Nr. 04/2018 vom 25.01.2018

Erobern wir die Utopie zurück!

Millionen Menschen gingen vor fünfzig Jahren weltweit auf die Barrikaden und forderten radikale gesellschaftliche Veränderungen. Was davon können wir für die Zukunft mitnehmen?

Von Franziska Meister

Die Welt war veränderbar: Im August 1968 wird in Chicago während der Parteitags der Demokratischen Partei eine Statue besetzt. Foto: Julian Wasser, The LIFE Images Collection / Getty

«1968 ist museumsreif», verkündete das Historische Museum Bern zum Auftakt seiner Ausstellung. Diese Behauptung war noch nie so falsch wie heute, wo Rechte 68er-Guerillataktiken zu kapern versuchen und linke Anliegen wie eine nichtdiskriminierende Sprache als überbordende Political Correctness anprangern und sich so gegen all jene Minderheiten richten, die seit den sechziger Jahren ihre Gleichberechtigung einfordern.

Sie ist geradezu grotesk falsch angesichts der Tatsache, dass in den USA die Zeit aktuell um fünfzig Jahre zurückgedreht wird und eine unverhohlen rassistische, sexistische und ausbeuterische Politik den Ton angibt. «Friede ist wichtiger als Gerechtigkeit», titelte die NZZ vergangene Woche – ein weiterer Versuch, eine Kernforderung von 1968 in die Mottenkiste der Geschichte zu verbannen: Ohne Gerechtigkeit kein Frieden.

Revolution! … Revolution?

Weshalb scheint die Utopie einer gleichberechtigten Gesellschaft ohne Rassismus und Sexismus, ohne Unterdrückung und Ausbeutung heute so unvorstellbar, ja stossend? Vor fünfzig Jahren beflügelte sie Millionen von Menschen weltweit. Studentenproteste, Black Liberation, Women’s Lib – im Befreiungskampf fanden all die verschiedenen Gruppierungen, die Freiheit und Selbstbestimmung forderten, zu einer einzigen, transnationalen revolutionären Bewegung zusammen.

In Paris gingen StudentInnen mit und für die streikenden ArbeiterInnen auf die Strasse – ein Solidaritätsakt, der die bürgerliche Machtelite in nackte Panik versetzte. Die Black Panthers organisierten quer durch die USA Demonstrationen für die Freilassung ihres Anführers Huey Newton, an denen eine wachsende Zahl an StudentInnen, VietnamkriegsgegnerInnen und Gruppierungen ethnischer Minderheiten zu einer breiten Protestbewegung verschmolzen. Frauen attackierten den traditionellen Schönheitswettbewerb in Atlantic City mit Büstenhaltern und Lockenwicklern, in Zürich strickten sie Peniswärmer, deren Grösse sich am Sexismus des Empfängers orientierte. Radikalität und Subversion gingen Hand in Hand, insbesondere im gemeinsamen Fokus des antiimperialistischen, antikapitalistischen Widerstands: «Seid realistisch – verlangt das Unmögliche!»

Dazu gehörte auch, sich auf Vorbilder des Befreiungskampfs zu berufen, die – mit Ausnahme der US-Bürgerrechtsbewegung – allesamt aus der sogenannten Dritten Welt stammten: Ho Chi Minh, Mao Zedong, Che Guevara. Mit dieser fühlte man sich ebenso solidarisch, wie man sich untereinander gegenseitig unterstützte, um ein weltweites Momentum gegen Unterdrückung und Ausbeutung aufzubauen. Gleichzeitig schloss man sich überall zu Kollektiven zusammen, um vor Ort den konkreten Widerstand zu organisieren: an den Universitäten, in den Fabriken und in den schwarzen Ghettos. 1968 schien die Revolution machbar – und unmittelbar bevorzustehen.

«Kein Vietnamese hat mich jemals Nigger genannt»: Antikriegsdemonstration mit Muhammad-Ali-Zitat in Washington DC, Oktober 1967. Foto: Leif Skoogfors, Getty

Sie hat dann doch nicht stattgefunden. Aber ist 1968 deshalb Geschichte? Oder anders gefragt: Ist die Utopie damit gestorben?

Wie über 1968 nachdenken?

