Nr. 02/2018 vom 11.01.2018

Alles fährt Ski?

Damals in den achtziger und neunziger Jahren, als Kind und als Jugendlicher, wusste der heutige WOZ-Fotograf nichts von Städtetrips und Strandurlaub zur Winterszeit, sondern kannte nur Wintersportferien. Doch wie haben sich die Skigebiete seither verändert? Und was für Auswirkungen hat die steigende Schneegrenze? Eine Spurensuche.

Von Florian Bachmann (Text und Fotos)

Zusammen mit den Nachbarsbuben standen wir als kleine Jungs in unserer Stube, gingen leicht in die Knie und wackelten mit dem ganzen Körper. Wir übten Wedeln für die kommende Saison.

«Warum eigentlich sollte jedes Kind in der Schweiz Skifahren lernen?», fragt mich heute meine Freundin aus Süddeutschland.

Jim, unser älterer Sohn, ist jetzt vier Jahre alt und könnte doch zur Skischule gehen. Oder wie mir das Bundesamt für Sport mitteilt: «Der Bund hat 2014 zusammen mit Partnern beschlossen, den Schneesport in der Schweiz als Traditionsgut verstärkt zu fördern.»

Ich soll jetzt also von Generation zu Generation das Skifahren weitergeben. Aber wie und wo habe ich selbst gelernt, Ski zu fahren? Ich reise zurück an die Orte, wo ich im Schnee lag, stand und rumkurvte – nun aber mit meiner Kamera um den Hals statt Brettern unter den Füssen.


Mein Vater war Lehrer und leitete Jahr für Jahr das polysportive Lager, und so begleiteten wir ihn als Familie nach Maloja oder Bergün. Ich ging widerwillig in die Skischule, stellte mich mindestens zwei Tage krank und verpasste auch das Skirennen. Mein älterer Bruder gewann, und ich pieselte in den Skianzug. Schlecht gefahren sei ich nicht, sagt meine Mutter heute. Aber richtig gelernt habe ich das Skifahren erst vor der Haustür – am Hang im St. Galler Riethüsli-Quartier, am Stadtskilift und in der nahen Vögelinsegg.

Verglichen mit meinen PrimarschulkameradInnen, die fast alle aus Ländern mit weniger ausgeprägter Schneesporttradition kamen, war ich einer der besten Skifahrer der Klasse. Ich durfte sogar meinem Kameraden Latif, der mit seiner Familie vor dem drohenden Krieg in Bosnien geflüchtet war, das Skiliftfahren beibringen. Wir stellten uns am Lift Vögelinsegg nebeneinander hin, ich nahm vom Bügelmann den Bügel entgegen, der mit hohem Tempo um die Kurve geschossen kam, positionierte das ankerförmige Ding unter meinen Po, das Drahtseil wurde länger und länger, ruckartig fuhren wir los und liessen uns den Berg hochziehen. Doch statt einfach aufrecht zu bleiben, setzte sich Latif auf den Bügel – wir landeten im Schnee. Immer und immer wieder.

Drei Jahrzehnte später stehen an einem Mittwochnachmittag in der Vögelinsegg drei Leute im Kassenhäuschen, reichen den Kindern die Bügel und schauen, dass beim Abbügeln nichts schiefläuft. Eine Nebeldecke verbindet die Schneelandschaft zu einem weissen Nichts. Jetzt den Hang runterzufahren, hätte etwas Schlafwandlerisches. Keine Orientierung, kein Gefühl für die Geschwindigkeit. Alles weiss.

So einen Skilift auf eine grüne Wiese zu stellen, koste zwischen 600 000 und 700 000 Franken, erzählt mir Christof Chapuis, der Präsident der Genossenschaft, die den Skilift seit zwölf Jahren betreibt. Demnächst sei eine Sanierung von drei Masten geplant, gehofft wird auf Spenden von Privatpersonen, Stiftungen und der Gemeinde. Ob sich das noch lohne, frage ich, wegen der steigenden Schneefallgrenze. Chapuis geht davon aus, dass die Wetterverhältnisse immer extremer werden, «mal enorm viel, mal gar keinen Schnee». Da sei man mit einem kleinen nicht gewinnorientierten Skilift flexibel, sagt er.


Ein Gefühl der Nervosität steigt in mir auf, als ich ein paar Tage später an der Talstation im toggenburgischen Wildhaus stehe, der zweiten Station meiner Wintersportlaufbahn. Als ob mir gleich die Tränen kommen würden: aus Vorfreude, wie sie mein Bruder neben mir verströmte, weil er endlich wieder auf die Piste durfte – und bei der Vorstellung, mich jetzt wieder einen ganzen Tag körperlich verausgaben zu müssen: mit diesem Snowboard unter den Füssen, vom einen Lift zum nächsten traversierend, bis ich Krämpfe in den Waden haben würde, um endlich, wie alle anderen, einen «Trisixtiindigrab» (eine 360-Grad-Drehung mit einer Hand am Snowboard) zum Stehen zu bringen. Stattdessen aber: ein «Waneeiti» (180-Grad-Drehung) – und dann auf der Kante landen und mit dem Gesicht in den Schnee spicken.

