Nr. 04/2018 vom 25.01.2018

Leben im Zeichen eines zweimaligen Verblutens

Die Memoiren des ungarischen Schriftstellers Peter Nadas lotsen uns in bestechenden Assoziationsketten durch die Jahrzehnte: vom Privatesten zum Politischen – und zurück.

Von Hans Ulrich Probst

Selten entspricht ein Buchtitel ganz dem, was der Text dann leistet. Doch Peter Nadas, als Romancier zuletzt für sein 1700-seitiges, vielstimmiges Opus magnum «Parallelgeschichten» hoch gerühmt, löst begeisternd ein, was der Titel seines neuen Buchs verspricht: «Aufleuchtende Details. Memoiren eines Erzählers». Wir erfahren Hunderte sprachlich so prägnante wie inhaltlich eindringliche Einzelheiten aus dem Alltag des Verfassers, seiner Familie, seines Landes. Erzählt wird mit dokumentarischer Präzision und literarischer Meisterschaft auf 1300 Seiten – ohne Schonung seiner selbst oder seiner Nächsten, historisch unbestechlich, ethnografisch erhellend.

Nach fünfzig Jahren fiktionalen Schreibens hat sich Nadas von der Fiktion verabschiedet und vertraut auf sein staunenswertes Erinnerungsvermögen und hartnäckige Recherchen. Die Fülle an Figuren, Szenen, Themen, Reflexionen und historischen Dokumenten erdrückte einen, wäre der Text nicht so einfühlsam und mitunter humorvoll verfasst – und erneut von Christina Viragh virtuos ins Deutsche übertragen.

Omnipräsenter Leichengeruch

Das Buch fokussiert auf die vierzehn Jahre von Nadas’ Geburt bis zur ungarischen Revolution von 1956 und deren Niederschlagung durch sowjetische Panzer – mit vielen Rückblenden in die Geschichte seiner Familie und Ungarns seit 1848 sowie einigen Vorgriffen auf die zweite Jahrhunderthälfte. «Ich stelle einen bescheidenen Überlebenden des Weltenbrands dar, dank des Muts und des kommunistischen Bewusstseins meiner Eltern und Verwandten», schreibt Nadas, der am 14. Oktober 1942 mitten im Zweiten Weltkrieg in Budapest als Kind kommunistischer Eltern jüdischer Herkunft geboren wird. Es ist der Tag, an dem eine Einsatzgruppe der SS das Ghetto von Misotsch in der Ukraine liquidiert und über 1200 jüdische Frauen, Kinder und Männer erschiesst – wie Nadas so nüchtern wie beklemmend genau vergegenwärtigt.

Seine frühesten eigenen Erinnerungen gelten der Zeit der «Belagerung» im Spätherbst 1944: Budapest, besetzt von den Deutschen und ihren ungarischen Helfershelfern, den Pfeilkreuzlern, wird 102 Tage lang zur «Hölle», beschossen und bombardiert von Russen, Briten und Amerikanern bis zum Sieg der Alliierten. Die Eltern im Widerstand: Der Vater, Laszlo Nadas, versteckt sich nach mehrfacher Haft und Folter mit anderen Kommunisten in einem zugemauerten Keller, wo sie Flugblätter und gefälschte Pässe herstellen, die die Mutter, Klara Tauber, zusammen mit ihrer Freundin und Schwägerin Magda Aranyossi-Nadas geschickt und unerschrocken in der Stadt verteilt. Der zweijährige Peter in der Familienwohnung am Donauufer in Pest erinnert die Zerstörung der Margaretenbrücke, die Jagd auf JüdInnen und Oppositionelle durch die faschistischen Pfeilkreuzler, den omnipräsenten Leichengeruch.

