Nr. 04/2018 vom 25.01.2018

Auf drei Rädern in die Zukunft

Nach vier Jahren Kampf um ein Aufenthaltsrecht wurde eine Romafamilie aus dem Kanton Aargau nach Serbien ausgeschafft. Zu Besuch bei den Bakis, die in Novi Sad versuchen, Fuss zu fassen.

Von Benjamin von Wyl (Text) und Evan Ruetsch (Fotos), Novi Sad

Die Frau an der Kasse spricht Deutsch. Sie hat über drei Jahre in Mannheim gelebt und arbeitet jetzt im kleinen Laden in Novi Sad, nahe des Stadtteils Veliki Rit. Veliki Rit – «Grosser Sumpf» – ist die zweitgrösste Romasiedlung in ganz Serbien. Die Schätzungen über die Zahl der EinwohnerInnen reichen von 2500 bis 5000 Menschen. Sie sind ähnlich genau wie die Schätzungen über die Zahl der Roma in ganz Serbien: Laut der Volkszählung von 2011 sind es 147 000, NGOs sprechen von 200 000 bis 500 000. 65 Prozent von ihnen leben gemäss dem von einer transnationalen Initiative veröffentlichten «Roma Inclusion Index 2015» in segregierten Siedlungen.

Die Strasse vor dem Laden ist asphaltiert, die Häuser sind bunt. Mit unseren Einkäufen gehen wir weiter; dorthin, wo keine Kandelaber mehr gegen die Dämmerung anleuchten und die Häuser unverputzt sind. Dort lebt die Familie Baki. Das ist nicht ihr richtiger Name. Ihr jüngster Sohn zitiert auf dem Heimweg Reime des deutschen Rappers Kay One, erzählt vom Zirkus in Aarau und vom Training beim FC Rohr. Von der Abzweigung aus, wo der Asphalt in Matsch übergeht, sehen wir seinen Vater. Er schleift Material über die Kartonstapel vor dem Haus und arrangiert es auf der anderen Seite der Strasse zu einem Müllhaufen. Er will eine alte Matratze verbrennen, um das enthaltene Metall zu verkaufen: 300 serbische Dinar, rund 3 Franken, erhofft er sich davon. «Kommt nicht zu nah! Die Spraydosen können explodieren», sagt er, als er die Matratze anzündet. Die anderen fünf Kinder stürmen aus dem Haus. Die Matratze lodert. Heute wird in Serbien die serbisch-orthodoxe Weihnacht gefeiert. Das Feuer macht den Abend der muslimischen Romafamilie doch noch festlich. Ab und an hört man ein brennendes Deo zischen.

Veliki Rit ist in Novi Sad die Romasiedlung mit dem höchsten Anteil an RückkehrerInnen. Lokale NGOs schätzen den Anteil der BewohnerInnen, die im deutschsprachigen Raum – zumeist illegal oder als AsylbewerberInnen – gelebt haben, auf siebzig Prozent. Die Familie Baki – Vater Orhan, Mutter Besjana und ihre sechs Kinder – zog 2012 von Novi Sad in die Schweiz und lebte vier Jahre lang in Aarau. 2012 lag Serbien unter den Herkunftsländern von Asylsuchenden in der Schweiz zahlenmässig auf dem vierten Platz; gemäss offizieller Statistik stammen die meisten der Anträge von Roma. Seit 2014 werden Serbien und der Kosovo auf der Liste der sogenannten sicheren Herkunftsstaaten geführt. Die Chancen auf einen positiven Asylentscheid wurden damit noch kleiner.

Es dauerte fünf Monate, bis der Asylantrag der Familie Baki abgelehnt wurde. Im Mai 2013 reichten Bakis ein Wiedererwägungsgesuch ein – und brachten darin das erst in der Schweiz diagnostizierte Nierenleiden von Mutter Besjana vor. Anfang 2014 wurde das Gesuch abgelehnt, ebenso wie ein zweites im Verlauf desselben Jahres und die darauffolgende Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Seit dessen Urteil vom Mai 2015 war klar: Familie Baki muss zurück. Vorerst lebten sie weiter in der Asylunterkunft in Aarau. Im Sommer 2016 erhielten sie vom kantonalen Migrationsamt dann das entsprechende Schreiben: Ihre Ausweisung nach Serbien werde vorbereitet. Aufgrund der Herkunft der Familie konnte dann doch eine Ausweisung in den Kosovo ermöglicht werden.

