Nr. 06/2018 vom 08.02.2018

Eine Ästhetik des Widerstands

WOZ-Fotografin Gertrud Vogler näherte sich den Menschen behutsam, bevor sie auf den Auslöser drückte. So entstanden Dokumente eines anderen Lebens, die haften bleiben. WeggefährtInnen erinnern sich.

Von Fredi Bosshard

Immer alles im Blick – aber kaum einmal selbst auf einem Bild zu sehen: Gertrud Vogler 1993 an einer Demonstration in Zürich nach der Räumung der Wohlgroth-Fabrik. Foto: ZVG

Fotografien von Gertrud Vogler hatten sich schon früh in mein Gedächtnis eingegraben, lange bevor ich sie 1986 als Fotoredaktorin der WOZ kennenlernte. Es sind Fotografien, die den Widerstand in Zürich und anderswo auf unterschiedlichste Weise dokumentieren und so vor dem Vergessen bewahren. Es sind zum Teil ikonografische Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben haben. Durch ihre Nähe und Intimität rütteln sie auf und verstören gleichzeitig. Es ist eine Nähe, die nur durch das Engagement und die Empathie der Fotografin möglich wurden, die weit über das Fotografische hinausgehen und dabei immer den Menschen im Fokus haben.

Engagierte Reporterin

Gertrud Brüll, wie sie vor ihrer Heirat hiess, wurde 1936 im Wallis geboren und lebte einige Jahre in Montana. Die Familie zog weiter nach Davos und wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Zürich ansässig. Schon bald nach ihrer Heirat mit Heini Vogler wurden ihre beiden Söhne Thomas und Matthias geboren. Früh starb der Vater an einem Herzinfarkt, und die ganze familiäre Verantwortung lastete auf Gertrud. Während einiger Jahre arbeitete sie in diversen Jobs, betreute ihre beiden Jungs, so gut es eben möglich war. Sie befasste sich parallel dazu und autodidaktisch mit der Fotografie, lernte die Arbeit in der Dunkelkammer und fasste langsam Fuss im Fotojournalismus. Kurz nach der Gründung der WOZ im Herbst 1981 stiess sie als Fotografin zum Team.

Gertrud lebte sich schnell ein und wurde bald zur Chronistin der Achtzigerbewegung. Sie begleitete fotografisch Hausbesetzungen, hielt Wohnungsnot und Stadtentwicklung fest und bezog bildmächtig Stellung. Sie äusserte sich zur Situation der Fahrenden. Als engagierte Reporterin begleitete sie die Frauenbewegung und unzählige Demonstrationen. Zu den Themen Asyl und Migration schuf sie Bilder von seltener Eindringlichkeit.

Die Journalistin Sibylle Elam, die oft mit Gertrud auf Reportage war, schreibt: «Sie liess sich immer und meist unbedingt auf die Menschen ein, um die es ging. Sie betrachtete die Geschichte aus der Perspektive der Betroffenen, und ihr Blick kam aus der Nähe, wahrte keine journalistische Distanz. Das galt bei Fahrenden genauso wie bei den Leuten auf der Gasse, den Drogensüchtigen, den Aidskranken oder bei Flüchtlingen. Gertrud arbeitete nicht für kurzlebige ‹Storys›, sie tauchte in Milieus ein, wahrte und pflegte Kontakte weit über ihre fotografische Arbeit hinaus. Bedingung für dieses Engagement war ihre zeitliche Verfügbarkeit. Das bedeutete auch, dass sie erst als Mutter und später auch als Grossmutter ihre Autonomie mit Nachdruck verteidigte.»

Der Berner Journalist Fredi Lerch, der lange als WOZ-Redaktor arbeitete, ergänzt: «Als sozialkritische Fotografin hat Gertrud ihr anwaltschaftliches Engagement zum Beruf gemacht. Sie hat gelebt, was ihre Bilder zeigen: Empathie ohne Schwurbel, auf gleicher Augenhöhe, und eine Solidarität, der der unabhängig kritische Blick unverhandelbar war.»

Sie schuf einfühlsame Reportagen und Fotos über den Drogenkonsum auf dem Platzspitz und am Letten, aber auch solche, die schwer zu ertragen waren. Sie wurden möglich, weil sich Gertrud auf die Menschen einliess, weil das Gespräch und die Fürsorge vor dem journalistischen Bild kamen. Einzelne Bilder gingen Anfang der neunziger Jahre um die Welt, kündeten vom «Needle Park» in Zürich. Fotos, die Stellung beziehen, nehmen so auch Einfluss auf den politischen Diskurs und stossen Veränderungen an.

Vom Letten in den Libanon

Lilo König verband eine jahrzehntelange Freundschaft mit Gertrud und das gemeinsame Engagement gegen Repression, Polizeigewalt und Diskriminierung. «Uns beiden war die herrschende unmenschliche Vertreibungspolitik ein Dorn im Auge, ebenso die ständigen, brutalen und menschenrechtswidrigen Polizeikontrollen und Übergriffe gegen Junkies und ausländisch aussehende Menschen in den Quartieren 4 und 5. Als im Februar 1992 der Platzspitz – wo Gertrud fast täglich anzutreffen war – geschlossen und auch der Letten von den Junkies und Dealern ‹gesäubert› war, wurde 1995 die Menschenrechtsgruppe Augenauf gegründet. Gertrud war eine der MitbegründerInnen und lange Jahre in der Gruppe aktiv.»