Nach der Befreiung und der kommunistischen Machtübernahme erhalten der Fernmeldeingenieur Laszlo und die als Organisationstalent vielseitige Frauenrechtlerin Klara anspruchsvolle Posten in Verwaltung und Partei. 1948 kommt der Bruder Pal zur Welt, doch mit den Säuberungen und Morden innerhalb der Bewegung, namentlich dem stalinistischen Schauprozess gegen Laszlo Rajk, gerät das Leben der Eltern ab 1949 zusehends aus den Fugen. Noch bezieht die Familie eine enteignete Villa auf dem Svabhegy in Buda, doch bald werden sie aus dem Machtzentrum verbannt. Dann erkrankt die Mutter 1952 an Krebs und stirbt 1955; der Vater verkraftet diesen Verlust nie. Zur gleichen Zeit zu Unrecht der Unterschlagung angeklagt und seines Amtes enthoben, kämpft er verbissen und erfolgreich um sein Recht. 1958 erschiesst er sich, wobei er es zuletzt nicht über sich bringt, die Söhne wie geplant «mitzunehmen».

Ethos des Widerstands

Tante Magda wird zum Vormund der halbwüchsigen Brüder ernannt. Auch sie bleibt, wie deren Eltern, bis zum Schluss ihrer kommunistischen Überzeugung treu, dass «Menschen verändert, verbessert werden können» – trotz Verrat, Denunziation und menschlicher Niedertracht in Regierung und Partei. Ihr Herz sei «voller Toter» und «Das Fürchten habe sie von ihren eigenen Genossen gelernt, so schrecklich das klinge», gesteht sie dem ihr mit unbequemen Fragen zusetzenden Neffen. Peter wollte die Geschichte der zwei grossen Massenmorde des Jahrhunderts kennen und verstehen: «Ich wollte wissen, wie ich im Gegensatz zu ihnen [den Eltern] mein eigenes utopiefreies Leben einrichten und verbringen soll.» Dies ist ein zentraler Antrieb für dieses Buch, das den Eltern, dem Ethos ihres Widerstands ohne Verklärung auch ein Denkmal als «Weisse Raben» in düsterem Umfeld setzt.

Ohne Larmoyanz und Narzissmus schildert Nadas aber auch Kindheitsfreuden – und Leid (unvergesslich: das Sterben seines geliebten Hundes), die Grausamkeit von Mitschülern, seine Education sentimentale (kulminierend in der Leidenschaft für die elf Jahre ältere und spätere Ehefrau Magda Salomon), den Alltag im grossbürgerlichen Haushalt der Vorfahren (superb-sarkastisch die Szene mit den Waschfrauen). Unerbittlich erzählt Nadas auch vom Holocaust in Ungarn, den Verbrechen des Nationalsozialismus und des Stalinismus. Er bricht in Tränen aus, als er endlich am Ort des berüchtigten Lagers Le Vernet d’Ariège in den französischen Pyrenäen steht, wo seine Verwandten und zahllose prominente JüdInnen und KommunistInnen ab 1939 interniert waren. Die Lebensbilanz bleibt prekär: «Ich weiss nur, dass es eine gewisse Kohärenz hat, aber auch diese hat keinen Sinn. Ich jedenfalls habe ihn nicht gefunden.»

Das Konstruktionsprinzip des Buchs ist ganz einfach, wie der Autor versichert: «Es gibt keine Konstruktion.» Sie entspricht vielmehr dem Assoziationsprinzip, das Nadas wie vor ihm Sigmund Freud, Carl Gustav Jung oder Marcel Proust als anthropologische Konstante sieht. So zieht einen der Erzähler Nadas im konsequenten Verzicht auf Form- oder Strukturprinzipien mit unerschöpflicher Gestaltungskraft und phänomenalem Gedächtnis in seinen Assoziationsketten durch die Jahrzehnte vorwärts und rückwärts, vom Privatesten zum Politischen und umgekehrt – immer dem «gleitenden Übergang zwischen Schein und Wirklichkeit» auf der Spur. Bei aller dunklen Thematik leuchten die Einzelheiten überhell. Nadas’ Memoiren sind ein Monument dessen, was Literatur vermag.

Am Schluss steht Nadas’ packend erzählte Reflexion über die Oktobertage 1956, die «letzte Revolution», gescheitert an der Grausamkeit der Sowjets und der Gleichgültigkeit der westlichen Grossmächte: «Ich sage es ohne Pathos und Trauer, dass mein Leben im Zeichen eines zweimaligen Verblutens gestanden hat. Seither hasse ich nicht nur jegliche Tyrannei, sondern kann auch vor den Schwächen, billigen Komödien und gefährlichen Voreingenommenheiten der Res publica und der Demokratie den Kopf nicht abwenden. Tut mir leid.»

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