«Für uns war es besser, in den Kosovo zu gehen. Meine Kinder sprechen Albanisch – wie sollen sie in der Schule durchkommen? Was soll ich in Serbien tun? Was kann ich dort arbeiten? Mein Onkel hatte im Kosovo schlimme Dinge getan, aber ich dachte nicht, dass sich Leute an uns erinnern.» – Orhan Baki

Wie so viele andere Roma auch hat der Onkel von Orhan Baki im Kosovokrieg 1998 und 1999 auf serbischer Seite gekämpft. Denn von einem Sieg Serbiens hatte man sich ein Ende der Diskriminierung durch die albanische Bevölkerungsmehrheit erhofft. Im September 2016 reisten Bakis schliesslich in den Kosovo. Von der Schweiz erhielten sie Rückkehrhilfe.

Endlich für immer?

Im März 2017 erkannten dann doch einige Leute im Kosovo die Familie Baki. Alle Mitglieder der Familie haben eine auffällige Pigmentstörung. Man erinnert sich leicht an sie – und erkennt die Verwandtschaft.

«Ich musste zu einer Behörde in meinem Geburtsort. Leute riefen: ‹Warum bist du in den Kosovo zurückgekehrt? Du weisst doch, was dein Onkel getan hat! Du bist gleich wie er!› Ich erwischte ein Taxi und war weg. Beim zweiten Mal begleitete mich mein ältester Sohn. Ein Mann kam: ‹Verlass besser dieses Land! Sonst töte ich deine Kinder.› Er hat uns verprügelt. Die Polizei kam, aber wir haben nicht gesagt, was passiert war. Den Nachbarn haben wir auch nichts gesagt, nur das Nötigste gepackt, zwei Kombitaxis gefüllt und sind ab nach Novi Sad.» – Orhan Baki

In Novi Sad kamen sie vorerst zur Miete unter. Auf einem Spaziergang durch Veliki Rit erfuhr Orhan Baki per Zufall, dass ein Verwandter hier zwei Häuser besitze. In einem davon – damals noch ein Rohbau – leben die Bakis jetzt. Sie hoffen, für immer.

«Short Summary: Serbia is a total disaster», so enden mehrere Interviews mit NGO-VertreterInnen in Novi Sad. Orhan Baki sagt das nicht. Seine Kinder sagen es ebenso nicht. Zwar vermissen sie die Schweiz: Auch wenn die Familie mit der knappen Nothilfe für abgewiesene Asylsuchende auskommen musste, wurde sie dort wenigstens sozial nicht derart ausgegrenzt wie jetzt in Serbien. In der Schweiz hatten sie FreundInnen, waren engagiert. Die älteste Tochter stand zweimal pro Woche an der Bar eines Asyltreffs; der älteste Sohn war Türsteher in einem Jugendkulturzentrum. Sie haben mittlerweile akzeptiert, dass sie die Schweiz höchstens als BesucherInnen wiedersehen werden. Jetzt hoffen beide auf Stabilität, Jobs und eine Ausbildung. Hier in Novi Sad. Ihr Traumberuf ist Coiffeuse; seiner am ehesten Automechaniker. Oder doch Rapper?

Die Bakis scherzen ständig. Selbst dann, wenn sie in Müllcontainer klettern, um darin Verwertbares aufzustöbern. Das Sammeln ist in Veliki Rit Männersache, auch bei den Bakis. Am Tag nach der serbisch-orthodoxen Weihnacht machen sich Vater Orhan und seine zwei ältesten Söhne frühmorgens auf. Sie bereiten das Tricikl vor, ein umgebautes Fahrrad mit Ladefläche, und gehen damit von der Matsch- auf die asphaltierte Strasse in Richtung Zentrum von Novi Sad. Meist ist es der Jüngere, der in die Müllcontainer steigt: in Hochhaussiedlungen und auf dem Gehsteig des schicken Stadtzentrums. Müllsäcke werden aufgerissen und durchforstet.

Die serbischen PassantInnen beachten die drei nicht – nur die Lehrerin der Söhne grüsst, als wir ihr zufällig begegnen. Auch andere Roma mit Handwagen oder Tricikls grüssen die drei. Konkurrenzkampf gebe es nicht: Wo schon jemand am Sammeln sei, biege man ganz einfach in die andere Richtung ab. Alle sammeln PET-Flaschen und Karton. Auch alles, was sonst brauch- oder verkaufbar wirkt. An diesem Tag sind das: ein Strohbund, ein paar Schuhe, eine Flasche Sonnenblumenöl, ein Rasenteppich. Für eine Tonne Karton erhalten die Bakis nach eigener Aussage 6000 Dinar, 60 Franken. Dafür seien sie etwa fünf Tage lang unterwegs. NGOs gehen von niedrigeren Erträgen aus. Wie auch immer: Auch in Serbien reichen solche Einkünfte keinesfalls zum Leben. Neben saisonaler Arbeit als ErntehelferInnen ist es aber die einzige Tätigkeit, die Roma bis anhin ohne Hindernisse ausführen konnten.

