Nr. 05/2018 vom 01.02.2018

Stärker und stärker

Der Black-Panthers-Aktivist Albert Woodfox verbrachte beinahe 44 Jahre in Einzelhaft, länger als jeder andere in den USA. Wie überlebte er?

Von Christian Schmidt, New Orleans

Der Würgegriff weckt Albert Woodfox. Die Wände des Schlafzimmers legen sich um seinen Hals, die Decke fällt herunter. Schweissgebadet springt er auf und eilt nach draussen, die nachtdunkle Emory Road entlang. Luft! Aber die Klammer um seinen Hals will nicht verschwinden. Er zwingt sich, an anderes zu denken. Er will noch so vieles erreichen in seinem Leben, jetzt mit siebzig und endlich in Freiheit. Er hat die anderen Gefangenen zurückgelassen, sie brauchen ihn. Einzelhaft ist Folter! Woodfox flieht so lange, bis er den kleinen Park erreicht. Dort bleibt er stehen und sucht den Polarstern. Findet er ihn, hört sein Herz auf zu rasen. 43 Jahre, 10 Monate und 2 Tage lang fehlte ihm das Glitzern, das sind 2287 Wochen oder 16 013 Tage.

«Diese Panikattacken habe ich mir im Gefängnis geholt. Sie kommen nicht mehr so häufig wie früher, aber immer noch ab und zu», sagt Woodfox. Und: «Nein, letzte Nacht hatte ich keine.»

Es ist der 5. September 2017, morgens um neun. Albert Woodfox räumt die Stube seines Hauses auf. Vor eineinhalb Jahren ist er entlassen worden, nun lebt er im Osten von New Orleans. Ein strahlender Himmel spannt sich über die Stadt, aber mit «Irma» droht nach «Harvey» bereits der nächste Hurrikan. Die TV-Stationen berichten pausenlos.

Woodfox, einst vom obersten Staatsanwalt Louisianas als «gefährlichster Mann auf Erden» betitelt, ist eben erst aufgestanden. Die Tür öffnete er in Socken und Unterwäsche, warf einen taxierenden Blick und sagte: «You are early» (Sie sind früh dran). Nun trägt er T-Shirt, Jeans und Crocs; ein schmaler Mann mit silbergrauem Haarschopf, am Unterarm ein laienhaft tätowierter Totenkopf. Er streicht die Decke auf dem Sofa flach und rückt eine Auszeichnung in die Mitte des Tischs, die ihm die National Lawyers Guild – eine progressive Anwaltsvereinigung – verliehen hat. Bereits während der Haft engagierte sich Woodfox für eine Demokratisierung der US-Gefängnisse; das tut er heute noch. Seine Bewegungen sind flink und fliessend, fast jungenhaft. Erstaunlich, denn zwei Drittel seines Lebens hatte er kaum Gelegenheit, sich zu bewegen: Seine Zelle mass zwei mal drei Meter.

Während er Ordnung macht, erzählt Woodfox von seinem Leben in Freiheit. «Mit siebzig habe ich endlich eine Familie.» Wie sehr es ihn beglückt, dass er seine Tochter Brenda nun so oft umarmen kann, wie er will, wie sehr er sich jedes Mal freut, wenn sie ihn «Papa» nennt. Dabei ist sie 52 und selbst schon Grossmutter. Und dann sein Haus. Es ist zwar klein und steht nicht in der besten Gegend, aber er hat nun so viel Platz wie noch nie in seinem Leben. «Zwei Bäder! Ein begehbarer Kleiderschrank! Hier mein Büro! Da der Abstellraum!» Nichts lässt er aus. Kaufen konnte er es sich mit dem Geld aus seiner Entschädigung. Aber wie die zweite Stimme in einem Lied schwingt auch immer der Schmerz mit. Das kürzlich gefundene Glück macht ihm unmissverständlich klar, dass er zwei Drittel seines Lebens verloren hat. «Two thirds, you know», Woodfox spricht im schleppenden Tonfall der Südstaaten. Seine Stimme ist warm und herzlich.

Wie bloss konnte es dazu kommen, dass dieser freundliche alte Herr länger als jeder andere Gefangene der USA in Einzelhaft geriet?