Über die Interpretation und historische Bedeutung vergangener Ereignisse streitet jede Generation neu – denn der Blick zurück ist geprägt von der Zeit, in der man selber steht. Wie heute über 1968 nachgedacht und geschrieben wird, sagt deshalb auch viel über die aktuelle gesellschaftspolitische Situation aus. Der US-Historiker Hayden White provozierte Mitte der achtziger Jahre mit seinem Buch «Auch Klio dichtet oder Die Fiktion des Faktischen» eine grosse Debatte über dieses Wie – über die Art und Weise, wie vergangene Ereignisse überhaupt zugänglich und verständlich gemacht werden können. HistorikerInnen benutzten dazu zwingend narrative Verfahren, behauptete White, aus denen Erzählungen resultierten, die sich den literarischen Kategorien der Romanze, Tragödie, Komödie oder Satire zuordnen liessen. Welche dieser Erzählungen man wähle – und das war Whites eigentliche Provokation –, hänge von der politideologischen Gesinnung ab. Romanzen entsprängen einem anarchistischen Geist, Komödien einem konservativen, Tragödien einem radikalen, und Satiren widerspiegelten eine liberale Haltung.

Das sind erst einmal holzschnittartige Zuordnungen, die so nicht haltbar sind. Zugleich aber lassen sich daraus eine Reihe spannender Fragen zu 1968 generieren – gerade in Bezug auf aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen und Tendenzen. Wer die Bewegung in die Form einer Romanze giesst, glaubt an den Fortschritt der Gesellschaft und das Gute im Menschen: Die AchtundsechzigerInnen haben namentlich für Frauen, Lesben und Schwule, Schwarze, ethnische Minderheiten und Arme zu einer gerechteren Welt beigetragen. Aber inwieweit waren sie auch «naive Weltverbesserer»? Wo waren sie zu wenig kritisch, wo gingen ihre Analysen zu wenig tief, ihre Aktionen zu wenig weit – oder schossen über das Ziel hinaus? Weitere unbequeme Fragen schliessen sich an: Haben die AchtundsechzigerInnen mit ihrem Kampf um Befreiung und Selbstbestimmung dem Neoliberalismus den Weg bereitet? Führen auch Spuren des heute weitverbreiteten Selbstverständnisses als Ich-AG zurück nach 1968?

Antivietnamkriegsdemonstration 1967 In Washington. Foto: Bettmann, Getty

Wie wichtig es ist, diesen Fragen aus linker Sicht nachzugehen, zeigt Hayden Whites höchst ambivalente Kategorie der Satire: 1968 aus einer satirischen Perspektive ins Visier zu nehmen, heisst nämlich, alles zu negieren oder kleinzureden, wofür die Bewegung steht – was rechte Demagogen wie Christoph Blocher unermüdlich tun. Und was offenbar den Versuch nicht ausschliesst, gleichzeitig Strategien und Taktiken der AchtundsechzigerInnen als Hohlformen für die eigenen politischen Ziele umzumünzen. Entlarven wir also die «hidden agendas» der Rechten, indem wir hinter die Kulissen ihrer Propaganda blicken!

Deutungshoheit zurückgewinnen

Wer die Ereignisse rund um 1968 als Tragödie begreift, wird das Scheitern der Bewegung betonen und damit die Welt als letztlich unveränderbar betrachten: Armut, Rassismus und Sexismus sind noch immer weitverbreitet und lassen sich nicht überwinden. Aber was ist radikal daran, zu resignieren und vor der Geschichte zu kapitulieren? Müsste radikal nicht vielmehr bedeuten, aufgrund der Erkenntnis hier und jetzt und umso vehementer für eine gerechte Gesellschaft einzustehen? Beschreibt man die 68er-Bewegung als Komödie, richtet sich der Blick immerhin auf das trotz Rückschlägen Erreichte. Weswegen man sich allerdings noch lange nicht damit arrangieren muss, dass Ungleichheit nach wie vor existiert und der Kapitalismus das beste aller Systeme sein soll.

Letztlich zeigen Hayden Whites Kategorisierungen also vor allem, wie wichtig es ist, für den Kampf um die Deutungshoheit über 1968 in den Ring zu steigen. Es gilt, Ideen und Strategien zurückzuerobern und zukunftsfähig zu machen. Zum Beispiel die Idee des Kollektivs und die Frage nach Aktionsformen, die Solidarität stärken und politische Durchschlagskraft entwickeln können. 1968 ist alles andere als museumsreif.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 88-385775-2
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH 75 0900 0000 8838 5775 2
Verwendungszweck Spende woz.ch