Sechs illegale Quadratmeter

«Ich habe den Strafzettel damals vor den Augen des Polizisten zerrissen und mich an die Rechtsberatung einer Roma-NGO gewendet», erzählt Orhan Baki. Im Spätsommer 2017 wurde ihm beim Kartonsammeln unerwartet eine Busse von 8000 Dinar auferlegt. Andere erhielten Bussen von bis zu 15 000 Dinar. Allen, die nicht zahlen wollten, wurde mit einer Woche Gefängnis gedroht. Auch die lokalen NGOs waren überrascht, als ab Juni 2017 plötzlich Angestellte einer privaten Sicherheitsfirma bei den Müllcontainern im Stadtzentrum von Novi Sad patrouillierten. Von acht Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags waren sie unterwegs: eine Massnahme, um die Sammler in die Randzeiten zu drängen. Trafen sie auf sammelnde Roma, riefen sie die Polizei. Sie patrouillieren bis heute, haben aber keine Handhabe mehr. Vorerst jedenfalls.

«Als wir erkannten, wie viele Menschen davon betroffen sind, baten wir um einen Termin beim Bürgermeister», erzählt Jelena Krivokapic von der URS, der Vereinigung der RomastudentInnen. «Aber der Bürgermeister wollte uns nicht sehen.» Die URS wandte sich daraufhin an die Medien. Und der Erste, der bereit war, sich für einen TV-Beitrag vor die Kamera zu stellen, war Orhan Baki. Nach einer Reihe weiterer Beiträge war es dann plötzlich der Bürgermeister, der unbedingt ein Treffen mit der URS wollte. Ein kleiner Erfolg: «Im Moment haben wir zwar bloss das Wort des Bürgermeisters aus einem vertraulichen Gespräch. Aber Bussen gibt es derzeit keine mehr», sagt Krivokapic. Der URS reicht das nicht: Die AktivistInnen versuchen, die Sammler zu einer Art Gewerkschaft zu organisieren. Die Überzeugungsarbeit harzt, denn viele Sammler fürchten, ihre Sozialhilfe zu verlieren. Offiziell gelten sie als arbeitslos.

Nicht alle Sammler haben Zugang zur Sozialhilfe. Jene, die unterstützt werden, erhalten zwischen 8000 und 10 000 Dinar – allerdings nur während neun Monaten im Jahr. Die Zwangspause soll zur Stellensuche animieren. Die Familie Baki wird erst nach einer Warteperiode von mindestens sechs Monaten Sozialhilfe erhalten. Und diese Wartezeit begann nicht mit der Ankunft in Novi Sad. Um Sozialhilfe beantragen zu können, braucht man eine legal anerkannte Wohnadresse, und eine solche hatten Bakis nicht von Anfang an. Roma, die in illegalen Behausungen leben, sind von Schulbesuch, Krankenkasse und Sozialhilfe ausgeschlossen. Es sei denn, sie bezahlen jemanden dafür, dass sie sich an dessen Adresse registrieren dürfen.

Zwei Drittel der Gebäude von Veliki Rit wurden illegal auf fremdem Grund gebaut. Etwa im Zentrum der Siedlung, wo viele Behausungen Ruinen gleichen. Die Verhältnisse sind zerrütteter als bei Bakis. Denn die Familie verfügt nicht nur über ein Netzwerk von UnterstützerInnen in der Schweiz, das Haus ihres Verwandten steht auch legal auf eigenem Grund. Fast jedenfalls: Sechs Quadratmeter des Grundstücks befinden sich im Besitz einer Arbeiter- und Bauernvereinigung. Jelena Krivokapic, die die Familie im Rahmen ihres Rechtsberatungsangebots begleitet, sagt, von den Eigentümern der sechs Quadratmeter habe sie positive Signale erhalten. Bis die Besitzübertragung aber von einem Gericht ratifiziert wird, dauert es nach ihrer Einschätzung etwa ein Jahr. Gelingt die Legalisierung, möchten die UnterstützerInnen im Aargau das Geld aufbringen, um dem Verwandten das Haus abzukaufen und in den Besitz der Familie Baki zu übertragen.

