Nr. 04/2018 vom 25.01.2018

Das Experiment im Waschsalon

Von Ulrike Baureithel

«Mein wunderbarer Waschsalon» hiess der unvergessliche Film von Stephen Frears, der die öffentliche Waschanstalt zu einer Kultstätte cineastischer Erfahrung gemacht hat. Doch während einem Waschsalon in westlichen Ländern eine beiläufige Romantik innewohnt, weil man sich wie bei Frears vor drehenden Jeans, Shirts und Slips entspannt näherkommen kann, ist es in asiatischen Ländern, wo der Waschsalon noch eine exotische Einrichtung ist, komplizierter. Zwar haben die einsamen NutzerInnen auch hier das Bedürfnis, miteinander zu sprechen, doch in Asien ist das nicht so einfach.

So jedenfalls hebt Amanda Lee Koes Erzählung «Waschsalon» an, wo die Randexistenzen Singapurs aufeinandertreffen, zwei Katzen bemuttern und Karaoke singen. Doch der Waschsalon entpuppt sich hier als soziologisches Experiment, bei dem am Ende StudienleiterInnen und ProbandInnen die Rollen tauschen. Und nicht nur diese Geschichte der in Singapur und New York lebenden Autorin hat es in sich.

Der Stadtstaat mit den höchsten Lebenshaltungskosten der Welt ist der Fixpunkt ihrer preisgekrönten Erzählungen mit dem paradoxen Titel «Ministerium für öffentliche Erregung». Koe verweist damit auf den bürokratischen Stil, mit dem Singapur unter Kontrolle gehalten wird, und die Panik unter seiner Oberfläche. Ansonsten tritt in diesem Schmelztiegel der Kulturen unterschiedlichstes Personal in Erscheinung: einsam Versprengte, Secondhandexistenzen, Homosexuelle – im Einparteienstaat Singapur ist Homosexualität verboten.

Der dreissigjährigen Autorin gelingen enorme Tiefenbohrungen in die Seele der Inselmetropole und ihrer Menschen. Ihre Zauberformel beruht auf Empathie und Humor – und auch auf einer gewissen Härte, wie etwa die Erzählung «Karussell & Kastell» beweist. Darüber hinaus zeigen diese Storys, dass Singapur, ohne eigene Traditionen, nicht nur eine städtische, sondern auch eine ästhetische Erneuerungslandschaft ist. So streut Koe malayische und chinesische Dialektsprengsel ein und experimentiert bis an die Grenze des Genres mit der Erzählform.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch