Nr. 02/2018 vom 11.01.2018

Das Überwinden von Selbstverständlichkeiten

Ulrich Brand und Markus Wissen durchleuchten in ihrem Buch, wie tief sich die Ausbeutung des Globalen Südens im wohlstandsgesellschaftlichen Alltag verankert hat – bis weit ins links-grüne Milieu.

Von Ruedi Epple

Die Strategie, der Krise mit dem SUV zu begegnen, verschärft in der Summe genau das, woran sie sich anzupassen versucht: Verkehr am Zürcher Kreuzplatz. Foto: Florian Bachmann

Zum Shopping nach Hamburg fliegen, Ferien machen am Roten Meer oder sich ein Haus im Grünen bauen, wo «man» zum Pendeln das Auto braucht: In unseren Breitengraden haben sich für breite Bevölkerungsschichten viele solche «Selbstverständlichkeiten» eingespielt.

Gilt etwas als mehr oder weniger selbstverständlich, wird es nicht mehr hinterfragt. Der Wiener Politologe Ulrich Brand und der Berliner Wirtschaftswissenschaftler Markus Wissen haben es sich zur Aufgabe gemacht, ebensolche Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen. Der Titel ihres Buchs: «Imperiale Lebensweise». Untertitel: «Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus».

«Imperiale Lebensweise» dient den Autoren als Schlüsselbegriff. Kerngedanke dabei ist, dass der Globale Norden auf «den im Prinzip unbegrenzten Zugriff auf das Arbeitsvermögen, die natürlichen Ressourcen und die Senken» des Globalen Südens angewiesen ist (mit «Senken» sind Ökosysteme gemeint, die mehr von einem bestimmten Stoff aufnehmen, als sie selbst an ihre Umwelt abgeben). Dieses Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnis reproduziert sich strukturell auf der Basis von Ungleichheit, Macht und Herrschaft – und setzt sich nicht selten auch mit direkter Gewalt durch.

Widersprüchliches Verhalten

Der Begriff der imperialen Lebensweise verknüpft das Alltagshandeln mit der gesellschaftlichen Struktur. Er verweist damit auf die Produktions-, Distributions- und Konsumnormen, «die tief in die politischen, ökonomischen und kulturellen Alltagsstrukturen und -praxen der Bevölkerung im globalen Norden und zunehmend auch in den Schwellenländern des globalen Südens» eingeprägt sind. Wie eine solche «imperiale Lebensweise» konkret funktioniert, zeigen Brand und Wissen unter anderem am Beispiel der zeitgenössischen Automobilität – und zwar anhand der Sport Utility Vehicles (SUV), jener Mischung aus Limousine und Geländewagen, die derzeit wie kein anderer Autotyp beworben und verkauft wird.

Diese Autos verbrauchen aufgrund ihrer Grösse und ihres Gewichts für Herstellung und Betrieb mehr Ressourcen als andere Autos, sie belegen mehr öffentlichen Raum, stossen vergleichsweise mehr Schadstoffe aus und setzen andere VerkehrsteilnehmerInnen noch höheren Verletzungsrisiken aus. Pikant ist ausserdem, dass SUV-Modelle meist nur von Haushalten gekauft werden, die über ein hohes Einkommen – und damit oft auch über ein (vermeintlich) ausgeprägteres Umweltbewusstsein – verfügen.

Als individuelle Strategie kann dieses widersprüchliche Verhalten durchaus erklärbar sein: Weil ihre Fahrzeuge stärker und grösser sind, schützen SUV-LenkerInnen sich und die Mitfahrenden vor den Gefahren des Autoverkehrs, ohne dass sie darauf verzichten müssen. Auch sind sie mit einem Geländewagen grundsätzlich besser für die Folgen des Klimawandels gewappnet. Und schliesslich sind SUV-FahrerInnen auch im alltäglichen Konkurrenzkampf auf der Strasse im Vorteil: Man steht zwar vielfach im selben Stau, doch blickt man aus einer vergleichsweise hohen Warte auf andere AutomobilistInnen herunter.

Insgesamt spitzen die SUVs die Widersprüche der imperialen Lebensweise zu: Herstellung und Betrieb sind nicht ohne Rückgriff auf Ressourcen und Senken des Globalen Südens möglich. Die individuelle Strategie, der Krise mit dem SUV zu begegnen, verschärft in der Summe genau das, woran sie sich anzupassen versucht. Wobei das ebenso auf Strategien zutrifft, die die Automobilität zu modernisieren versuchen: Hersteller von Elektroautos sind gleichermassen auf Ressourcen und Senken des Globalen Südens angewiesen.

Was für Auswege?

Ulrich Brand und Markus Wissen belassen es nicht bei der Gegenwartsdiagnose. Das letzte Kapitel widmen sie Ansätzen einer solidarischen Lebensweise. Dabei gehe es zunächst darum, Bewegungen zu widerstehen, die autoritäre, marktradikale, rassistische oder nationalistische Auswege propagierten. Zudem müssten die verbreiteten Selbstverständlichkeiten durch Leitbilder ersetzt werden, die die kapitalistische Landnahme zurückdrängten. Auch seien verbindliche politische Regeln zu entwickeln, wie sie etwa in Vorstellungen zur Wirtschaftsdemokratie enthalten seien.

Wobei der Übergang zu einer solidarischen Lebensweise auch unspektakulär sein könne. Zum Beispiel könne er darin bestehen, «sich den heutigen Lebens- und Konsumnormen zu entziehen, explizite und implizite Regeln nicht mehr zu befolgen, bestimmte Praxen und Nahelegungen nicht mehr zu akzeptieren und zu unterbrechen». Gerade weil sich die imperiale Lebensweise in Alltag und Körper eingeschrieben habe, müsse deren Überwindung auch in dieser Dimension ansetzen.

Ulrich Brand ist am Sonntag, 14. Januar 2018, um 14 Uhr im Restaurant Löscher, Viktoriastrasse 70 in Bern, Gast an einem öffentlichen Workshop der SP Bern-Nord.

Am Montag, 15. Januar 2018, um 20 Uhr diskutiert WOZ- Redaktor Yves Wegelin mit Brand und SP-Nationalrätin Mattea Meyer im Zürcher «Kosmos». Moderation: Laura Huonker.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 88-385775-2
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH 75 0900 0000 8838 5775 2
Verwendungszweck Spende woz.ch