Die NGO Jednakost in Belgrad ist laut Direktorin Jovana Vukovic eine antirassistische Organisation. In den vergangenen Monaten wurde die Organisation vor allem bei Zwangsräumungen aktiv, denn die Wohnsituation der Roma sei strukturell rassistisch: Wer illegal auf fremdem Grund lebt, kann jederzeit geräumt werden. Und auf fremdem Grund leben vor allem Roma. «Ein eigenes Haus kann eine Basis sein, das stimmt. Aber nur, wenn auch berufliche Perspektiven vorhanden sind», sagt Vukovic zur Situation der Familie Baki. Nirgends ist die Diskriminierung von serbischen Roma so drastisch wie in der Arbeitswelt. Als wir die Traumberufe der Kinder der Bakis ansprechen, wird das Interview mit der Romaaktivistin Krivokapic sehr emotional. Nicht sie selbst, sondern ihr Mitarbeiter Radovan Jovanovic – eigentlich als Übersetzer dabei – ergreift das Wort:

«Die Kinder der Familie Baki haben Chancen im Bildungssystem. Gerade hier in Novi Sad gibt es ein verhältnismässig gutes Netz aus Stiftungen und Förderprogrammen. Aber was dann? Wir bei der URS sind alles hochgebildete Leute. Vor sechs Jahren habe ich meine Ausbildung zum Kindergärtner abgeschlossen – einen Job als Kindergärtner bekam ich nie. Ich arbeite für eine NGO. Nie wird mir eine Institution einen Job geben.» – Radovan Jovanovic

«Hallo, was machen Sie hier bitte toujours?», fragt uns jemand auf der Strasse. Der Sprachenmix in Veliki Rit ist fast babylonisch. Erste Sprache ist Albanisch, denn seit der Besiedlung der ehemaligen Mülldeponie in den sechziger Jahren leben hier vor allem Roma aus dem Kosovo. Serbisch ist die zweitwichtigste Sprache. Dritte Sprache ist aber nicht Romanes, sondern Deutsch. Ein Kumpel des ältesten Sohns der Bakis hat vier Jahre in Berlin gelebt. Der Nachbar der Bakis war ein paar Monate in Bielefeld. Und bei Zufallsbegegnungen erzählen viele von ihrer Zeit in Esslingen, Karlsruhe oder Dortmund.

Etwa siebzig Prozent der jungen Roma erlangen heute einen Primarschulabschluss – gegenüber dreissig Prozent vor zehn Jahren. Kinder aus Rückkehrerfamilien wie der Familie Baki sind benachteiligt: Die vier Jahre in der Schweiz haben eine Schneise in die Bildungsbiografie geschlagen. Nur die mittlerweile vierzehnjährige Tochter konnte für sieben Monate eine Regelklasse besuchen. Drei der Kinder waren ähnlich lange an der Heilpädagogischen Schule Aarau. Die älteste Tochter und der älteste Sohn konnten für knapp ein Jahr am Unterricht der Schule für unbegleitete Minderjährige des Netzwerks Asyl Aargau teilnehmen. Die meiste Zeit über beschränkte sich die Bildung der sechs Kinder aber auf einen halben Tag Unterricht pro Woche durch eine Freiwillige und das – auf den Deutscherwerb fokussierte – Angebot des Kantonalen Sozialdienstes.

Das Gegenstück, einfach mit Serbisch- statt Deutschkursen, erleben die drei Jungs jetzt in Novi Sad: Sie besuchen eine Primarschule für Erwachsene und müssen dort vorerst vor allem Serbisch lernen. Unterrichtstage sind Montag bis Mittwoch, der Unterricht beginnt morgens um acht und dauert jeweils eine Stunde.

Zwei Jahre wird es dauern, bis der Älteste seinen Primarschulabschluss erreicht. Er ist heute zwanzig Jahre alt. Die drei freuen sich, wenn die Schule nach den Feiertagsferien wieder beginnt. Die drei Mädchen hoffen, dass sie bald eingeschult werden.