Albert Woodfox wird 1947 als Sohn einer alleinerziehenden Mutter im Quartier Tremé in New Orleans geboren, zwischen Armut und Jazz. Um für die Mutter und fünf Geschwister etwas Geld nach Hause zu bringen, pflückt der kleine Albert auf Friedhöfen Blumen und verkauft sie an Trauernde, er macht Strassenmusik, später bestiehlt er TouristInnen und bricht Autos auf. «Wir mussten überleben.» Seine Mutter versucht, ihn davon abzuhalten, vergeblich. Er ist stolz darauf, ein Kleingangster zu sein. Um eine Ausbildung kümmert er sich nicht, ebenso wenig um das Kind, das er damals zeugt. Mit achtzehn Jahren und soeben Vater geworden, überfällt er bewaffnet eine Bar und wird erwischt. Es sei das «schlimmste Vergehen», das er je begangen habe, sagt Woodfox heute. Und: «Ich bereue es.»

Woodfox wird zu fünfzig Jahren Haft verurteilt. Die erste Zeit verbringt er in einer Haftanstalt in New Orleans, dann wird er ins Louisiana State Penitentiary gebracht, das grösste Hochsicherheitsgefängnis der USA, genannt «Angola», zwei Fahrstunden nördlich der Stadt. Über 6000 Häftlinge sitzen heute hier, die Mehrheit lebenslänglich, drei Viertel sind schwarz. Einst eine Plantage und benannt nach der Herkunft der hierhin verschleppten SklavInnen, bearbeiten seit Ende des 19. Jahrhunderts nun Häftlinge das Land. Sie stehen in langen Reihen nebeneinander und schwingen für wenige Cents Stundenlohn ihre Hacken, bis heute. «Onkel Toms Hütte» ist wiederauferstanden.

Dann passiert das, was Woodfox’ Leben für immer verändert. Er sitzt seit rund einem Jahr im «Angola», als am 17. April 1972 der Gefängniswärter Brent Miller mit 38 Messerstichen ermordet wird. Woodfox gilt als einer der Täter, obwohl sich kein einziger Hinweis auf ihn findet. Auf seinen Kleidern finden sich weder Blutspuren noch Zeichen eines Kampfs, ein Fingerabdruck in der Nähe der Leiche passt nicht. Die Staatsanwaltschaft verlässt sich allein auf einen Zeugen, einen Mithäftling. In der Folge verurteilt eine Jury Woodfox nach kaum zweistündiger Verhandlung zu lebenslanger Haft. Monate später wird sich zeigen, dass der Zeuge gekauft ist. «Die Gefängnisverwaltung machte ihm Hoffnung auf eine bedingte Strafe, falls er gegen mich aussage.»

Je länger er aus dieser Zeit erzählt, desto mehr verliert er seine Jugendlichkeit. Nun sitzt er mit gekrümmtem Rücken auf dem Sofa und klammert sich daran, als sei es ein Rettungsfloss, das ihn vor dem Rückfall in die Vergangenheit bewahrt.


Woodfox ist noch als Kleingangster in der Altstadt New Orleans unterwegs, als er zum ersten Mal von der Partei der Black Panthers hört. In einer der ärmsten Gegenden seiner Stadt, der Desire Area, verteilen sie Essen und Kleider. Gleichzeitig zeigen sie den BewohnerInnen, wie sie sich gegen Willkür und Unterdrückung durch die Weissen wehren können – mit Demonstrationen und Parolen, aber auch mit Waffen. Woodfox ist zutiefst beeindruckt. Seine ganze Kindheit und Jugend war rassistisch geprägt. «Meine Mutter hat mich stets hinter sich versteckt, wenn sie ein Polizeiauto nahen sah.» Bei den Black Panthers begegnet Woodfox zum ersten Mal Schwarzen, die keine Angst zeigen. Er schliesst sich ihnen an und realisiert, wie gut ihm ihre Kraft tut. Als er ins «Angola» verlegt wird, gründet er zusammen mit anderen schwarzen Insassen einen Ableger der Party.

Damit ist Woodfox in den Augen der Behörden fortan kein einfacher Krimineller mehr. Als Mitglied einer gemäss Selbstverständnis marxistisch-revolutionären Partei, die bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1982 insgesamt 35 Polizisten töten wird, macht er sich zum Staatsfeind, und als solcher wird er wiederum zur handfesten Gefahr für das System vom «Angola». Was konkurrierenden kriminellen Gruppen nicht möglich scheint, könnten die ideologisch gefestigten Black Panthers anzetteln: eine Revolte.

