Nr. 02/2018 vom 11.01.2018

Der Tahrirplatz ist bloss noch Erinnerung

Die Diskriminierung von Homosexuellen und Transmenschen hat in Ägypten eine lange Geschichte. Die aktuelle Unterdrückungswelle aber ist beispiellos. Denn das Regime von Präsident Abdel Fattah al-Sisi braucht Sündenböcke, um die Bevölkerung bei der Stange zu halten.

Von Eleonora Vio (Text) und Vinciane Jacquet (Fotos)

Jeden Tag steht Ahmed Hegazy früh auf für das Morgengebet. Dann frühstückt er, zieht sich an und eilt aus der Tür, bevor seine Mutter wieder mit ihren Sprüchen anfängt. Denn seit er bei der Arbeit befördert wurde, besteht sie darauf, dass er endlich eine Freundin findet. Und er ist es leid, Ausreden zu erfinden, um dem Thema auszuweichen.

Früher hielt er auf dem Weg zur Arbeit manchmal an, um sein Spiegelbild in den Glasfenstern der alten Cafés von Alexandria zu fotografieren. Schon damals waren die Cafés geschlossen, sie tragen aber noch heute die Zeichen einer anderen Zeit. Denn was für Ahmed Hegazy heute wie eine erschreckende Stadt aussieht, war einst von KünstlerInnen und Intellektuellen bevölkert. Er trug Shorts und ein enges gelbes T-Shirt, das seinen gut gebauten Körper betonte. In der Kleiderwahl lag eine Möglichkeit, zum Ausdruck zu bringen, was weder seine Mutter noch seine Kollegen oder die Leute in den Strassen wissen durften; etwas, das er aber mit seinem geheimen Netz von Onlinekontakten teilen konnte und, nachts oder am Wochenende, mit seiner Gruppe «verdorbener» FreundInnen. «Die Regenbogenfarben und die engen Kleidungsstücke sind Teil der Homosexualität, sie spiegeln unsere Freiheit wider», sagt Hegazy. Zu seinem Schutz ist sein Name hier geändert, genau wie die aller anderen Betroffenen. «Als 2014 die Verhaftungswellen begannen, warf ich alles weg. Wenn ich jetzt durch die Strassen laufe, trage ich nur noch Schwarz.»

Wer gleich nach der Revolution von 2011 nicht in Ägypten gelebt hat, wird sich kaum vorstellen können, was damals hier abging. Untergrundpartys gehörten zum Alltag, als sich die Menschen gegen alle Regeln auflehnten. Und auch Hegazy hat keine einzige wilde Nacht verpasst. Seit dem Militärputsch von Abdel Fattah al-Sisi im Juli 2013 hat sich aber alles verändert. Mittlerweile verlässt er kaum mehr sein Haus, den Kontakt zu vielen FreundInnen hat er abgebrochen. Im modernen Ägypten war es um LGBT-Rechte zwar noch nie wirklich gut bestellt. Immerhin konnte man sich aber zwischen «öffentlichen Lügen und privaten Wahrheiten» hin und her bewegen, wie ein persisches Sprichwort besagt. Das Ausmass des aktuellen Vorgehens gegen LGBT-Menschen hingegen ist beispiellos. Denn noch nie in der Geschichte des Landes gingen die Behörden so weit, die Regenbogenfahne – ein Symbol des Friedens und der Vielfalt – zur Bedrohung der nationalen Sicherheit zu erklären und Homosexuelle als StaatsverräterInnen zu brandmarken.

SpionInnen fremder Länder?

Die Menschenjagd begann am 22. September letzten Jahres, als die libanesische Indiepop-Band Mashrou’ Leila, deren Frontmann offen homosexuell ist und in seinen Songs oft queere Themen behandelt, in Kairo auftrat. Nicht zum ersten Mal. Als die KonzertbesucherInnen in der Arena tanzten und laut sangen, begannen einige von ihnen, eine Regenbogenfahne zu schwenken. Bilder davon fanden sich schnell in den sozialen Medien wieder. «Ich habe Mashrou’ Leila in Ägypten schon viele Male live gesehen, und immer waren dort Regenbogenfahnen», sagt Hazim Seif, ein LGBT-Aktivist. «Von den Tagen damals auf dem Tahrirplatz ganz zu schweigen … Aber es ist unsinnig, jetzt in diesen Erinnerungen zu schwelgen.»