«Als wir frisch angekommen sind, bin ich sogar mit dem Klassenfoto meiner Kinder zu ihrer früheren Schule. Die Lehrerin behauptete, sie seien nie in dieser Schule gewesen. Ein Sicherheitsbeamter kam und begleitete mich hinaus.» – Orhan Baki

Serbien fehle es an Erfahrung im Umgang mit Rückkehrenden, sagt Jasmina Drmaku, Sozialarbeiterin bei der URS. Deren Schulzeugnisse aus anderen Ländern müssten übersetzt, ihre Leistungen eingestuft werden. Weshalb aber alle drei Töchter der Familie Baki noch immer keine Schule besuchen können, kann weder sie noch Stanka Jankovic vom ökumenischen Hilfswerk EHO erklären. Obwohl Jankovic sogar das Zeugnis der Jüngsten für die hiesigen Behörden übersetzt und den Kontakt mit einer Schule hergestellt hat.

«In der Schweiz waren die Kontrollen gut. Der Arzt im Kantonsspital Aarau hat sogar Serbisch gesprochen. Hier spricht der Doktor auch Serbisch, aber sagt nur ‹dobro, dobro› – gut, gut. In neun Monaten hat er mir noch nie Blut genommen. Das ist keine echte Kontrolle. Ich habe viele Schmerzen, aber ich weiss nicht, wie es mir wirklich geht.» – Besjana Baki

Besjana Baki leidet an Bluthochdruck, Asthma, Hepatitis B – und an einer chronischen Nierenerkrankung. Ein Arzt im Kantonsspital Aarau hielt in seinem Bericht vom Juli 2014 fest: «Wir zweifeln sehr daran, dass in ihrem Heimatland die oben genannten Punkte gewährleistet sind, insbesondere bei dem sozialen Status der Patientin, und befürchten ein rasches Fortschreiten der Nierenerkrankung bis zum vollständigen Nierenversagen.» Dann wäre sie auf eine Dialyse angewiesen. Die «oben genannten Punkte» sind unter anderem eine «engmaschige Überwachung» inklusive Nierenbiopsie.

Keine Hassverbrechen vor Gericht

Bereits 2014, als Bakis noch in der Schweiz waren, hat Stanka Jankovic einen Bericht über die mangelhafte Gesundheitsversorgung verfasst, die Besjana Baki im Fall einer Ausschaffung nach Serbien erwarten würde. Ihr Schreiben wurde im Urteil des Bundesverwaltungsgerichts kommentiert: «Nur am Rande sei erwähnt, dass auch völlig unklar ist, auf welchen Angaben diese Auskunft basiert.» Vielleicht ging das Bundesverwaltungsgericht bei diesem Kommentar von einer statistischen Akribie aus, wie sie in der Schweiz herrschen mag. Aber in Serbien fehlen entsprechende Daten in vielen Bereichen. Sogar wenn es um rassistische Gewalt geht. Offiziell existiert sie nicht. Die AktivistInnen der URS berichten vom Fall eines Polizisten, der einen jungen Roma auf dem Gelände einer Schule geschlagen hatte. Das Gericht konnte kein Hassverbrechen nachweisen. Das Gesetz gegen Hassverbrechen existiert seit 2014, hat aber bisher zu keiner einzigen Verurteilung geführt. Eine Umfrage von Jednakost bei 77 Gerichtsbezirken ergab im Oktober 2017, dass in deren 70 der entsprechende Artikel noch nie zur Anwendung gekommen ist. Die anderen sieben Bezirke antworteten, dass sie solche Informationen gar nicht archivierten.

«In Belgrad kamen Skinheads mit Springerstiefeln. Mein Tricikl war schon ziemlich voll. Sie haben mich geschlagen, festgehalten und das Tricikl samt Papier in Brand gesetzt. Ich konnte wegrennen. Dann bin ich mit meiner Familie zum ersten Mal von Belgrad nach Novi Sad geflohen. Ein paar Jahre später, zwei Monate bevor wir in die Schweiz gingen, hat mich ein Skin nach Feuer für Zigaretten gefragt. Als ich näher kam, hat er mich zu Boden gebracht. Mein Kopf musste mit vielen Stichen genäht werden. Willst du mal fühlen?» – Orhan Baki

Die Narbe ist spürbar, seine Erzählung aber nicht überprüfbar. Wie so vieles. Die Behörden in der Schweiz erachten Serbien als «sicheren Herkunftsstaat» für Roma. Die Familie Baki will nichts als endlich Sicherheit: dass ihr die Landlegalisierung und der Hauskauf gelingen, dass alle Kinder zumindest die Primarschule absolvieren können. Dass sie reguläre Jobs finden. Es wären die Grundlagen für Stabilität. Eine Stabilität am gesellschaftlichen Rand zwar, aber anders kennt es die Familie Baki nicht.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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