Aus Sicht der Gefängnisdirektion muss Woodfox deshalb isoliert werden, er gehört ins berüchtigte Camp J, wo die Zellen bis auf ein schmales Bett, einen winzigen Tisch und eine Toilette aus Chromstahl leer sind. Von einer totalen Isolation unterscheiden sie sich einzig durch ihre Frontseite. Sie ist nicht mit einer Tür, sondern mit Gitterstäben gesichert. Die Insassen können miteinander sprechen und sich Zettel reichen. Am 18. April 1972 wird Woodfox hinter diesen Stäben eingesperrt.

Bereits in den ersten Tagen erlebt er, was ein Leben in Camp J bedeutet: «Meine Nachbarn schrien stundenlang, sie schlugen auf die Gitterstäbe, sie warfen mit ihrem Kot herum, verharrten in Fötusstellung, verschluckten Rasierklingen oder verstümmelten sich – alles, um herauszukommen und ins Gefängnisspital verlegt zu werden.» 23 Stunden am Tag ist er eingeschlossen und diesem Irrsinn schutzlos ausgesetzt; während einer Stunde darf er im Zellengang auf und ab gehen, oder er wird nach draussen in einen Käfig geführt. Das alles ist so deprimierend, dass ein zum Tode verurteilter Gefangener nach Umwandlung seiner Strafe in lebenslänglich die Gerichte bemüht, damit er im Todestrakt bleiben darf und nicht hierhin verlegt wird.


Albert Woodfox lauscht seinen eigenen Worten nach. Sie wecken, was er lieber ruhen lassen möchte. In der vergangenen Stunde pausierte er immer wieder, verhaspelte sich und musste neu ansetzen. Die meisten Gefangenen, die lange Jahre in Einzelhaft sassen, leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen.

Woodfox rettet sich nun in einen Hustenanfall. Das gibt ihm Gelegenheit, aufzustehen und Wasser zu holen. Auf dem Weg in die Küche geht er an einer Aufnahme von Huey Newton vorbei, dem Gründer der Black Panthers, vorbei an einer Wanduhr mit einem schwarzen Panther als Zifferblatt und einer Fahne mit aufgedrucktem schwarzem Panther. Es ist, als müsse er bei den Emblemen der Organisation neue Kraft holen, damit er weitererzählen kann.

«Ich hatte mir geschworen, mich nie vereinnahmen zu lassen. Das war das Wichtigste», fährt er fort, danach gefragt, wie er die 43 Jahre und 10 Monate in Einzelhaft überlebte. «Ich orientierte mich nicht an den Werten der Gefängniswelt, sondern an den Regeln und Prinzipien, die draussen galten.»

Entsprechend leistete Woodfox gegen alles Widerstand, was seinem dank der Black Panthers entdeckten Selbstwertgefühl widersprach. «Jedes Mal, wenn ich die Zelle verliess oder zurückkehrte, musste ich mich vor den weissen Wärtern ausziehen, vornüberbeugen, die Pobacken spreizen und husten.» Er klagte gegen das Prozedere und errang 1979, nach jahrelangem Seilziehen, einen Teilsieg. Als die Leibesvisitationen 2013 wieder zunahmen – bis zu sechs Mal am Tag –, lancierte er seinen Widerstand erneut. Ebenso vehement begann er, sich gegen die beleidigende Art zu wehren, in der die Wärter ihm das Essen reichten: Sie schoben das Tablett unter den Gitterstäben hindurch in die Zelle. Als alle Beschwerden nicht fruchteten, trat er in einen 45-tägigen Hungerstreik. Wann das war, weiss er nicht mehr genau, irgendwann in den siebziger Jahren: «Ich hungerte so oft.» An seinem Protest hielt er fest, obwohl die Wärter die ganze Abteilung mit Tränengas einnebelten und ihm mit einem Baseballschläger ein Loch in den Schädel schlugen. Auch diesen Kampf gewann er. Dennoch dauerte es mehr als ein Jahr, bis die Wärter die gerichtlich angeordnete Durchreiche in die Stäbe schnitten. Seine Zelle kam dabei als letzte an die Reihe.


