Nr. 06/2018 vom 08.02.2018

Eine Instantbühne der Dissidenz

Seit Wochen demonstrieren die Iranerinnen gegen die Verschleierungspflicht. Ein Zeichen dafür, dass die Klassengrenzen bröckeln?

Von Charlotte Wiedemann

Jahrelang haben die meisten Medien die Falschen abgebildet, wenn sie weiblichen Freiheitswillen im Iran illustrieren wollten: jene Schönen der Oberklasse mit perfekt gestylten (oder operierten) Gesichtszügen und eleganten schlanken Händen, die keine körperliche Mühsal kennen. Seit sechs Wochen klettern andere Frauengestalten auf innerstädtische Verteilerkästen und halten das Kopftuch in einer Gebärde wortlosen Protests an einem Stöckchen in die kalte Winterluft. Es sind gewöhnliche Iranerinnen, ihre Kleidung wirkt eher billig, und in manches Gesicht haben sich früh die Beschwernisse des Alltags eingegraben.

Natürlich gibt es Gründe, dass die Falschen zu Ikonen wurden, schienen sie doch ästhetisch die Imagination der edlen «Perserin» zu erfüllen, die seit den Zeiten von Farah Diba durch das europäische Iranbild spukt und nach der Revolution stets den Kontrapunkt zur verschleierten Düsternis der Islamischen Republik markierte. Nun stehen sogar Frauen im Tschador auf einem Verteilerkasten und plädieren für Toleranz gegenüber einem Lebensstil, der nicht der ihre ist. Sie treten dafür ein, dass die Frau in der Schleierfrage selbst entscheiden kann – denn dies würde auch der Bejahung des Schleiers neue Würde geben.

Gewiss wird in manchen Redaktionen angesichts der jüngsten Fotos bereits «ein neuer Feminismus» ausgerufen. Denn so funktioniert die Berichterstattung: Wenn die BeobachterInnen etwas mitbekommen, das ihnen selbst neu ist, erklären sie dies zum neuen Trend im Iran. Das gilt selbstverständlich nur für Regungen, die irgendwie gegen die herrschende Ordnung gerichtet sind. Geschieht hingegen Ungewohntes aufseiten der Regimefraktionen, wird dies in die alten Muster einsortiert – als Bestätigung dessen, was man immer schon gesagt hat. Zweifel, Zwischentöne, offene Fragen sind wenig erwünscht. Doch gerade die jüngsten Aktionen von Frauen laden dazu ein, die gegenwärtigen Turbulenzen ergebnisoffen zu betrachten.

Die Meistbetrogenen der Revolution

Zunächst: Die Frauenaktionen sind keine Folge der jüngsten Sozialproteste; sie begannen bereits davor. Seit längerem gibt es im Iran – vor allem bei Arbeitern – ein Kontinuum von Protesten verschiedenster Art, aus denen manches plötzlich herausragt, weil es zur Kenntnis einer nationalen und internationalen Öffentlichkeit gelangt – und sich dann, ermutigt durch die Resonanz, erneut vervielfacht. So erging es den Sozialprotesten der ersten zwei Januarwochen. Doch bereits einen Tag zuvor bestieg die erste Frau, eine 31-jährige Mutter, in der Teheraner Revolutionsstrasse eben jenen Verteilerkasten und schuf damit eine Art Instantbühne friedfertiger Dissidenz.

Auf solcherart zivilen Ungehorsam haben Frauenrechtlerinnen im Iran lange gewartet – obwohl die Iranerinnen das Land in den letzten drei Jahrzehnten durchaus nachhaltig verändert haben, auf jene beharrliche Weise, für die der Sozialwissenschaftler Asef Bayat den Begriff der «sozialen Nicht-Bewegung» erfand. Die Frauen waren die Meistbetrogenen der Revolution, aber sie nutzten die ihnen aufgezwungenen Umstände zum eigenen Vorteil. Durch das Gebot der Verschleierung entfielen die Vorbehalte konservativer Eltern gegen die Mädchenbildung; Millionen junge Iranerinnen machten sich im Tschador oder mit Kopftuch auf in eine Welt, die ihnen vorher verschlossen war. Als organisierte Kraft ist die Frauenbewegung jedoch über die Grenzen des Bürgertums nie hinausgekommen. Kampagnen gegen rechtliche Diskriminierung verebbten, weil ärmere Frauen dafür nicht zu mobilisieren waren: Sie sorgten sich mehr um das Familieneinkommen. Könnte der zivile Ungehorsam auf der Strasse ein Zeichen sein, dass Klassengrenzen bröckeln?

Eine Brücke über den Graben

Diese Grenzen spielen keineswegs nur für Frauenbelange eine Rolle. Es fehlt an klassenübergreifender Solidarität – das ist der eigentliche Grund, warum es im Iran keinerlei Führung oder Repräsentanz oppositioneller Strömungen gibt. Lebensweltliche Gräben klaffen bereits zwischen oberer und unterer Mittelschicht. Erstere trug die Grüne Bewegung von 2009; Letztere, ständig weiteren Abstieg fürchtend, machte sich an der Seite von noch Ärmeren bei den jüngsten Unruhen Luft. Auch hier waren es Frauen, die eine Brücke über den Graben zu schlagen versuchten: 200 Aktivistinnen verteidigten in einer namentlich gezeichneten Erklärung die Berechtigung der Proteste.

Der Kopftuchzwang hat in der Bevölkerung keine Mehrheit; das stellten sogar Befragungen durch Regierungsstellen fest. Dass solche Erhebungen überhaupt stattfanden, zeigt: Über eine Aufhebung oder Modifizierung des Gesetzes nachzudenken, ist kein Tabu mehr. Auch werden Verstösse nicht mehr so geahndet wie früher. Auf den Strassen der Städte gehen jetzt manche Frauen ohne Tuch, ganz unspektakulär. Gerade das zeigt, wie ernst es ist.

Die Frage, vor der die Fraktionen des Machtapparats stehen, lautet: Kann die Islamische Republik mit einer neuen sichtbaren Kultur von Protest und Dissidenz leben, so wie sie sich bereits damit arrangiert hat, dass die IranerInnen im Privatleben alles erdenkliche Verbotene tun? – Die Antwort ist offen.

Charlotte Wiedemann lebt als freie Autorin in Berlin. Ihr jüngstes Buch, «Der neue Iran. Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten», ist im dtv-Verlag erschienen.

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