Nr. 01/2018 vom 05.01.2018

«Ein öffentliches Medienhaus hat nicht arrogant zu sein – Punkt»

Ladina Heimgartner wird von «No Billag» bis in ihre Träume verfolgt. Ein Gespräch mit der Direktorin von Radiotelevisiun Svizra Rumantscha (RTR) und stellvertretenden Generaldirektorin der SRG im Zug von Chur nach Zürich.

Von Bettina Dyttrich, Jan Jirát (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Ladina Heimgartner: «Die breite Diskussion, die zurzeit stattfindet, ist eine Chance. Wenn es am 4. März gut geht, dann war das alles durchaus auch positiv.»

WOZ: Ladina Heimgartner, denken Sie jeden Tag an «No Billag»?
Ladina Heimgartner: Es ist das Erste, woran ich denke, wenn ich am Morgen aufstehe, und das Letzte, bevor ich ins Bett gehe. Manchmal träume ich auch davon …

Haben Sie geträumt, dass die Initiative angenommen wurde?
Nein, so konkret nicht.

Was geschieht bei einem Ja?
Das hängt nicht nur von uns ab, sondern auch vom Bundesrat und den Ausführungsbestimmungen, die erst erarbeitet werden müssten. Aber wir haben in der SRG-Geschäftsleitung natürlich begonnen, Szenarien auszuarbeiten. Wir können ja am 5. März nicht sagen: «So, ihr lieben 6000 Mitarbeitenden, jetzt schauen wir mal.» Da muss schon klar sein, was die nächsten Schritte wären. Oberstes Ziel wäre, dass das Herunterfahren des Unternehmens geordnet abläuft. Aber auch bei einem Nein zu «No Billag» wird die SRG nie mehr dieselbe sein.

Sie haben kürzlich an einer Podiumsdiskussion in Zürich gesagt: «Ja, wir haben Fehler gemacht.» Was waren die grössten Fehler?
Uns ist es nicht gelungen aufzuzeigen, welchen Nutzen die Menschen in der Schweiz von uns haben und worin der Mehrwert eines öffentlichen Medienhauses besteht. Dazu kommt: Grösse ist in der Schweiz nichts Sympathisches. Die Schweiz ist ein KMU-Land, ein Büezerland, und wir sind gross und komplex – ein Verein mit fünf Unternehmenseinheiten, vier Regional- und sechs Tochtergesellschaften. Zudem wirken wir vielleicht zu selbstsicher, auch Arroganz wird uns oft nachgesagt. Wenn wir als arrogant empfunden werden, ist das unser Problem, nicht jenes der Leute, die uns so wahrnehmen. Ein öffentliches Medienhaus hat nicht arrogant zu sein – Punkt.

In einem Interview haben Sie einmal gesagt, Solidarität gehöre zur DNA der Schweiz. Würden Sie das immer noch sagen?
Ja. Ich glaube aber, die Solidarität hat sich verschoben. Man ist solidarisch mit denen, die zur eigenen Community gehören, sei es die Familie, der Freundeskreis oder Leute, die sich um ein gewisses Thema versammeln. In der rätoromanischen Schweiz leben etwa Jugendliche, die unsere Sendungen weder hören noch schauen, aber sie sind mit jemandem befreundet, dessen Musik auf unseren Sendern läuft. Sie sind solidarisch mit ihm als Künstler. Aber die Idee, dass es allen gut gehen soll in diesem Land, ist wohl nicht mehr so stark wie früher.

