Nr. 06/2018 vom 08.02.2018

Von Natur aus ist kein Mensch frei

Das radikale Freiheitsversprechen der Libertären ist leicht in seiner Widersprüchlichkeit zu entlarven. Das entbindet KritikerInnen aber nicht von der Frage, was sie denn unter Freiheit verstehen. Ein Blick ins Werk von Hannah Arendt liefert Hinweise.

Von Daniel Hackbarth

Illustration: Marcel Bamert

Ein gewisser Charme, der sich aus dem Exzentrischen speist, ist dem Libertarismus und seinen VertreterInnen nicht abzusprechen. Der anarchokapitalistische Vordenker Hans-Hermann Hoppe beispielsweise promovierte und habilitierte einst beim nicht gerade als subversiv verschrienen Philosophen Jürgen Habermas, ehe er zum glühenden Staatsfeind wurde. Hoppe geht so weit, dass er selbst die Polizei für überflüssig erklärt, da ja auch private, im freien Wettbewerb konkurrierende «Versicherungsagenturen» deren Job übernehmen könnten. Das ist einerseits ein origineller Einfall; andererseits entspricht es ziemlich exakt dem Geschäftsmodell der Schutzgelderpressung, dem sich die Mafia verschrieben hat. Es ist also eine schöne Pointe, dass Hoppe jahrzehntelang an der Universität von Las Vegas lehrte, der Hochschule einer Stadt, die immer schon eine intime Beziehung zum organisierten Verbrechen unterhielt.

Dergleichen Skurrilitäten haben momentan – der No-Billag-Initiative sei Dank – ein unverhofft grosses Forum in der Schweiz; in den vergangenen Wochen ist daher auch wortreich auf die Widersprüche anarchokapitalistischer Utopien hingewiesen worden, die vorgeblich die BürgerInnen vor staatlicher Gängelung retten sollen, faktisch aber einer allseitigen Unterwerfung der Gesellschaft unter den Markt das Wort reden. Nur: Das radikale Freiheitsversprechen, mit dem die Libertären hausieren gehen, ist zwar leicht in seiner Widersprüchlichkeit zu entlarven; dies aber entbindet die KritikerInnen ihrerseits nicht von der Frage, was eigentlich sie denn unter Freiheit verstehen wollen. Gerade die Linke sollte sich hier nicht einfach wegducken, allein schon weil Staatskritik ursprünglich einmal wesentlicher Teil ihres Selbstverständnisses war.

Fingerzeige eines Youtube-Stars

Betrachtet man allerdings die grossen ökonomischen Debatten der Gegenwart – transnationale Handelsabkommen, Fragen der Steuergerechtigkeit –, scheint es beinahe so, als wäre der Staat für die Linke ein Heiligtum; ein Eindruck, der wohl daraus resultiert, dass sie seit Jahrzehnten fast nur noch in Abwehrkämpfe gegen Vorstösse von Marktradikalen verstrickt ist. Dadurch aber fällt es diesen wiederum leicht, Belege für die Behauptung zu finden, dass sie die eigentliche Partei der Freiheit seien, während die Linke unablässig staatliche Eingriffe in das wirtschaftliche und gesellschaftliche Geschehen propagiere. Und überhaupt: Belegt nicht die gesamte Geschichte des Sozialismus, dass das Ideal einer egalitären Gesellschaft mit dem Recht auf individuelle Selbstbestimmung nicht zu vereinbaren ist?

Fingerzeige, die Wege aus diesem Dilemma weisen, könnte eine Denkerin geben, die zwar schon lange tot, inzwischen aber kurioserweise zu einem Youtube-Star avanciert ist. Ein Fernsehinterview mit der Philosophin Hannah Arendt aus dem Jahr 1964 ist in den vergangenen Monaten hunderttausendfach angeklickt worden; warum, lässt sich nicht so genau sagen, vielleicht aber einfach deswegen, weil es Spass macht, Leuten dabei zuzuschauen, wie sie vor laufender Kamera laut denken und dabei unablässig rauchen.

Jedenfalls lässt sich von Arendt, die übrigens keineswegs eine Linke war, viel in Sachen Freiheit lernen. Eine ihrer Kernthesen, die sich in ihren Schriften immer wieder findet, besagt, dass der Begriff der Freiheit – wie auch derjenige der Gleichheit – in der Neuzeit eine problematische Neuinterpretation erfahren hat. Freiheit und Gleichheit werden in der Moderne nämlich als natürliche Eigenschaften des Menschen begriffen, was sich leicht mit Aussagen wegweisender Philosophen wie Jean-Jacques Rousseau oder auch der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahr 1948 belegen lässt; Letztere hält gleich im ersten Artikel fest: «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.»