Nächste Pause. Woodfox denkt nach, schaut kurz zum TV mit den Hurrikanvoraussagen, dann wird er deutlich: «Im Justizsystem der USA geht es nicht um Recht oder Unrecht. Es geht darum, wer sich durchsetzen kann.»

Damit ihn die unzähligen Demütigungen im Alltag im «Angola» nicht in Depressionen stürzten, erlegte er sich einen fixen Tagesablauf auf. «Ich stand zwischen drei und halb vier Uhr in der Früh auf. Später war dauernd Lärm. Jemand flippte aus, die Wärter knallten Türen, klimperten mit den Schlüsseln, der Essenswagen kam.» In diesen Stunden widmete sich Woodfox dem Kampf gegen seine Inhaftierung. «Ich bombardierte die Gefängnisverwaltung mit Beschwerden, ich deckte die Gerichte mit Klagen ein.» Das nötige Wissen dazu brachte er sich selbst bei. Wurde ihm anfänglich nur eine Bibel zugestanden, erstritt er sich das Recht auf andere Bücher, auch juristische. Allerdings wurden die meisten konfisziert, noch bevor er sie in den Händen hatte. «Wenn ich nach dem Grund fragte, hiess es: ‹Weil wir sagen, dass es so ist.›»

Woodfox beschaffte sich die benötigte Fachliteratur auf dem florierenden Schwarzmarkt im «Angola» – und half mit seinem Wissen wiederum anderen Inhaftierten. Er lehrte sie lesen und schreiben, er erklärte ihnen, wie sie sich wehren können. Daraus wiederum zog er Kraft für sein eigenes Überleben. «Ich war die Autorität in Camp J. Ich trug Verantwortung.» Den kleinen Freuden des Gefängnisalltags wie Kaffee oder Zigaretten entsagte er konsequent, damit die Wärter ihn nicht unter Druck setzen konnten: «Was ich nicht besass, konnten sie mir nicht wegnehmen.» Und bei jeder Gelegenheit gab er ihnen zu verstehen, wie ausserordentlich er ist. So liess er sich in den kältesten Wintermonaten stets barfuss zum Rundgang im Aussenkäfig führen. «Sie glaubten, ich hätte übermenschliche Kräfte.»

Die Basis seines Überlebens im «Angola» sei Widerstand gewesen, fasst Woodfox zusammen: «Widerstand gegen meine eigene Verurteilung, gegen die Diskriminierung, gegen das Prinzip der Einzelhaft.» Seine Inspiration waren die Black Panthers. Holten die einen Gefangenen sich Kraft in der Religion, so fand sie Woodfox in der Partei. Ihre Überzeugungen halfen ihm, während der langen Haft nicht durchzudrehen, ja, sie liessen ihn sogar «stärker und stärker werden – stärker, als es die meisten Menschen je sein müssen».

Am 19. Februar 2016 wird der «gefährlichste Mann auf Erden» entlassen. Er ist nun 69 und zugleich immer noch 24. Was draussen in der Welt vor sich ging, hat er über vier Jahrzehnte lang nur am TV gesehen. Er besass noch nie eine eigene Wohnung, er feierte Geburtstage und Weihnachten stets ohne Familie, er hatte kein Liebesleben. Ein Video zeigt, wie ihn sein Bruder Michael am Ausgang des Gefängnisses empfängt und umarmt. Beide lachen, Albert Woodfox reckt die Faust – es ist die Geste der Black Panthers. Dass sich die Organisation längst aufgelöst hat, kümmert ihn nicht. Michael führt Albert zu seinem Auto, zeigt ihm, wie man den Sicherheitsgurt anlegt, dann fahren sie los in die Freiheit.

Das erste Ziel ist das Grab seiner Mutter, Woodfox hat sich das gewünscht. 22 Jahre nach ihrem Tod will er sich endlich verabschieden. Die Gefängnisdirektion hatte sich damals geweigert, ihn am Begräbnis teilnehmen zu lassen. «Obwohl mir das zustand. Aber sie liessen mich nicht gehen – einfach aus dem Grund, weil sie die Macht dazu hatten.» Als die beiden ankommen, ist der Friedhof geschlossen. Woodfox will über den Zaun klettern, sein Bruder hält ihn davon ab. «Er hielt es für keine gute Idee, ich sei doch erst grad aus dem Gefängnis gekommen.» Es ist das einzige Mal im Verlauf des dreistündigen Gesprächs, dass Woodfox schmunzelt.