Die junge Generation interessiert sich wenig für Radio und Fernsehen. Wieso gelingt es der SRG nicht, sie abzuholen?
Der Wandel ging relativ schnell. Es stimmt aber nicht, dass die Jungen nicht mehr fernsehen. Sie konsumieren die Inhalte einfach auf anderen Kanälen und Geräten, wobei: Sport schaut man weiterhin live, ebenso etwa den «Tatort» oder den Eurovision Song Contest. Das ist generationenübergreifend. Serien schaut man immer mehr auf Netflix, Youtube ist für viele wichtiger als Fernsehen, das stimmt. Und natürlich müssen wir uns fragen: Braucht es uns da, müssen wir auch Filme produzieren? Ich finde schon – aber anders als kommerzielle Sender. Ich finde es wichtig, dass man versucht, die Schweiz auch im Fiktionalen zu reflektieren, und zwar die Schweiz von heute und nicht nur die Idylle. Wie in den Serien «Wilder» oder «Private Banking».

Wie stehen Sie zum Onlinebereich der SRG?
Ich bin überzeugt, dass es ihn braucht. Ich sage immer: Service public hat zum Ziel, mit so guten Inhalten wie möglich so viele Leute wie möglich zu erreichen. Wenn es nur gut ist, aber man niemanden erreicht, bringt es nichts. Wenn man viele erreicht, aber das Programm Schrott ist, bringt es auch nichts.

Die Verleger bekämpfen den Onlineausbau vehement …
Wenn sich die Welt ins Internet verschoben hat, kann sich ein öffentliches Medienhaus dem doch nicht versperren. Wir müssen unseren audiovisuellen Charakter ins Zentrum stellen und schauen, dass wir nicht zu zeitungsähnliche Formen wählen, da bin ich einverstanden. Aber als SRG gar nicht online zu sein, finde ich undenkbar.

War die Gründung von Admeira, der Werbevermarktungsplattform von SRG, Ringier und Swisscom, nicht ein Fehler? Die Unabhängigkeit der SRG ist damit infrage gestellt.
Die Ursprungsidee stimmte schon. Im Moment verlagert sich ja ein grosser Teil des Werbemarkts ins Ausland. Google und Facebook, die eigentlich völlig branchenfremd sind, zügeln massiv Werbegelder ab. Die Idee hinter Admeira war, dass wir eine gewisse Grösse erreichen, um diese Entwicklung wenigstens teilweise zu stoppen. Admeira sollte nicht nur dem Werbe-, sondern auch dem Medienmarkt zugutekommen. Aber diese Message ist nicht durchgedrungen.

Nein, es wirkte eher wie eine Klüngelei.
Genau. Und auch hier wieder die Grösse – nicht sympathisch.

Sie waren in letzter Zeit oft an Veranstaltungen zu «No Billag».
Ich finde die Idee des medialen Service public einfach nach wie vor hervorragend und wichtig für eine direkte Demokratie. In welcher Form die SRG ausgestaltet werden soll, da bin ich völlig offen. Wenn das heutige Modell nicht mehr das richtige ist, muss man es weiterentwickeln.

Nehmen Sie auch an Veranstaltungen des No-Billag-Komitees teil?
Ich würde – aber bis jetzt wurde ich nicht eingeladen.

Wie läuft die No-Billag-Debatte in Graubünden? Auch so hysterisch wie national?
Nein, viel ruhiger. In der rätoromanischen Schweiz spüre ich eine gewisse Wertschätzung. Ich glaube, den meisten ist bewusst, was sie verlieren würden, wenn es die RTR nicht mehr gäbe. Die italienischsprachigen Täler werden von RSI versorgt; RSI hat auch bei uns in Chur eine Redaktion, um Bündner Themen abzudecken. Die deutschsprachigen Bündner haben das «Regionaljournal Graubünden» sowie Radio und TV Südostschweiz, die der Somedia von Hanspeter Lebrument gehören und 6,7 Millionen Franken aus dem Gebührentopf bekommen. Lebrument hat deutlich gesagt, dass er diese Sender nach einem Ja zu «No Billag» schliessen müsste, und die Bündner Regierung war die erste, die sich ganz klar gegen «No Billag» ausgesprochen hat. Man weiss als dreisprachige Randregion, was man am Service public hat.

