Nr. 03/2018 vom 18.01.2018

«Du bist nichts»

Von Michael Saager

«Die Zelle ist vier Schritte lang und zwei Armlängen breit. Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, berühre ich die Decke. Es ist ein Raum nach menschlichem Mass. Nach meinem Mass.» Die exakten Masse des Erzählers sind so unwichtig wie sein Name. Er ist ein Jedermann, ein beinahe schon idealtypischer Gefangener in einem namenlosen Gefängnis irgendwo im Süden Italiens.

Er verbüsst eine lebenslange Freiheitsstrafe, nachdem er erst an der Entführung der Tochter des Kaffeekönigs beteiligt war und später, in einem Anfall von Panik, einen Gefängniswärter erstochen hat. Nein, Panik reicht nicht, sie ist bloss ein Auslöser. Das blutige Gemetzel erklärt sie nicht.

Aus dem einen fliesst das Leben heraus, den anderen durchströmt es endlich wieder. Macht über Leben und Tod im Angesicht der Machtlosigkeit. Und masslose Wut. Danach sitzt er für immer im Isolationstrakt, der Austausch mit anderen ist auf ein erbärmliches Minimum beschränkt.

Doch der Erzähler in Maurizio Torchios zweitem Roman «Das angehaltene Leben» klagt nicht. Er erzählt, und ja, vermutlich fabuliert er auch. So überbrückt er die lähmende Stille, die Leere, die Einsamkeit. Torchio, der Philosophie und Kommunikationssoziologie studiert hat, sagte in einem Interview, das Erzählen sei im Gefängnis sehr viel wichtiger als anderswo: Von dem, was du erzählst oder nicht, was du verrätst, fabulierst oder erinnerst, kann dein Leben abhängen.

Fast jeder Satz in diesem genau recherchierten, so klarsichtigen wie einfühlsamen Buch hat Kraft und macht eine wichtige Aussage. Der Autor vereint eine Phänomenologie des Gefangenseins und eine Soziologie des Gefängnisses in einem harten, spannenden Roman. Es geht um vieles, beinahe um alles: um organisierte Banden, Überlebensrituale, die brutale Willkür der Wärter, Folter, das Scheitern im Leben und den Verfall der Körper. Noch einmal Torchio: «Das Gefängnis kümmert sich nicht um Details, es widerlegt dich nicht in einzelnen Dingen. Es sagt zu dir: Du bist nichts.»

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