Genau dies aber bestreitet Hannah Arendt vehement, und zwar deswegen, weil es ihrer Ansicht nach viel eher den Tatsachen entspräche, würde man zunächst die fundamentale Ungleichheit der Menschen herausstreichen: Keiner gleicht nämlich seinem Gegenüber so wie ein Ei dem anderen, die menschliche Welt ist vielmehr von einer untilgbaren Vielfalt durchzogen. Und genau diese Pluralität ist Arendt zufolge erst die Voraussetzung dafür, dass es so etwas wie politisches Handeln überhaupt geben kann: In einer Welt uniformer Einzelner wäre dieses schlichtweg überflüssig.

Die Lehren der alten Griechen

Zur Untermauerung dieses Gedankens bezieht sich Arendt auf die antike Polis: Die alten Griechen waren nämlich weit davon entfernt, die Menschen als frei und gleich Geborene zu betrachten. Das ist natürlich ein Allgemeinplatz, basierte die Poliskultur doch auf der Ausbeutung von SklavInnen und schloss überdies Frauen von politischer Betätigung aus. Worauf es Arendt aber ankommt, ist, dass erst die Polis und ihr Gesetz – und eben nicht die «Natur» – die Gleichheit der männlichen Vollbürger garantierte und diesen durch ihre Institutionen die Möglichkeit bot, als Freie politisch handeln zu können. «Freiheit und Gleichheit waren keine Attribute einer wie immer gearteten menschlichen Natur, sondern Qualitäten einer von Menschen errichteten Welt», schreibt Arendt.

Dabei handelt es sich um mehr als bloss begriffsgeschichtliche Überlegungen; im Vergleich mit dem antiken Republikanismus wird vielmehr besonders deutlich, dass der moderne Liberalismus und genauso dessen Extremform, der Libertarismus, im Kern um eine apolitische Freiheitsauffassung kreisen. Während Arendt nämlich herausstreicht, dass Freiheit und Gleichheit etwas sind, das sich erst im gemeinsamen politischen Handeln der Vielen zeigt, unterstellen die Liberalen, dass Freiheit und Politik eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben. Aus liberaler Sicht erscheint die Politik sogar als eine stets drohende Gefahr für den angeblich von Natur aus freien Einzelnen, weil gerade in der Politik die Grenzen individueller Autonomie ausgehandelt werden.

In dieser Logik aber wäre tatsächlich derjenige der Freiste, der mit anderen erst gar nicht in Berührung kommt – weswegen es auch nur konsequent ist, dass sich liberale DenkerInnen immer wieder auf einen vorgesellschaftlichen «Naturzustand» berufen haben, in dem der Mensch gänzlich «frei» von sozialen Fesseln gewesen sein soll. Schon Karl Marx spottete in Anspielung auf Daniel Defoes berühmten Abenteuerroman über derlei bürgerliche «Robinsonaden», also theoretische Konstruktionen, die das Individuum erst aus allen gesellschaftlichen Bezügen isolieren und es dann zu ihrem Fixpunkt erklären.

Lob der Rätedemokratie

Interessant ist Arendt aber nicht nur, weil sich mit ihr nachweisen lässt, wie Liberale und Libertäre die ursprünglich politischen Begriffe der Freiheit und Gleichheit zu unpolitischen Kategorien verstümmeln. Darüber hinaus ist sie weit davon entfernt, den Staat zum Fetisch zu machen. Mit ihr lassen sich vielmehr präzise die Formen von Entmündigung der BürgerInnen kritisieren, die man sowohl in der repräsentativen Demokratie wie auch in der sozialistischen Parteidiktatur beobachten kann respektive konnte. Beiden Systemen ist gemein, dass sie die Räume, die das gemeinsame politische Handeln der Vielen – und damit deren Freiheit – erst ermöglichen, mehr oder weniger stark beschränken: Sobald nämlich Berufspolitikerinnen oder Funktionäre die Politik in Beschlag nehmen, ist die Menge zu einer bloss privaten Existenz verdammt.

Genau deswegen begeisterte sich Arendt für rätedemokratische Ansätze, die bei praktisch jeder Revolution der Neuzeit entstanden sind, genauso zuverlässig aber wieder unterdrückt wurden, sobald sich eine neue Macht etabliert hatte – man denke nur an die Liquidierung der Sowjets durch die Bolschewiki. In Zeiten des Umbruchs aber boten die Räte den Vielen die Möglichkeit, ihr politisches Geschick selbst in die Hand zu nehmen. Sie waren temporäre Schauplätze der Freiheit, auf denen die gemeinsam handelnde Menge die Sackgassen eines verkürzten Autonomiebegriffs wie auch eines autoritären Etatismus hinter sich liess.

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