Nr. 02/2018 vom 11.01.2018

Was tun Sie, wenn «No Billag» angenommen wird?

SRF-3-Moderator Reeto von Gunten kann sich ein Leben ohne Radio nicht vorstellen. Er verrät, was er an den zwei Sonntagen im Jahr macht, an denen er nicht sendet – und was er vorschlägt, wenn es am 4. März knapp wird.

Von Bettina Dyttrich (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Reeto von Gunten: «Wenn ich merke, dass es eng wird, erkläre ich am Abstimmungssonntag einfach dem Fürstentum Liechtenstein den Krieg.»

WOZ: Reeto von Gunten, macht Sie die No-Billag-Initiative nervös?
Reeto von Gunten: Nein. Für mich persönlich würde es bedeuten, dass ich meinem heissest geliebten Hobby nicht mehr frönen kann. Das ist, wie wenn einer nicht mehr modelleisenbähneln kann – nicht so wahnsinnig schlimm.

Also schauen Sie dem 4. März gelassen entgegen?
Nein, überhaupt nicht. Man neigt ja gern dazu zu denken: Ja, was da in England mit dem Brexit passiert – die sind vielleicht einfach ein bisschen doof. Und dann bekommt man vorgeführt, wie schnell so etwas auch bei uns passieren kann. Das finde ich beängstigend.

Wie kommt ein Land dazu, sein öffentliches Medienhaus aufs Spiel zu setzen?
Ich bin überzeugt, dass die Initianten einen Plan haben. Sie versuchen, in einer zunehmend liberalisierten Gesellschaft alles möglichst so zu gestalten, dass sich auf privater Ebene Geld verdienen lässt. Was die SRG leistet für – Jesses Gott – für die Kulturvielfalt, die Sprachvielfalt, den Zusammenhalt und die Identität des Landes und damit letztlich für die Demokratie der Schweiz, wird einfach weggewischt. Der Plan ist ganz klar: in die Bresche zu springen, die da gerissen würde.

Warum findet «No Billag» so viel Anklang?
Ich glaube, die SRG hat die Anpassung ihres Geschäfts an die Marktsituation ein bisschen verschlafen. Es ist einfach nicht mehr so zeitgemäss, den Fuss in die Tür zu halten und den Leuten ihr schwer verdientes Geld abzunehmen, wie das die Billag macht. Viele geben ja Unsummen von Geld für irgendwelche Software- oder Onlineabos aus – wie viel kostet Netflix schon wieder pro Monat? Da habe ich einmal auf o.k. geklickt, seither wird das von meiner Kreditkarte abgebucht, und wenn ich einmal vorgeführt bekäme, was ich da im Ganzen ausgebe, würde ich wahrscheinlich erschrecken. Bei der Billag bekommt man es vorgeführt. Grundsätzlich finde ich die Diskussion, ob das Schiff den richtigen Kurs fährt und ob es die richtige Grösse hat, wertvoll und wichtig. Sie wird einfach ein bisschen auf einem gefährlichen Level geführt – auf einem Kanonenboot, und die Lunte brennt schon. Man kann nur hoffen, dass der Winkel des Rohrs richtig gestellt ist, um dem grossen Schiff eins vor den Bug zu knallen, und es nicht gleich versenkt wird.

Diskutieren Sie oft über die Initiative?
Ja, ich bin gerade auf Tournee mit meinem neuen Buch und rede gern am Büchertisch mit den Leuten. Da staune ich schon – manche haben ernsthaft das Gefühl, man könne ohne eine Finanzierung, wie sie die Billag gewährleistet, so etwas wie eine Lauberhorn-Abfahrt mit Fernsehübertragung durchführen. Im Wallis meinte einer, die «Tagesschau» werde es auch nach einem Ja noch geben: «Die brauchts ja.» Ich sagte: Nein, die gibts nicht mehr. Es gibt nichts mehr von dieser Institution. «Ja, aber da würde schon jemand schauen, dass es die noch gibt.»

Dann ist «No Billag» ein grosses Thema am Büchertisch?
Unbedingt. Ich versuche den Leuten auch aufzuzeigen, was Radio für ein tolles Medium ist. Manchmal treffe ich an Lesungen geheime Abmachungen mit dem Publikum – zum Beispiel, welchen Song ich am Sonntag nach den Sieben-Uhr-Nachrichten spiele. Das ist das Coole am Radio: Es ist wahnsinnig unmittelbar. Wir könnten dieses Gespräch hier abbrechen, in zehn Minuten wären wir on air, und die ganze Schweiz hört zu. Das geht nur im Radio. Und wie meine Nichte sagte, Radio ist überall – dieses Überall wird aber nicht mit privaten Interessen finanziert, sondern ist der Allgemeinheit verpflichtet. Das finde ich zentral.

Würden Sie für ein privates Radio arbeiten?
Bis jetzt habe ich immer Nein gesagt, wenn jemand gefragt hat. Es ist, wie wenn du einen Junkie fragst, ob er auch von einem anderen Dealer kaufen würde: Wenn es meinen nicht mehr gäbe, müsste ich es mir überlegen.

Sie haben Radiomachen als Hobby bezeichnet – ist es kein relevanter Teil Ihres Einkommens mehr?
Doch, aber ich mache es nicht deswegen. Das Wort «Hobby» hat einen seltsamen Beigeschmack. Es ist eine Leidenschaft. Ich mache fünfzig Sendungen pro Jahr, jeden Sonntag, ausser zwei Wochen Sommerferien. Und an diesen Sonntagen, an denen ich nicht sende, irgendwo in Schweden auf einer Insel, erwache ich morgens um vier, weil dann Zeit ist aufzustehen, um Radio zu machen. Ohne Wecker. Ich habe schon eine gewisse Abhängigkeit von diesem faszinierenden Medium entwickelt. Es kann gut sein, dass ich mit 95 in der Waschküche sitze und so tue, als würde ich senden. Weil mir die Enkelkinder dort ein Studio eingerichtet haben.

Was tun Sie, wenn «No Billag» angenommen wird?
Im Initiativtext steht ja, dass der Staat nur im Kriegsfall eigenes Radio und Fernsehen betreiben darf. Wenn ich merke, dass es eng wird, erkläre ich am Abstimmungssonntag am Radio einfach dem Fürstentum Liechtenstein den Krieg. Es werden sich sicher ein paar Hooligans finden lassen, die sich jedes Wochenende grenznah gegenseitig verprügeln.

Reeto von Gunten (54) ist freier Autor und Radiomoderator von Radio SRF 3. Sein neues Buch heisst «Single». Er liest im Januar noch in Sursee, Seewen, Solothurn, Gachnang und Bremgarten.

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