Wie viele Leute reden noch Romanisch im Alltag?
Optimisten reden von 100 000, ich gehe von 60 000 aus.

RTR hat 170 Mitarbeitende – für so eine kleine Minderheit?
In der Bundesverfassung steht, dass wir viersprachig sind und den Föderalismus pflegen. Die Frage, wie viel das kosten darf, ist legitim. Ich glaube, ein Radiosender, neunzig Minuten Fernsehen in der Woche und ein Onlineangebot sind angemessen.

Moment: 170 Mitarbeitende für einen Radiosender und gerade mal neunzig Minuten Fernsehen?
Wir haben Leute im Unter- und Oberengadin, in der Surselva und in Mittelbünden und auch zwei in Bern – wir sind überall im Kanton, was die Zeitungen ja nicht mehr sind. Wir machen relativ viele Musikaufnahmen, fast jedes Wochenende sind wir an einem regionalen Gesangs- oder Musikfest. Diese Aufnahmen werden für die Nachwelt archiviert, und es entstehen natürlich Sendungen. Dann haben wir eine Technikabteilung – Fernsehen ist einfach ziemlich ressourcenintensiv. Und wir haben drei Schichten Radionachrichten von morgens um sechs bis abends um elf, dazu das Onlineangebot. Vollzeitstellen sind es etwa 130.

Gibt es Zahlen über die Reichweite?
Ja. 79 000 beim Radio, was sehr erstaunlich ist. Ich habe es dreimal checken lassen, aber offenbar wird es relativ intensiv gehört. Beim Fernsehen sind es zwischen 30 000 und 40 000.

Wie ist es denn da mit dem Abholen der Jungen?
Im Bereich Musik und Film machen wir eher viel, vor allem auch für Kinder: Videos, eine Kindernachrichtensendung, Trickfilme und Lieder. Das schätzen auch Eltern, die nicht mehr in der Svizra rumantscha leben, sondern im Unterland oder im Ausland. So können sie mit den Kindern die Sprache pflegen.


Würde es das Rätoromanische noch geben ohne RTR?
Ja, aber nicht in der gleichen Form wie heute. Radio und Fernsehen geben dieser Sprache eine Normalität, das finde ich fast das Wichtigste an RTR. Wir begleiten diese Sprache, reflektieren sie, entwickeln sie auch weiter – unsere Nachrichtenleute müssen täglich Wörter neu erfinden, weil es sie einfach auf Rumantsch noch nicht gibt. Das machen sie zusammen mit einer Linguistin.

Ginge es auch etwas kleiner?
Das ist eine berechtigte Frage. Natürlich ginge es.

Was würden Sie als Erstes streichen?
Das frage ich die Leute auch immer, wenn sie finden, wir seien viel zu gross. Keine Aufnahmen einheimischer Musik mehr? «Nein, das ist doch wichtig!» Kein Kinderangebot? Keine TV-Sendungen? Natürlich geht es auch kleiner, aber nicht, ohne dass ein Teil des Publikums etwas verliert dabei.

Warum sorgt die SRG für rätoromanisches Radio, aber nicht für albanisches, portugiesisches oder kroatisches?
Das hat nicht unbedingt mit der SRG zu tun, sondern mit der Verfassung, die die Viersprachigkeit festhält. Wir haben diese Diskussion immer wieder, aber wir wollen die einzelnen Sprachgemeinschaften nicht in spezifischen Sendungen isolieren. Wir wollen vielmehr schauen, dass sich alle, die hierzulande leben, in unseren Programmen wiederfinden. Es ist ja heute problemlos möglich, online Radio und Fernsehen aus dem Herkunftsland zu bekommen.

Warum dürfen Migrantinnen ihre Sprachen nicht hierzulande pflegen und Rätoromanen schon?
Romanisch gibt es halt nur hier, es ist eine der vier Landessprachen. Wir haben kein anderes Land, in dem man unsere Sprache auch noch spricht – ausser ein paar Regionen in Südtirol und im Friaul.