Im Ägypten von Präsident Abdel Fattah al-Sisi, wo Behörden, Geheimdienste und Medien eng verwoben sind, ist es schwierig auseinanderzuhalten, ob die homophobe Hysterie nach dem Konzert in Fernsehsendern und nationalen Zeitungen spontan ausbrach oder ob sie von Anfang an geplant war. Aber Sisi konnte letztlich gar nicht anders, als zu intervenieren, nach all den Kommentaren und Klagen vieler berühmter Personen. Nachdem die libanesische Band des Landes verwiesen wurde, veranlasste Sisi Razzien in Bars, Restaurants und Cafés, die für eine gayfreundliche Haltung bekannt waren. Und er beorderte seine ergebensten Polizisten in die dunkle Welt des Internets, um so viele Homosexuelle wie möglich zu greifen.

In Ägypten wird Homosexualität heute zwar als übertragbare Krankheit angesehen. Aber sie ist nicht – oder zumindest noch nicht – ausdrücklich verboten. Um Homosexuelle zu verhaften, verwenden die Behörden deshalb bis heute ein Gesetz gegen Prostitution aus dem Jahr 1961, das «notorische Verkommenheit» – das heisst mehr als zweimal in drei Jahren wiederholter gleichgeschlechtlicher Sex – und «sexuelle Abartigkeit» als Fehlverhalten behandelt und mit bis zu drei Jahren Haft bestraft. Gemäss der Ägyptischen Initiative für Persönlichkeitsrechte (EIPR), einer Menschenrechtsgruppe, wurden zwischen dem 19. September und dem 15. Oktober 2017 siebzig Männer und eine Frau verhaftet und mindestens fünf von ihnen zu analen Untersuchungen gezwungen. Die Behörden behaupten, damit lasse sich die sexuelle Orientierung einer Person feststellen. Gegen 27 wurden Gefängnisstrafen zwischen sechs Monaten und sechs Jahren verhängt. Sieben wurden freigesprochen oder freigelassen, und bloss einer der Männer und die Frau warten noch immer darauf, dass gegen sie als Gefahr für die nationale Sicherheit prozessiert wird – weil sie am Konzert von Mashrou’ Leila eine Regenbogenfahne geschwenkt haben sollen.

«Die Geschichte mit der Fahne ist bloss ein Vorwand, in Tat und Wahrheit hatten die Verhaftungen bereits drei Tage vor dem Konzert angefangen», sagt Dalia Abdel Hamid, Leiterin des Genderprogramms von EIPR. «Die Behörden wollten unbeschwert so viele Menschen wie möglich festnehmen», ist sie überzeugt. «Und indem sie Fälle homosexueller Unsittlichkeit mit solchen mit terroristischem Hintergrund vermischte, überzeugten sie die Leute davon, dass alle LGBT-Menschen, vor allem aber Homosexuelle, Spione fremder Länder sind.»

Nach vier Jahren zählt das Regime von Sisi, des ehemaligen Befehlshabers der ägyptischen Streitkräfte, mehr als 60 000 politische Gefangene. Seine Brutalität hat jene von Hosni Mubarak, dem früheren langjährigen Diktator, überstiegen. Und noch beunruhigender ist die Tatsache, dass ihn die ägyptische Bevölkerung für seine skrupellose Menschenjagd bejubelt. Laut Muhammad Hamdan, einem homosexuellen Mann aus wohlhabender Familie, war die ägyptische Gesellschaft zwar immer schon konservativ. «Aber mit der Revolution hat sie gelernt, den Mund aufzumachen», sagt er. Hamdan ist deshalb aus Ägypten geflohen und hat in den USA Asyl beantragt. Sogar orthodoxe MuslimInnen hätten sich heute entschieden zu rebellieren. «Und zwar gegen das, was sie nicht nur als Abscheulichkeit betrachten, sondern auch als eine westliche Sitte, die unsere moralischen Traditionen verdirbt», erklärt er. Muhammad Hamdan spricht ein perfektes Englisch – typisch für einen, der in seinem Leben bloss Privatschulen besucht hat. Die Situation verschlimmere sich täglich: «Ich war nicht beunruhigt, solange die Polizei nur Leute aus der unteren Mittelschicht attackierte», sagt er am Telefon. «Als aber eines Tages zwei Typen auf einem Motorrad anfingen, mich zu bedrängen und zu beschimpfen, da entschied ich mich abzuhauen.»

