Nr. 02/2018 vom 11.01.2018

Der Markt solls richten!

Die Nebelwand der No-Billag-Initiative verschleiert, welche ökonomischen Interessen mit dem Druck auf die SRG verfolgt werden.

Von Hansi Voigt

Die Debatte um «No Billag» erinnert frappant an die Situation in den USA: Die Schlagzeilen gehören Trumps Dummheiten, während im Hintergrund die Bereicherungsmaschinerie der Republikaner fast unbeachtet Fahrt aufnimmt.

Würde die No-Billag-Initiative korrekterweise «SRG-Abschaffungs-Initiative» heissen, wäre das Thema längst erledigt. Entsprechend wiederholen die InitiantInnen mantramässig, es gehe nur um eine Neuerfindung der SRG – einfach ohne 1,2 Milliarden Franken Gebühren. Die bisherigen Vorschläge der InitiantInnen zur Umgestaltung der SRG lassen zwei Schlüsse zu: 1. Die No-Billag-Leute haben den Kapitalismus und die Zwänge der Ökonomie überwunden. 2. Auch die alte Sponti-Forderung «Alle Macht der Fantasie» wurde umgesetzt.

Unbelastet von Sachkenntnis, werden alle Privat-TV-Irrwege vorgeschlagen, die längst begangen worden sind. RTL-Schweiz-Nachrichtenfenster, Tele 24, TV3 – alles Millionengräber. Dies zu Zeiten, als das TV-Publikum noch täglich durchschnittlich vier Stunden seiner Aufmerksamkeit einem von nur fünfzehn Sendern schenkte. Heute ist die Durchschnittszuschauerin älter und schaut täglich keine siebzig Minuten mehr. Diese verteilt sie aber neu auf 350 Sender und deren gesamtes Wochenprogramm im Replay-Modus.

Noch billiger als Netflix

Wie teuer Fantasie werden kann, zeigte das Tamedia-Abenteuer TV3. Der Sender verbrannte vor knapp zwanzig Jahren, in goldenen TV-Zeiten und unter strategischer Leitung des Journalisten Kurt W. Zimmermann, innert Kürze 110 Millionen Franken. Dann gings ans Lichterlöschen. Als Erstes killte man die teuren Nachrichtenformate, bald war ganz Schluss. Die Tamedia-Eigentümerfamilie ist angesichts des TV3-Debakels dermassen traumatisiert, dass sie bis heute nie mehr einen Manager mit journalistischem Stallgeruch in die Nähe der Konzernleitung gelassen hat.

Etwas Innovatives, ein «Tagesschau-Abo», schlägt die «Medien-Expertin» («20 Minuten») und Goldbach-Lobbyistin Natalie Rickli vor. Weltweit gibt es nur eine Nachrichtensendung, die sich mit Abos finanziert, sie heisst «Naked News». Trump, Iran, Sport, Kälteeinbruch – alles da. Eine junge Frau präsentiert professionell die Nachrichten. Nach der zweiten Meldung steht sie ohne Bluse da, beim Sport im Höschen und beim Wetter ist sie splitternackt. Die sechs Ausgaben pro Woche kosten im Jahresabo 72 Dollar (noch billiger als Netflix!).

Die Einzigen, die in der Schweiz erfolgreich gebührenfreies Privatfernsehen machen – 3-Plus-Besitzer Dominik Kaiser und der TV-24-Geschäftsführer Roger Elsener –, bieten, genau wie Netflix, so ziemlich alles ausser eines: unrentable Nachrichten. Dumm für die No-Billag-FreundInnen: Je länger man sie über die Medienzukunft fabulieren lässt, desto mehr erledigen sie ihre Initiative gleich selber.

Rohmaterial für Tamedia

Und die Bereicherungsmaschinerie im Hintergrund? Tamedia will bekanntlich den Schweizer Vermarkter der deutschen TV-Sender, Goldbach-Media, übernehmen. Gleichzeitig will der TA-Verlag den Druck der No-Billag-Initiative nutzen, um die SRG aus Admeira, der Vermarktungsallianz mit Swisscom und Ringier, zu drängen. Ohne SRG ergibt diese Allianz kaum Sinn. Und ohne Admeira wird Goldbach/Tamedia zur monopolähnlichen Vermarktungsplattform. Bingo? Noch nicht.

Laut diversen Quellen hat der Verwaltungsratspräsident von Tamedia, Pietro Supino, sämtliche Medientitel (von «Tages-Anzeiger» bis «Schweizer Familie») für eine halbe Milliarde Franken zum Kauf angeboten. Alles ausser «20 Minuten» – Print und vor allem Online. Unklar ist, wie ernst das Angebot gemeint war. Das Ziel aber ist klar: Statt selber Inhalte herzustellen, will Tamedia von der Vermarktung bereits hergestellter Inhalte leben. So wie es Goldbach, aber auch Facebook oder Google bereits tun. Im TV-Markt arbeiten bald die deutschen Redaktionen von RTL für das Schweizer Werbefenster von Tamedia. Doch wo kommen die Bewegtbildinhalte her, auf denen man im Internet Werbung schalten kann?

Ganz einfach: Die SRG soll sämtliche – gebührenfinanzierten – Leistungen als Rohmaterial und ohne Logo herausrücken. Tamedia kann diese zu neuen Formaten zusammenschnipseln. Diese werden als Schweizer Nachrichtenfenster auf den Goldbach-Kanälen im TV und auf «20 Minuten Online» präsentiert und vermarktet. Denn Online gehört die Zukunft, und der Markt soll es richten!

Hansi Voigt (54) war stellvertretender Chefredaktor bei «Cash», arbeitete lange beim Onlineportal «20 Minuten» und gründete «Watson» mit. An dieser Stelle schreibt er zu Fragen der Medienzukunft.

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