Für Ihre Karriere ist es ein Glücksfall, dass es das Rätoromanische gibt.
Ja, das kann ich nicht abstreiten. Frau, etwas jünger, Rätoromanin, Randregion – das sucht man heute in so einer Firma (lacht).

Haben Sie eine Muttersprache oder zwei?
Deutsch – meine Mutter ist Aargauerin. Mein Vater ist Rätoromane, aber bei uns daheim hat sich Deutsch durchgesetzt. Meine Eltern haben ein kleines Familienhotel und eine Beiz in Scuol. Ich habe erst im Kindergarten Romanisch gelernt.

Wussten Sie schon lange, dass Sie zu RTR wollen?
Nein. Ich nicht – mein Vater hat sich das so vorgestellt! Ich begann, Englisch und Germanistik zu studieren, er sagte immer: «Mach Romanisch, dann kannst du zu RTR.» Aber das wollte ich gar nicht. Ich kam in den Journalismus, weil ich mein Studium mitfinanzieren musste. Ich dachte, ich habe eine Matur Typus D: Wer braucht so jemanden? Niemand. «Aber du schreibst gut», sagte mein Vater – ich wollte ihm eigentlich nur beweisen, dass mich niemand braucht, und habe mich bei Zeitungen beworben. Dann nahmen mich die «Freiburger Nachrichten» und das «Bündner Tagblatt». Und weil die Rätoromanen in Fribourg so lässig waren, habe ich doch noch Romanisch studiert.

Ihr Lebenslauf sieht extrem geplant aus.
Nichts war geplant! Ich will nicht sagen, ich hätte nur Glück gehabt; ich arbeite relativ viel und gern und mache das, was ich mache, wohl auch gut. Aber geplant war es nicht.

Ist es manchmal schwierig als junge Frau und – laut «Blick» – Quotenfrau?
Ich bin oft in Gremien, in denen nur Männer sitzen, teils im Alter meines Vaters. Zu sagen, es sei einfach oder es falle mir gar nicht auf, wäre völlig falsch. Es ist nicht immer einfach.

Wie manifestiert sich das?
Das sind ganz subtile Mechanismen, die wahrscheinlich tief verankert sind. Nie böse gemeint, davon gehe ich jetzt mal aus. Aber wenn eine Männerrunde dasitzt, reden generell einfach Männer untereinander. Das ist so.

Wie gehen Sie damit um?
Manchmal besser, manchmal schlechter, auf jeden Fall versuche ich, nie zickig zu werden. Beleidigt zu spielen im Stil von «Dann sage ich halt nichts mehr!», das wäre das Falscheste. Aber ich bin oft doppelt präsent: als Führungsperson, die versucht, ihre Arbeit zu machen, und als Frau. Und da frage ich mich oft: Wäre es anders, wenn ich ein Mann wäre und zwanzig Jahre älter, würde der mich auch einfach duzen? Das kostet relativ viel Energie.

Haben Sie jemanden, der Sie da unterstützt?
Ich bin seit zehn Jahren, seit ich in Führungspositionen bin, im Coaching. Bei einer Frau.

Sie haben gesagt, nach der Abstimmung werde die SRG nie mehr dieselbe sein.
Es wird sich viel ändern. So etwas geht nicht spurlos an einem vorbei, das zieht sich durchs ganze Unternehmen, und zwar nicht nur negativ. Wir haben noch nie so viel erfahren über uns selber, so viel Selbstreflexion betrieben wie jetzt. Die breite Diskussion, die zurzeit stattfindet, ist eine Chance. Wenn es am 4. März gut geht, dann war das alles durchaus auch positiv.

Und wenn es nicht gut geht?
Dann ist die Schweiz die erste europäische Demokratie – und erst noch eine direkte – ohne öffentliches Medienhaus. Da hätte ich grosse Mühe, das zu verdauen.