«Muslimischer als die Muslimbrüder»

Warum haben nun die Behörden genau diesen Moment gewählt, um Homosexuelle zur schlimmsten Bedrohung für die physische und seelische Unversehrtheit des Landes zu erklären? «Wegen der zerschmetterten Wirtschaft; wegen der Inseln im Roten Meer, die man an Saudi-Arabien abtreten musste; und wegen der ständigen Bedrohung durch islamistische Terroristen», lautet die Erklärung von Scott Long. Als ehemaliger Leiter des Genderprogramms von Human Rights Watch für den Nahen Osten und Nordafrika ist er eine einflussreiche Stimme punkto LGBT-Rechte. «Die Regierung hat deshalb den Unmut der Menschen geschürt: um imaginäre Feinde zu schaffen und damit die eigene Popularität wieder zu stärken», sagt er. Drei Jahre lang hat Long verdeckt in Kairo gelebt, um die zahlreichen Übergriffe gegen die LGBT-Gemeinschaft zu dokumentieren und deren Mitgliedern medizinische und juristische Unterstützung zu geben. Bis er 2016 auf mehr oder weniger subtile Weise aufgefordert wurde, das Land zu verlassen.

Für Human Rights Watch hat Long zuvor auch bereits den berühmten «Queen Boat»-Fall von 2001 untersucht: Damals hat die Polizei in Kairo 53 Personen verhaftet, die auf einem Schiff auf dem Nil eine Gayparty besucht hatten. «Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich Homosexuelle in Ägypten relativ sicher gefühlt. Sie gingen aus und feierten Partys wie alle anderen auch», sagt Long. Doch dann habe der ägyptische Sicherheitsapparat plötzlich den Befehl erhalten zu bestrafen, wer auch immer das Regime kritisiert. «Was hätte Mubarak für eine bessere Möglichkeit finden können, um seinen Rückhalt zu stärken, als gegen Homosexuelle zu hetzen?», sagte Long in Kairo vor vier Jahren. Und heute sagt er: «Für Sisi ist es dasselbe. Er hat 2013 die Muslimbrüder gestürzt und muss jetzt beweisen, dass er ‹muslimischer ist als die›. Zusätzlich muss er das Image der Polizei aufbessern – nach all den Übergriffen, die sie 2011 begangen hat.» 2013 und 2014 wurden die Errungenschaften, die in den zwei Jahren davor erreicht worden waren, weggespült.

Fallen überall

Als der Tahrirplatz nach dem Putsch von Sisi im Juli 2013 gesperrt wurde, schossen überall Checkpoints der Polizei aus dem Boden. Cafés, Bars und Theater wurden derweil unter fadenscheinigen Vorwänden geschlossen. Die Polizei griff gegen Homosexuelle durch, auf offener Strasse genauso wie an ihren Treffpunkten. «Das Ergebnis dieser grossflächigen Terrorherrschaft war ein Verdrängen der LGBT-Gemeinschaft in den Untergrund», sagt Long. Die Leute seien immer abhängiger vom Internet und von Onlinedating-Apps und -seiten geworden. Und seit Ende 2014 hat Sisi, der das Internet «sogar stärker fürchtet als noch seine Vorgänger», Einheiten von Polizeibeamten ausbilden lassen, die online jungen Homosexuellen auflauern. Nachdem sie mit ihnen wochenlang falsche Beziehungen pflegen, lassen sie sie bei Blind Dates in die Falle gehen. Dann machen sie sich einen Spass daraus, sie zu verhaften und zu erniedrigen.

Das Fallenstellen im Internet sei aber nur eines von drei Mustern, das sich im scharfen Vorgehen gegen Homosexuelle abzeichne, sagt Dalia Abdel Hamid. «Das zweite ist die Ausweisung homosexueller Ausländer unter einer Gesetzesänderung, die 2013 vom Verwaltungsgericht erlassen worden ist», erklärt sie. Diese erteile den Behörden grünes Licht, ohne abgeschlossenes Gerichtsurteil abzuschieben, wer immer die «öffentliche Sittlichkeit» verletze. «Und das dritte Muster ist es, Sexskandale zu lancieren, um Panik in der Bevölkerung zu schüren», erklärt Abdel Hamid. «Genau wie im Fall der Regenbogenfahne.» Seit März 2017 zählte die EIPR siebzehn Deportationen ausländischer Staatsangehöriger.

