Nr. 05/2018 vom 01.02.2018

Ein fortgesetzter Zustand des Falschseins

Rebecca Solnit befasst sich in ihrem Essayband «Die Mutter aller Fragen» virtuos mit den Komplexen von Macht und Sprache sowie mit der Gewalt von Männern an Frauen.

Von Nadia Brügger

«Es gibt schlicht keine gute Antwort auf die Frage, wie man als Frau zu sein hat»: Autorin Rebecca Solnit im August 2017. Foto: John Lee

Warum sie keine Kinder habe – diese Mutter aller Fragen wird Rebecca Solnit von einem Mann gestellt, mit dem sie eigentlich über ihr neues Werk hatte sprechen wollen. Schnell fühlt man sich in den Kontext des Essays «Wenn Männer uns die Welt erklären» zurückversetzt, mit dem die US-amerikanische Autorin im Jahr 2008 die Grundlage für den mittlerweile legendären Begriff des «mansplaining» («herrklären») geliefert hat. Den Ausschlag zum Text damals gab ein Mann, der Solnit an einer Party ihr eigenes Buch erklärt hatte.

Auch in ihrem neuen Essay «Die Mutter aller Fragen», der nun im gleichnamigen Essayband mit elf anderen Texten erschienen ist, steht zu Beginn also die irritierende Begegnung der Autorin mit einem Mann, der eine sehr genaue Vorstellung davon hat, wie die Existenz einer Frau zu einem gewissen Zeitpunkt ihres Lebens auszuschauen hat. Solnit schreibt dazu im Essay «Eine kurze Geschichte des Schweigens» über Frauen in der Politik, dass sie zu etwas Unmöglichem werden müssten, um bloss nichts Falsches zu sein. Frausein sei «ein fortgesetzter Zustand des Falschseins. Zumindest im Patriarchat.»

Der Ozean der Vergessenen

Solnits Essaysammlung beginnt mit der eingangs erwähnten Frage, einem subtilen sprachlichen Gewaltakt also, den sie nach sechzehn Seiten bestimmt beiseitewischt: «Es gibt also schlicht keine gute Antwort auf die Frage, wie man als Frau zu sein hat. Vielleicht liegt die Kunst eher in der Art, wie wir die Frage zurückweisen.»

Die Verbindung von Schweigen, Sprache und deren Gewaltpotenzial hält den ganzen Essayband zusammen, womit unweigerlich die Gewalt von Männern gegenüber Frauen in den USA zum Thema wird, die jedes Jahr unzählige Opfer fordert. Solnit zieht keine voreiligen Schlüsse: Sie behauptet nicht, sprachliche Gewaltakte würden zwangsläufig in reale Massaker münden, aber sie weiss wohl um die grosse Wirkungsmacht dessen, was wir sagen und worüber wir schweigen. Leichtfüssig führt Solnit vor, was sie sich wünscht: eine Landschaftsveränderung nämlich, damit die gut kartierten Inseln der Gehörten den unbeschriebenen Ozean der Vergessenen nicht länger verdrängen. Ihre Reflexionen sind illustriert mit den verschlungenen «HairScapes» der Künstlerin Paz de la Calzada, Kohlezeichnungen von entkörperlichten Haarlandschaften.

Das vielleicht grösste Verdienst von Solnits Essaysammlung besteht darin, dass sie weibliche Stimmen miteinander verknüpft, die vom Schweigen redeten und darüber nicht selten selbst untergingen. Dabei kommt auch die Pornografie zur Sprache. Solnit erläutert, wie populäre pornografische Produkte durch die Darstellung von physischer Aggression gegenüber Frauen zur Auslöschung der weiblichen Stimme beitragen: PornokonsumentInnen greifen in realen Situationen mit geringerer Wahrscheinlichkeit ein, wenn eine Frau bedroht oder angegriffen wird.

Im Essay «Eine kurze Geschichte des Schweigens» führt Solnit die afroamerikanische Literaturwissenschaftlerin bell hooks an, die analysiert, wie in der patriarchalen Ordnung Männer sich als Erstes «selbst zum Schweigen bringen» müssten, also früh lernten, anderen und sich selbst gegenüber zu schweigen – über Aspekte ihres Innenlebens etwa. Gewaltsame Reaktionen auf Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen – von Schweigegeboten bis hin zu Vergewaltigungsfantasien – führen die Autorin zum traurigen Schluss, dass ein gewisses männlich-kulturelles Begehren nach dem Schweigen der Frau noch längst nicht überwunden sei.

Das bitterböseste Beispiel

Solnit bespricht verschiedene Varianten, wie Frauen ihrer Stimme und damit ihres gleichberechtigten Existenzrechts beraubt werden. Ihre Stärke ist dabei, dass sie Gewaltakte gegen Frauen nicht als von psychotischen Individuen verschuldete Einzelfälle abtut, sondern dafür plädiert, die misogyne Struktur dahinter zu erkennen. Erst wenn ein Problem artikulierbar wird, sich eine Sprache dafür gefunden hat, kann es auch tatsächlich wahrgenommen und bekämpft werden – die Begriffe «date rape» und «sexual harassment» sind dementsprechend jung: Sie wurden erstmals in den achtziger Jahren von feministischen Theoretikerinnen formuliert.

Wie wir Geschichten – auch unsere eigenen – erzählen, verrät schliesslich viel über das menschliche Selbstverständnis. So ist «Die Mutter aller Fragen» in erster Linie ein Plädoyer für einen verantwortungsvollen Umgang mit Sprache. Sobald anerkannt wird, dass dem misogynen Sprechakt selbst schon ein hohes Gewaltpotenzial gegenüber dem weiblichen Körper innewohnt, lässt sich die Verbindung von sprachlichem Bewusstsein und Befreiung überhaupt erst denken.

Solnits bitterbösestes Beispiel geht so: Wenn auf den Präventionsflyern gegen zu hohen Alkoholkonsum bei Frauen das Risiko «Verletzungen/Gewalttätigkeit» steht, wird einmal mehr vertuscht, wer in diesen Situationen eigentlich am allermeisten sichtbar gemacht werden sollte: der gewalttätige Mann.