Nr. 04/2018 vom 25.01.2018

Der Überfall auf die eigene Tochter

Wie die Verleger an die Reserven der SDA gelangen und ein bewährtes futuristisches Medienmodell gefährden.

Daten erheben und unabhängig vom Staat verbreiten, um dem ausländischen privaten Einheitsbrei etwas entgegenzusetzen: Das futuristische Modell ist hundert Jahre alt und heisst Schweizerische Depeschenagentur, kurz SDA.

Damals sprach man von einem Syndikat der Verleger. Heute würde man von einer gemeinsamen Plattform oder gar einer digitalen Allmend sprechen. Einer allein hätte es sich weder inhaltlich noch technisch je leisten können, die kleinteilige Schweiz inhaltlich abdecken zu können. Mit der Idee der Gemeinsamkeit zerschlug man den gordischen Knoten zwischen kleinstaatlicher Realität und grossen Ansprüchen an die Medienvielfalt.

Überall dort, wo kein Spektakel ist, ist seither die SDA. Sie ist die Datenerfassungsabteilung des Schweizer Mediensystems. Sie liefert Informationen, den staubtrockenen Rohstoff der Aufmerksamkeitsbewirtschaftung. Dieser ist für alle gleich. Für alles andere, die Wertung, die Aufregung, die Eigenleistungen, ein paar Primeurs und das Profil der Titel wird in den Redaktionen gesorgt.

Konkurrenz ausgeschaltet

Die SDA gehört den Verlegern. Bezahlt wird ihre Leistung von den Zeitungstiteln. Von denen gibt es immer weniger. Tamedia stellt die meisten Verwaltungsräte und besitzt weitaus am meisten Anteile. Sparen ist seit Jahren Trumpf. Beim Rückgrat der Schweizer Medien kann man schon lange jeden Wirbel einzeln sehen.

Gewinne macht die SDA aber Jahr für Jahr. Meistens sind es um die zwei Millionen Franken. Diesen darf die SDA als Selbsthilfeorganisation gemäss Statuten nicht ausschütten. Die Not-for-Profit-Organisation der Verlegerfamilien bunkert Ende 2016 laut Geschäftsbericht über achtzehn Millionen Franken in den Reserven.

Die Rolle der SDA ist heute wichtiger denn je. Vor sieben Jahren gelang es ihr, die letzte verbliebene Konkurrenzagentur, AP Schweiz, auszuschalten. Die SDA gab allen Kunden, die ausschliesslich ihre Inhalte verwendeten, zünftige Rabatte. Die Weko bestrafte die Agentur der Schweizer Verleger mit einer Busse von 1,9 Millionen Franken. Aber der Zweck war erfüllt. Die AP machte dicht. An der SDA führt seither kein Weg vorbei.

Im Oktober kündigten sich dramatische Wechsel an. Die SDA und die Bildagentur Keystone, die je zur Hälfte der SDA und der österreichischen Agentur Apa gehört, fusionierten.

Ein Fanal

Wie konnte es dazu kommen? Nun brachten gemäss einem mutigen Bericht im «Tages-Anzeiger» die Verleger die eigene Tochter dazu, in die Fusion einzuwilligen – mit der Drohung, eine billigere Konkurrenzagentur zu gründen. Geld fliesst dabei keines. Aber der Deal mit der österreichischen Genossenschaftsagentur bringt einen enormen Vorteil: Die Nachfolgeorganisation der SDA wird wie die Keystone AG nach der Fusion eine stinknormale Aktiengesellschaft. Keystone zahlte immer schon Dividenden an ihre Besitzerinnen aus. Das kann die fusionierte Gesellschaft auch. Die achtzehn angesparten Millionen Franken können endlich unter den Eigentümern verteilt werden. Allein Tamedia dürfte mit knapp fünf Millionen Franken rechnen. Im Februar entscheidet der Bundesrat, ob die SDA erstmals ein millionenschweres Unterstützungspaket bekommen soll.

Derweil setzt die neue SDA-Führung noch im Januar zum Kahlschlag an. 40 von 150 SDA-Vollzeitstellen und deutlich mehr MitarbeiterInnen sollen beim Überfall auf die eigene Tochter auf der Strecke bleiben. Die SDA-MitarbeiterInnen wehren sich und drohen mit Arbeitsniederlegung (vgl. «Ich komme mir vor wie im falschen Film»).

Die Entwicklung bei der SDA ist ein Fanal. Vor diesem Hintergrund kann es nicht angehen, dass die «verzweifelten Verleger» (Bundesrätin Doris Leuthard) weiterhin den privaten Service public in Form der SDA in Geiselhaft halten. Die öffentliche Hand kann keine Gelder sprechen, wenn die gegebene Unterstützung jährlich per Gewinnausschüttung in Österreich und bei den Verlegerfamilien landet.

In den Fuss geschossen haben sich die NZZ und die AZ-Medien. Sie waren nach den vorliegenden Informationen die treibende Kraft hinter der Billigagentur und haben mit der staatlichen Förderung fest gerechnet.

Hansi Voigt (54) war stellvertretender Chefredaktor bei «Cash», arbeitete lange beim Onlineportal «20 Minuten» und gründete «Watson» mit. An dieser Stelle schreibt er zu Fragen der Medienzukunft.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 88-385775-2
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH 75 0900 0000 8838 5775 2
Verwendungszweck Spende woz.ch