Wenige Tage nach seiner Entlassung gibt Albert Woodfox sein erstes grosses TV-Interview. Er ist ein anderer Mensch. Die Kamera zeigt ihn starr dasitzend. Woodfox’ Wangenmuskeln haben sich zu Eisenstäben verspannt, die Stirnfalten bilden die Querverstrebungen: Sein Gesicht ist ein Gefängnis. Woodfox hat in der kurzen Zeit bereits realisiert, was ihn bis heute beschäftigt. «Ich habe meine kleine Zelle gegen eine grosse getauscht.» Obwohl sich Mode, Autos und Telefone verändert haben, sind die entscheidenden Werte in seiner Heimat unverändert geblieben. «Amerika ist immer noch dasselbe alte Amerika, rassistisch und ungerecht.»

Das beschäftigt ihn auch heute noch, achtzehn Monate nach seiner Entlassung. Jeden Tag morgens um drei Uhr, «wie im ‹Angola›», steht er auf, startet den Laptop und engagiert sich für ein besseres Amerika: für mehr Gefangenenrechte, gegen Einzelhaft und gegen die Sklaverei. Obwohl seit 1865 verboten, bestehe sie weiterhin. «Das ‹Angola› ist legalisierte Sklaverei.»


Doch wie sieht es angesichts des Zustands seiner Heimat in ihm selbst aus, jetzt, nachdem Amerika gerade dabei ist, noch rassistischer, noch ungerechter zu werden? Wie geht es ihm? Woodfox schaut hoch zur Stubendecke, will auf dem Smartphone einen Anruf wegklicken und weiss nicht genau, wie, dann sagt er: «So weit, so gut», denkt über seine Aussage nach, stuft sie als zutreffend ein und wiederholt: «So weit, so gut.»

Zu schaffen macht ihm, neben dem Zustand seines Landes, dass er für seine Freiheit jenes grosse Versprechen gebrochen hat, das er noch als Kind seiner Mutter gab und nie vergessen hat. «Sie sagte mir: ‹Halte immer dein Wort!›» Woodfox aber hat sich – ganz zuletzt, um der Haft zu entkommen – vom System vereinnahmen lassen und ist mit der Staatsanwaltschaft einen Handel eingegangen. Das empfindet er als Niederlage, als Verrat an seinen eigenen Prinzipien. «Es quält mich», sagt er.

Albert Woodfox hat seine Verurteilung in all den Jahren drei Mal erfolgreich angefochten: einmal, weil man ihm einen unfähigen Pflichtverteidiger zur Seite gestellt hatte, das zweite Mal, weil die Jury bei seiner Verurteilung im Jahr 1993 ausschliesslich weiss zusammengesetzt war. Dennoch war er nie freigekommen. Die nächsthöhere Instanz hatte dafür gesorgt, dass er hinter Gittern blieb.

2015 sollte der Prozess noch einmal wiederholt werden. Doch fast gleichzeitig trat jener oberste Staatsanwalt zurück, der Woodfox einst als «den gefährlichsten Mann der Welt» bezeichnet hatte und die treibende Kraft dahinter gewesen war, dass Woodfox nie freikam. Sein Nachfolger erkannte die Dürftigkeit der gegen Woodfox vorgebrachten Beweise, zudem waren inzwischen die meisten Zeugen verstorben, was eine Wiederaufnahme des Prozesses sinnlos machte. Und so erklärte sich der neue Staatsanwalt bereit, den Langzeitisolierten unter einer Bedingung freizulassen: Ohne sich schuldig zu bekennen, müsse Woodfox eine Verurteilung für ein geringfügigeres Verbrechen akzeptieren – nicht mehr für Mord, sondern für Totschlag, geahndet mit maximal vierzig Jahren. Diese Zeit habe er bereits abgesessen.

