Nr. 06/2018 vom 08.02.2018

Walk-off-Girls

Etrit Hasler über das Abschaffen weiblicher Staffagen bei Darts und Formel 1

Von Etrit Hasler

Vielleicht erleben wir dieser Tage ja tatsächlich so etwas wie soziale Veränderung. So erklärte der Dartsprofiverband PDC Ende Januar, er werde auf Druck der Fernsehstationen ITV und Sky ab sofort auf die sogenannten Walk-on-Girls verzichten – junge Frauen in meist knappen Outfits (zum Beispiel Fliegerjacken, die auf Brusthöhe beinahe platzen, oder kecke Moulin-Rouge-Röckchen mit Strapsen), die die durchwegs männlichen Spieler auf die Bühne begleiten: auf einem Laufsteg inmitten von bis zu 3000 grölenden Fans – kein beneidenswerter Job.

Der (Anti-)#Aufschrei war natürlich gross: Schnell wurden die Girls zum «integralen Bestandteil des Sports« stilisiert, und Kommentare wie «Wahrscheinlich würden Sky und all die Linken es bevorzugen, wenn (die Frauen) eine Burka trügen» machten die Runde. Ein Fan startete eine Petition gegen die Abschaffung mit dem Argument, die Girls seien eine «Tradition», und es würden schon «viel zu viele Traditionen über Bord geworfen» – innert einer Woche sammelte er dafür 45 000 Unterschriften.

Das Timing der Bekanntmachung befeuerte die Diskussion: So kam die Nachricht nur wenige Tage, nachdem die «Financial Times» in einer Reportage die systematische sexuelle Belästigung von Hostessen am Charity Dinner des Presidents Club – einer eher nebulösen Versammlung konservativer reicher Männer – bekannt gemacht und damit einen englandweiten Skandal ausgelöst hatte. Kein Wunder also, interpretierten die Fans der Walk-on-Girls das Abschaffen als «überstürzte Massnahme von Political-Correctness-Weicheiern», wie es ein Blogger schrieb.

So schön das ins Bild zu passen scheint, so falsch ist die Wahrnehmung. Denn auch wenn gerade der Profidartssport eine rein männliche und damit mackerige Domäne ist, so gab es in der Vergangenheit auch immer wieder prominente Stimmen, die die Abschaffung forderten. So sagte Michael van Gerwen, die Nummer eins der Weltrangliste, kurz vor der WM im Dezember, Darts sei an einem Punkt angekommen, an dem die Inszenierung hinter den Sport zurücktreten könne. Und: «Darts ist bereit für den nächsten Schritt.»

Überhaupt scheint das Argument der Tradition etwas weit hergeholt: So wurden die Walk-on-Girls erst in den neunziger Jahren eingeführt, nach der Aufspaltung der Dartsverbände. Der Profiverband PDC richtete seine Events «glamouröser» aus – dazu gehörten Einlaufmusik für die Spieler, Cheerleader und eben Walk-on-Girls. Die viel ältere Tradition im Darts wurde bereits 1989 abgeschafft: Damals wurde den Spielern (auf Druck der BBC) verboten, während der Partien Alkohol zu trinken oder zu rauchen. Der Aufschrei war riesig. Heute ist es unbestrittene Normalität, dass bei den Profiturnieren nur noch Wasser getrunken wird.

Schon kurz nach dem PDC erklärte auch der Formel-1-Verband FIA, in Zukunft auf die sogenannten Grid-Girls zu verzichten – mit ähnlichen Reaktionen: Ex-Formel-1-Boss Bernie Ecclestone beschwor die Girls als «Tradition» und «integralen Bestandteil» der Rennkultur. So weit, so gähn. Im Unterschied zu Darts sollen die Girls in der Formel 1 jedoch durch Grid-Kids ersetzt werden – analog zum Fussball, wo es völlig normal geworden ist, dass Fussballer von Kindern auf den Platz geleitet werden.

Die Idee ist zumindest konsequent: Die Präsenz von Kindern lässt jede Sportart automatisch familienfreundlicher aussehen. Das mag man verwerflich finden. Doch im Unterschied zu den Grid-Girls sollen die Grid-Kids aus potenziellen NachwuchsfahrerInnen rekrutiert werden – und das ist der echte Unterschied zu den weiblichen Staffagen: Ihnen steht tatsächlich eine Karriere offen im Sport, den sie repräsentieren. Bei Darts und der Formel 1 zusammen gab es inzwischen sechs Frauen, die sich je auf Profiebene messen durften. Aber vielleicht ändern sich nun endlich die Zeiten.

Etrit Hasler ist Journalist, Slampoet und einer der schlechtesten Darter der Schweiz. Er wäre jederzeit bereit, als Walk-on-Boy Dartsspielerinnen ans Brett zu begleiten, aber das ist eben etwas anderes.

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