Nr. 03/2018 vom 18.01.2018

Zuckerberg goes Mielke

Facebook benachteiligt erneut journalistische Inhalte. Das könnte auch Folgen für die No-Billag-Abstimmung haben.

Von Hansi Voigt

Kein Schweizer Camionunternehmer würde Geld verdienen, wenn er seinen Lastwagen vor dem ersten Transport zuerst selber bauen müsste. Wenn dem Camionneur ausserdem nur eine Autobahn zur Verfügung steht, deren Besitzer laufend und ohne Ankündigung neue Verkehrsregeln aufstellt, ist es vorbei mit Wettbewerb und freiem Unternehmertum. Das «Newsnet» von Tamedia, «20 Minuten», NZZ, «Watson» und auch die nagelneue «Republik» haben eines gemeinsam: Alle haben zuerst einmal ein eigenes sogenanntes Content-Management-System gebaut, das sie mit eigenen IT-Teams am Laufen halten. Trotz hoher Kosten sind technisch keine wirklich grossen Sprünge möglich. Aber niemand will das System des anderen übernehmen. Man würde sich völlig abhängig machen.

Eine reale Abhängigkeit aller Newsanbieter besteht allerdings gegenüber Facebook. 2013 gab die Social-Media-Plattform bekannt, ihren NutzerInnen vermehrt News in den persönlichen Feed zu stellen. Portale wie «Buzzfeed», «Vice», aber auch «Watson» nutzten diese Chance. Listicles, Quiz, Katzen-Gifs und bunte Meldungen, aber auch lange Erzählformate wurden mit viraler Aufmerksamkeit belohnt. Für «Watson» ging die Rechnung auf. Viele LeserInnen luden die App herunter und wurden StammleserInnen. In achtzehn Monaten kletterte die Zahl der monatlichen NutzerInnen von null auf 1,3 Millionen.

Keine Wahl

Im Sommer 2015 beschloss Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zum ersten Mal, UserInneninhalte wieder zu bevorzugen. Für journalistische Beiträge bot Facebook mit «Instant Articles» eine Einbettung zu massiv schlechteren kommerziellen Bedingungen an. Gleichzeitig killte Zuckerberg de facto eine Auslieferung von Inhalten via Link und machte sich so gleich selbst zur Newsplattform. Ohne soziale Medien als Reichweitentreiber stagniert «Watson». Zwei Jahre nach diesem Entscheid weist das einst wachstumsverwöhnte Portal noch genau diese 1,3 Millionen monatlichen NutzerInnen aus. Das ist eine gute Bilanz, die Quoten der meisten anderen Portale sinken. Letzten Freitag hat der Facebook-Chef erneut angekündigt, dass er die Inhalte der Community bevorzugen will.

Am Sonntag startete das Bezahlportal «Republik». «Zuckerbergs Monster» heisst der lange, trefflich betitelte Eröffnungsartikel. Und wo trifft der «Republik»-Abonnent trotz Paywall zuerst auf den Artikel, der sich das asozial gewordene Medium vorknöpft? Genau, auf Facebook! Denn dort ist die Aufmerksamkeit. Das ist kein Vorwurf, sondern der Beschrieb des Dilemmas. Eine Wahl hat die «Republik» nicht.

Verwirrung stiften

Das Gute an Facebook ist, dass es drauf und dran ist, sich selbst zu zerstören. Die Jungen sind weg. Zuckerbergs Erklärungen erinnern an Stasi-Chef Erich Mielke («Ich liebe euch doch alle») und der aktuelle Aktivismus an den Abstieg von Myspace. Das Schlechte an Facebook ist, dass es noch nicht so weit ist. In der Schweiz steht der politische Test noch aus.

Das No-Billag-Komitee ist seit einigen Wochen ungleich viel präsenter mit Social-Media-Ads und gesponserten Verwirrungsposts («Ja zur SRG heisst Ja zu NoBillag») als die Pro-SRG-Seite. Wie hartnäckig sich die Behauptung in Umfragen hält, dass die SRG nach dem Ja zu «No Billag» keineswegs liquidiert wird, sondern endlich «befreit» zu neuen Ufern aufbrechen wird, lässt Böses ahnen.

Was tun? Nach der Abstimmung wird die Diskussion um einen Service public 4.0 endlich Fahrt aufnehmen. Dabei ist nicht vom Erhalt von Radio- und TV-Programmen oder der Zeitungsverleger auszugehen, sondern vom Bedürfnis der informierten Gesellschaft im Sinn einer breit geführten, konstruktiven Debatte.

Die Erneuerung kommt zum Glück nicht von der politischen, sondern von der technologischen Entwicklung. Lernende Systeme, Filter, Algorithmen müssen so eingesetzt werden, dass Kriterien wie Glaubwürdigkeit oder Urheberschaft wieder einen Vertriebsvorteil gegenüber kopiertem, aufwieglerischem Trash bekommen müssen. Wie man solche Filter genau ausgestaltet, ist breit zu diskutieren.

Und was kann die Politik tun? Bevor sie grosse Pläne schmiedet, sollte sie vor allem Facebook nicht als unantastbar ansehen, sondern rechtlich als das behandeln, was es ist: ein Medienkonzern, der sich etwa bei der Verbreitung von Unwahrheiten oder Hassbotschaften schuldig macht. Diese bestehenden Gesetze kann man heute schon durchsetzen. Wie bei jedem anderen Medienhaus auch.

Hansi Voigt (54) war stellvertretender Chefredaktor bei «Cash», arbeitete lange beim Onlineportal «20 Minuten» und gründete «Watson» mit. An dieser Stelle schreibt er zu Fragen der Medienzukunft.

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