Eigentlich ging ich gar nicht so gerne snowboarden. Aber damals in den Wintern der frühen neunziger Jahre gab es keine andere Option – mein Bruder, ein Snowboarder der ersten Stunde, passte auf mich auf. Und ich liebte den Schnee, und den gab es in den Winterferien in Wildhaus. Immer.


25 Jahre später. Das Hotel Acker in Wildhaus zerfällt, das «Belvedere» ist zu einem Altersheim umgenutzt worden. Immerhin, kurz vor Weihnachten hat der Skispringer Simon Ammann für mehr als eine halbe Million Franken den «Hirschen» ersteigert. Toggenburg Tourismus listet 25 Hotels zwischen Alt St. Johann und Wildhaus auf. Zwei Drittel davon eröffnen die Saison kurz vor Weihnachten. Das Skigebiet läuft zurzeit nur im Wochenendbetrieb.

Ein einsamer Snowboarder kämpft sich die verschneite Piste hoch. So viel Schnee ist in diesen Zeiten die Ausnahme. So steige ich auf der anderen Hangseite des Tals in die Gamplüt-Gondelbahn. Betrieben durch eine Windturbine und Fotovoltaik, wurde sie 2017 mit dem Schweizer Solarpreis ausgezeichnet. Bei der Bergstation leihe ich mir einen Schlitten aus und sause auf ihm talwärts.

Derweil zanken sich die beiden anderen Liftbetreiber in der Region, die Toggenburg-Bergbahnen in Unterwasser und die Bergbahnen Wildhaus AG, schon seit längerem (siehe WOZ Nr. 16/2016). Streitpunkt: die Verteilung beim Gemeinschaftsticket. Falls keine Einigung erzielt wird, streicht die St. Galler Regierung fünf Millionen Franken für eine neue Sesselbahn auf der Wildhauser Seite. Aktuell kostet die Saisonkarte 785 Franken für das ganze Gebiet. Der Druck ist hoch, andernorts schneit es spektakuläre Angebote vom Himmel: In Saas Fee kostet ein Saisonabo nur 222 Franken, und in der Westschweiz eines für 25 Skigebiete gerade mal 359 Franken.


Die Erinnerungsspur führt mich weiter, nach Flims-Laax-Falera – in die «Weisse Arena», wie sie heute genannt wird. Damals, Mitte der neunziger Jahre, war das der hipste Ort für Wintersport. Mein Bruder und seine Kollegen hingen in einer schäbigen Unterkunft in Trin ab. Die Familie eines Schulfreundes besass ein Ferienhaus in Films, wo ich unterkam. Das Skigebiet hatte die Bedürfnisse der Jugend erkannt und baute gute Halfpipes und Funparks. «Hits from the Bong» von Cypress Hill dröhnte aus den Boxen, während wir durch die Schneelandschaft bretterten. Es ging nicht um Après-Ski, sondern um Style. Mich dagegen interessierte vor allem der Pflaumenknödel mit Mohnbutter und Vanillesauce in der Nagenshütte. Wer abends noch fit war, ging in die «Rockfabrik».

Die Geschichte des Skigebiets Flims-Laax-Falera zeigt die verrückte Entwicklung in den Skigebieten: Allein in den letzten zehn Jahren wurden über 280 Millionen Franken in die 29 Anlagen investiert, jährlich werden rund 870 000 Eintritte gezählt.


Ich selber liess mein Snowboard wegen zunehmender Rückenschmerzen schon bald nach dem ersten Ausflug in die «Weisse Arena» im Keller stehen. Mein Arzt meinte, ich sei zu schnell gewachsen und solle starke Schläge bei Sprüngen und Stürzen vermeiden. Auch mein Bruder hörte mit dem Wintersport auf – wegen eines Kreuzbandrisses und weil er die Materialschlacht nicht mehr mitmachen wollte. Das letzte Mal standen wir Anfang der 2000er Jahre auf einem Brett: Noch einmal kurvten wir in den alten XXXL-Klamotten die Churfirstenhänge runter.

Und jetzt, wo soll es hingehen? Die Grosstante in Wildhaus hat ihr Haus verkauft, die «Weisse Arena» ist mir zu teuer. In Lungern im Kanton Obwalden, wo meine Freunde jeweils hinfuhren, haben sie 2012 den Skibetrieb eingestellt. Oder sollen wir auf den Stoos, das neuste Wunder der Schweizer Ingenieurskunst bewundern und mit der steilsten Standseilbahn der Welt hochfahren? Ich frage meinen Sohn, ob er überhaupt in die Skiferien möchte. Natürlich, antwortet er. Und in die Skischule? Nein, das lerne er einfach so. Wie denn?, frage ich. «Ich lerne es von dir.»

Ich habe jetzt mal eine Woche in einem kleinen Skigebiet im Jura gebucht. Ohne Skischule. Hoffentlich hat es Schnee und einen Hang ohne Bügellift. Und hoffentlich hat Jim Freude am Stemmbogen. Und sonst gehen wir schlitteln.

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