König erzählt weiter: «Wir besuchten Gefangene im berüchtigten Polizeigefängnis auf der Kasernenwiese, in dem sogar Minderjährige eingesperrt wurden. Und vor allem gingen wir immer wieder ins Ausschaffungsgefängnis Zürich Kloten, um dort mit den Eingesperrten zu sprechen. Über alle Besuche und Gespräche mit den Insassen führte sie minutiös Protokoll, schmuggelte arabische Zeitungen und Zigaretten hinein, klärte die Menschen über ihre Rechte auf und vermittelte Anwälte. Gerade unter den libanesischen Ausschaffungsgefangenen genoss sie grossen Respekt, sie besass ihr absolutes Vertrauen. Ihre Zivilcourage, Beharrlichkeit und ihr Verantwortungsgefühl waren für viele von uns ein Vorbild.»

Mit dem damaligen WOZ-Auslandredaktor Armin Köhli reiste Gertrud 1996 zum ersten Mal für eine Reportage in den Libanon. «Wir besuchten Kamil, Umm Jamal, Habib und einige andere – ehemalige Kleindealer vom Letten, die in den Libanon ausgeschafft worden waren, und ihre Angehörigen. Gertrud kannte die jungen Männer von ihrer Zeit am Letten, mit einigen war sie befreundet. Ja, befreundet: obwohl – oder gerade weil – die libanesischen Dealer in diesen Jahren medial zu Monstern gemacht, ihnen jede Menschlichkeit – und damit auch ihre Rechte – abgesprochen wurden. Für das WOZ-Dossier ‹Libanon–Letten–Libanon› wollten wir wissen, was nach der Rückkehr aus ihnen geworden war, wie sie von der Gesellschaft aufgenommen wurden. Kamil, Umm Jamal, Habib und die anderen vertrauten Gertrud, und sie sprachen offen über ihre Geschichten, über Dealen, Migration, Legalität und Illegalität. Sie wussten, dass ihre Offenheit nicht missbraucht wurde. Sie brachte uns zu Orten und Realitäten, die uns sonst verschlossen geblieben wären, für Medien sowieso.»

Im August 2003 verabschiedete sich Gertrud Vogler von der WOZ und aus dem Berufsleben und ging in Pension. Sie hat das Erscheinungsbild der Zeitung seit der zweiten Nummer vom Oktober 1981 durch ihren engagierten Blick als Fotografin und Bildredaktorin stark mitgeprägt. Nach ihrer Pensionierung besuchte ich Gertrud einige Male in ihrer Wohnung im 7. Stock des Locherguts, eines Zürcher Hochhauses, das sie einst als «Wohnmaschine» bezeichnet hatte. Mit ihrem Einzug 2006 änderte sich ihre Meinung; sie mochte die Wohnung sehr, genoss die Privatsphäre im grossen Haus und schätzte gleichzeitig die Begegnungen auf den Laubengängen, in der Waschküche, vor den Briefkästen oder im Lift.

Ein letzter Gruss

Bei meinem letzten Besuch, kurz vor ihrem 80. Geburtstag im Dezember 2016, berichtete sie, ohne gross zu klagen, von gesundheitlichen Beschwerden, der eingeschränkten Mobilität und dem gravierenden Nachlassen der Sehkraft. Die WOZ publizierte einen Geburtstagsgruss mit drei von Gertrud ausgewählten Fotos, die eine wenig wahrgenommene Seite ihrer Arbeit zeigen. Sie entstanden bei Besuchen im neuen Stadtteil La Défense im Paris der achtziger Jahre. Es sind nüchterne Aufnahmen, kalt und abweisend wie die Architektur. Menschen sind hier selten zu sehen – in extremem Kontrast zu Gertruds übrigem Werk.

Gegen 250 000 analoge Negative in Schwarzweiss aus ihrem Archiv künden von Gertruds Schaffen. Die meisten sind in der Schweiz – mit Schwerpunkt Zürich –, aber auch auf ihren Reisen in den Libanon oder nach El Salvador entstanden. Sie werden zurzeit im Zürcher Sozialarchiv erschlossen und digitalisiert. Eine Auswahl von rund 10 000 Aufnahmen ist inzwischen online zugänglich.

In einem letzten persönlichen Gruss an die WOZ-MacherInnen verwendete sie kurz vor ihrem Tod leicht ironisch ein Zitat des Liedermachers Reinhard Mey: «Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein …», und schloss mit den Zeilen: «Freut euch mit mir!! Salute. Ich habe mein Leben gelebt, es war gut, ich bin zufrieden.»

Am 30. Januar nahm Gertrud zu Hause im Kreis der Familie Abschied von dieser Welt; wie nicht anders zu erwarten, bestimmte sie den Zeitpunkt selbst.

Die Fotografien von Gertrud Vogler sind auf der Website des Sozialarchivs zugänglich: www.bild-video-ton.ch/bestand/signatur/F_5107.

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