Mahmoud Abdallah, selber homosexuell und ein guter Freund eines der Ausgewiesenen, zeigt sich geschockt. Bevor sein Freund nach Italien abgeschoben wurde, war er 27 Tage lang festgehalten worden. Er musste mit ansehen, wie seine Mitgefangenen gefoltert wurden. «Mir wurde schlecht, als ich davon hörte», sagt Abdallah. «Dann begann ich, alle Dating-Apps, Nachrichten und Bilder von meinem Handy zu löschen, und schaltete es während Monaten nicht mehr an», schildert er. «Ich war mir sicher, dass mich die Polizei verfolgte, und es erstaunt mich bis heute, dass ich es geschafft habe zu überleben.»

Von der Strasse ins Parlament

Die EIPR hat seit 2013 über 300 Verhaftungen wegen «notorischer Verkommenheit» registriert – gegenüber 185 zwischen 2000 und 2013. Organisationen, AktivistInnen und Homosexuelle tauschen zwar Informationen darüber aus, wie man sicher im Internet surft und sich gegenüber der überall lauernden Polizei unauffällig verhält. Unter den Verhafteten sind aber viele, die sich der Versuchung dennoch nicht entziehen konnten, online vermeintlichen Schutz zu suchen. Zwei von Mahmoud Abdallahs Freunden wurden im Zuge der Razzien seit September verhaftet, seit einem Monat hat er nichts mehr von ihnen gehört. «Ich gebe mich nicht allzu feminin und habe vor einiger Zeit alle Beweise gelöscht, die meine Sexualität verraten könnten. Darum fürchte ich nicht, verhaftet zu werden», sagt er. «Was ich hingegen fürchte, sind die physischen und verbalen Misshandlungen durch jene Leute in meinem Viertel, die wissen, wer ich bin.» Innert weniger Monate wurde Abdallah dreimal mit einem Messer bedroht und ausgeraubt.

Hazim Seif hat ähnliche Erfahrungen gemacht. «An einem Abend, nach ein paar Drinks mit meinen Freunden, nahm ich ein Taxi», erzählt er. «Der Fahrer baggerte mich an, und ich fiel darauf herein, wie ein Trottel. Nach einigen Minuten schlug er mich und raubte mich aus.» Es gibt Leute, die würden nun sagen, dass Gewalt und Schikanen in Ägypten keine besondere Sache seien. «Aber der Hass, den die Leute gegenüber Homosexuellen empfinden, lässt sich nicht mit jenem gegen Frauen, Christen oder sogar jenem gegen die Muslimbruderschaft vergleichen», sagt Seif, «denn alle, auch Liberale, sind sich einig, dass wir krank sind und eliminiert werden sollen.» So kann EIPR, die Homosexuellen juristischen Beistand bietet, für die Betroffenen nicht einmal Aufklärungskampagnen lancieren. Denn damit würden diese zusätzlichen Risiken ausgesetzt.

Der ganze Horror hatte seinen Ursprung in den Strassen, doch mittlerweile ist er auch im Parlament angekommen. Bereits wird dort ein Gesetzesentwurf zum Verbot von Homosexualität diskutiert. Und die Medien füttern weiterhin den Hass in der Bevölkerung. Seit kurzem ist es ihnen ohnehin verboten, Sympathie jeglicher Form gegenüber LGBT-Menschen auszudrücken. So dürfen sie heute bloss noch jenen Homosexuellen eine Stimme und Raum gewähren, die sich zum Aufgeben entschlossen und einer medizinischen Behandlung zugestimmt haben.

Es gibt keine genauen Angaben zur Zahl der Homosexuellen, die Ägypten aufgrund der grassierenden Diskriminierung bereits verlassen haben. Aber die Gebliebenen versuchen, einen Ausweg zu finden. «Ich bin bloss 25 Jahre alt und verdiene es, ein besseres Leben zu haben», sagt Ahmed Hegazy. Aber er ist erschöpft. «Mein Land ist ein riesiges Gefängnis, und wir Homosexuellen sind alle zum Tod verurteilt.» Wenn er sich in sein Schlafzimmer zurückzieht, muss er sich anhören, was seine Mutter über Menschen wie ihn denkt. Er lauscht, wenn sie vor dem Fernseher sitzt und die schlimmsten Beleidigungen gegen diese «unheilbar kranken Menschen» und «Abscheulichkeiten» ausstösst. Dann dreht er leise den Schlüssel im Schloss seiner Zimmertür.

Aus dem Englischen von Raphael Albisser.

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