Albert Woodfox, von seinen Brüdern und der Tochter mit aller Kraft dazu gedrängt, willigte in den Deal ein. «Sie machten mir klar, dass ich auch beim dritten Prozess keine Chance haben würde», sagt er. Die Jury wäre aus den Mitgliedern jener Gemeinde gewählt worden, in der nicht nur die Angestellten des «Angola» wohnen, sondern auch die Familie des ermordeten Gefängniswärters.

Damit wird für immer offenbleiben, wer den Gefängniswärter Brent Miller 1972 tötete. Kurz vor seiner Freilassung hatten Woodfox’ Anwälte durchgesetzt, dass alle am Tatort konfiszierten Gegenstände erstmals auf DNA-Spuren untersucht werden. «Endlich hätte sich meine Unschuld beweisen lassen.» Doch da Woodfox dem Vorschlag der Staatsanwaltschaft zugestimmt hatte, konnte diese den Fall ad acta legen. Entsprechend läuft sie nicht mehr Gefahr, für einen der grössten Irrtümer der amerikanischen Justizgeschichte geradestehen zu müssen. Mit Albert Woodfox versenkte sie einen Menschen in einer Zelle, deren Seitenwände sich mit ausgestreckten Armen berühren lassen, deren Länge nicht mehr als vier Schritte erlaubt, die nur wenig grösser ist als die Kingsize-Matratze in seinem Schlafzimmer an der Emory Road. Für 43 Jahre, 10 Monate und 2 Tage sass er. Für ein Verbrechen, das er nicht begangen hatte.

Politische Gefangene in den USA

Von den «Angola Three» zu Mumia Abu-Jamal

Albert Woodfox gehört zu den «Angola Three». So heissen die drei Black Panthers, die ab 1972 im berüchtigten «Angola»-Gefängnis in Louisiana einsassen. Herman Wallace wurde mit Woodfox zusammen für den Mord an Gefängniswärter Brent Miller verurteilt und am 1. Oktober 2013 dank einer Intervention von Amnesty International wegen seines fortgeschrittenen Leberkrebses entlassen. Drei Tage später starb er. Robert «King» Wilkerson, der Dritte im Bunde und 1973 ebenfalls aufgrund zweifelhafter Umstände für die Tötung eines Gefängniswärters verurteilt, kam im Februar 2001 frei – weil er bereit war, auf eine Klage wegen der Verletzung seiner verfassungsmässigen Rechte zu verzichten.

Wilkerson verbrachte 29 Jahre in Isolationshaft, Woodfox und Wallace sogar über 40 Jahre. Grund für diese klar menschenrechtswidrige Haftdauer war ihr politisches Engagement in der Black Panther Party (BPP): Woodfox und Wallace hatten im Gefängnis einen BPP-Ableger gegründet und kämpften für bessere Haftbedingungen. Wer ab 1968 Mitglied der BPP war, galt in den USA als Staatsfeind und wurde von Polizei und Justiz gnadenlos verfolgt – oft mit Mitteln jenseits der Legalität. Spitzel hetzten Black Panthers gegeneinander auf, provozierten Schiessereien mit der Polizei und sorgten mit falschen Zeugenaussagen dafür, dass zahllose Mitglieder ins Gefängnis wanderten.

Von den weit über fünfzig Mitgliedern der BPP, die seit Ende der sechziger Jahre im Justizvollzug landeten, sind heute noch immer fast zwanzig inhaftiert. Zusammen mit anderen radikalen PolitaktivistInnen jener Zeit – unter ihnen Leonard Peltier vom American Indian Movement – kämpfen sie bis heute dafür, als politische Gefangene anerkannt zu werden, also als Gefangene, die nicht wegen eines kriminellen Vergehens, sondern aufgrund ihres politischen Engagements ein unverhältnismässig hohes Strafmass bekommen haben, die aus politischen Gründen im Gefängnis misshandelt und denen ein angemessener rechtlicher Beistand verweigert worden ist.

Der international wohl bekannteste politische Gefangene der BPP, Mumia Abu-Jamal, kämpft aktuell nicht nur um ein neues Verfahren, sondern ringt buchstäblich mit dem Tod, nachdem man seine Hepatitiserkrankung im Gefängnis erst jahrelang ignoriert und seither nur ungenügend behandelt hat. Soeben ist seine Anhörung vor Gericht erneut verschoben worden, auf Ende März.

Franziska Meister

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch