten «Verbannten» oder «Internierten». Wen immer die Nomenklatura als «Klassenfeind» ansah, namentlich aus Bürgertum und Adel, wurde eingesperrt oder mit der ganzen Familie in unwirtliche Dörfer verbannt, mit völligem Reise- und meist auch Ausbildungsverbot; diese Ausgrenzung wurde alle fünf Jahre erneuert, oft lebenslang.

Kadares geschickt komponierter, nüchtern erzählter Roman stellt eine solche junge «Verbannte», Linda B., ins Zentrum. Als sie sich das Leben nimmt, findet die omnipräsente Sigurimi (Geheimpolizei) ein Buch des Schriftstellers Rudian Stefa mit einer Widmung für Linda. Stefa – wegen eines eher dissidenten Theaterstücks ohnehin im Clinch mit der Zensur – bekommt Ärger, und wir lesen vor allem, was dieser in seinem Kopf anrichtet.

Meisterhaft entwickelt Kadare, wie sein Protagonist – und mit ihm die Lesenden – an allem zweifelt und zunehmend den Boden unter den Füssen verliert. Was ist real, was paranoides Gespinst, wer verrät wen und aus welchen Motiven? Selten sind die Verheerungen und Versehrungen einer Diktatur für den einzelnen – selbst ohne Blutvergiessen – derart beklemmend dargestellt worden. «Die Verbannte» liest sich atemlos wie ein Krimi und verstört als literarisches Dokument unbeschreiblich grausamer Verirrungen menschlichen Handelns. Heute ist glaubhaft, dass der 81-jährige Romancier, der seit 1986 meist in Paris lebt, sein Dasein in Albanien als das eines «zum Schlagen markierten Baums» empfand.

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