Nr. 04/2018 vom 25.01.2018

Netzgrusel und Kopforgasmen

Poppy ist einer der berühmtesten und seltsamsten Youtube-Stars. In ihr spiegelt sich vor allem unsere eigene erotisierte Faszination fürs Internet.

Von David Hunziker

«I am Poppy»: Eine Göttin mit über 250 Millionen Klicks. Foto: Damien Maloney

Was sucht die denn da? Eine junge Frau mit schneeweissen Haaren und watteweicher Stimme kniet am Boden eines leeren, hell erleuchteten, weissen Raums und tastet den Boden ab. Ihre Handschuhe sind mit vielen kleinen Augen besetzt – und trotzdem findet sie nichts. Uns als ZuschauerInnen ist dies während der vierzig Sekunden, die das Video dauert, jederzeit klar. Da können wir kaum anders, als uns selbst zu fragen: Was suchen wir hier eigentlich?

Identität als Marketing

Diese Frage haben sich wohl schon einige gestellt: Das Video mit dem Titel «Where Is It?» wurde bei Youtube bereits über 1,6 Millionen Mal angeschaut. Die Frau im Video ist Poppy, eine 2014 ins Leben gerufene Youtube-Kunstfigur und Popsängerin. Auf ihrem Kanal findet man über 300 Videos, die insgesamt über 250 Millionen Mal angeschaut wurden. Die von japanischer Popkultur beeinflusste Unschuldsästhetik aus Plüsch und Pastell zieht sich einheitlich durch ein paar wenige Musik- und unzählige schwieriger zu klassifizierende Videos. Im populärsten von ihnen wiederholt Poppy nur immer wieder denselben Satz: «I’m Poppy.»

Zumindest oberflächlich betrachtet haben Poppy-Videos, die sich meist um Popkultur und Technologie drehen, selten mehr Inhalt: Poppy streichelt ihren Fernseher, interviewt mit Roboterstimme eine Zimmerpflanze, sagt pseudophilosophische Sätze über die Unendlichkeit oder die Schwerkraft und erklärt ihre Liebe für das Internet und ihre Fans.

Poppys Fans lieben sie nicht nur zurück, sie wundern sich auch über sie. Eine der Lieblingstätigkeiten ihrer Fans ist es, Poppy zu deuten. Tatsächlich stecken ihre Videos voller popkultureller Anspielungen und okkulter Symbole. Besonders Letztere führen bis ins paranoide Herz des Internets: zu dunklen Mächten, Verschwörungen und Geheimbünden. Am prominentesten geschieht dies im Video zum Song «Lowlife». Poppy sitzt im Schneidersitz vor einem Illuminatendreieck, eine Hand mit zwei gestreckten Fingern in die Höhe gehalten, die andere in derselben Position nach unten, und imitiert so eine berühmte okkultistische Darstellung von Baphomet, einem angeblich von den Tempelrittern verehrten Götzen.

Diese Deutungsspur ist natürlich eine Farce, eine Parodie der wuchernden Bedeutungswolken im Netz. Aber sie sagt uns auch, dass Poppy weiss, was sie ist: ein Götze eben oder ein Fetisch, der nur darum existiert, weil Millionen UserInnen ihn mit ihrer Aufmerksamkeit am Leben erhalten. Man kann Poppy als Postinternetkunst verstehen, als eine Reflexion über eine Gegenwart, in der sich die digitale Logik bereits tief ins menschliche Wesen eingeschrieben hat. In der sterilen Ästhetik ihrer Videos spiegelt sich die Vorstellung von Identität als visuellem Marketing, in ihrer kalten Freundlichkeit die Sozialität des Onlinefantums.

Hohe rosafarbene Stiefel

Freude an dieser Lesart hätte vor allem der in Los Angeles wohnhafte Regisseur Titanic Sinclair, der Poppy wohl erfunden hat. Schon vor seiner Zusammenarbeit mit der Sängerin Moriah Pereira, die Poppy verkörpert, hat er Videos im Poppy-Stil ins Netz gestellt. Er sei fasziniert davon, wie Berühmtheiten wie Götter angehimmelt werden, sagt Sinclair. Nun hat er selber eine Göttin geschaffen – allerdings eine, die ihrer Gemeinde lächelnd den Spiegel vorhält.

Titanic Sinclair erklärt Poppy mit künstlerischem Gewicht: das Unheimliche von David Lynch gepaart mit dem irrsinnigen Witz von Tim Burton, in ewiger Repetition wie bei Andy Warhol. Interessant ist in dieser Reihe vor allem David Lynch. Denn wie in den Spielfilmen des US-Kultregisseurs wird die banale Oberfläche von Poppys Videos mit morbiden Elementen gebrochen: Einmal erklärt Poppy, wie man eine Pistole lädt, in einem anderen Video tropft ihr plötzlich Blut aus den Mundwinkeln.

Doch echt lynchesk wird Poppy vor allem dann, wenn man genau hinhört. In einem Video schauen wir Poppy geschlagene fünf Minuten dabei zu, wie sie eine Schnalle nach der anderen ihrer sehr hohen, rosafarbenen Stiefel schliesst. Wie in vielen ihrer Videos wabert im Hintergrund ein spannungsgeladener Ambientteppich. Je mehr sich der Stiefel schliesst, desto bedrohlicher wird die an David-Lynch-Filme erinnernde Geräuschkulisse. Der Titel des Videos, «Come On Let’s Go», ist ironisch: Poppy bleibt stehen, die ersehnte Handlung bleibt aus.

Doch nicht nur die musikalische Begleitung bannt unsere Aufmerksamkeit. Poppys sanfte Stimme und die kristallklaren Geräusche bedienen sich eines Phänomens namens Autonomous Sensory Meridian Response, kurz ASMR. ASMR bezeichnet eine durch bestimmte Geräusche ausgelöste Stimulation des Gehirns, die als angenehm empfunden wird. Man spricht auch vom Kopforgasmus.

Das Internet ist also nicht nur deshalb so anziehend, weil es so viel «high quality content» (Poppy) enthält, sondern weil es bis in unser Gehirn hineingewachsen ist. Poppy lässt ihre Gläubigen nicht nur spüren, wie unheimlich das ist, sie gibt ihnen sogar ein bisschen echtes, digital induziertes Opium.

Aber könnten die vielen Videos am Ende auch nur eine spektakuläre Marketingkampagne sein, um Poppys mittlerweile von Diplos Label Mad Decent vertriebenen Bubblegum-Pop zu promoten? Noch so eine Ambivalenz des Internets, die es auszuhalten gilt.

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