Nr. 07/2018 vom 15.02.2018

Die Kämpfe einer Zeit

Von Rahel Locher

«Sie ritten nach Zell, Trab, dann Galopp, weit nach vorne gebeugt, der Geruch des Pferdes, der Schweiss auf seinem Hals, ein schöner Flug, ein Rennen, vorbei an Obstbäumen, Wäldchen.» Eine gewichtige Aufgabe führt die deutsche Revolutionärin Emma Herwegh im Frühling 1848 von Strassburg ins Südbadische: Sie soll als Botschafterin der Deutschen Demokratischen Legion dem badischen Revolutionär Friedrich Hecker die Unterstützung ihrer Einheit anbieten. Diese bestand mehrheitlich aus deutschen EmigrantInnen in Paris und wurde von Emmas Mann, dem sozialistischen Dichter Georg Herwegh, angeführt.

Es ist nicht selbstverständlich, dass Emma, deren Lebensgeschichte im Zentrum von Dirk Kurbjuweits Roman «Die Freiheit der Emma Herwegh» steht, den Kontakt zu Hecker herstellen darf. Als sie sich ins Gespräch bringt, schlägt ihr in der Runde versammelter Offiziere bloss Schweigen entgegen. Doch dann leuchtet der Vorschlag dieser unkonventionellen Frau, die in der Legion von Beginn an ein Fremdkörper ist, ein: Bei den königstreuen preussischen Truppen, die in ganz Deutschland die Märzrevolution von 1848 bekämpfen, würde sie weniger Aufmerksamkeit erregen. Wie so viele revolutionäre Frauen kämpft Emma Herwegh an zwei Fronten: gegen die Obrigkeit, die Regierung, den Staat, aber auch gegen das Vorurteil, dass Frauen für zentrale politische und militärische Ereignisse ungeeignet seien – ein Geschlechterklischee, das sich auch unter linken Revolutionären hartnäckig hält.

Kurbjuweit schildert verschiedene politische und persönliche Facetten dieser faszinierenden Persönlichkeit vor dem Hintergrund der Kämpfe ihrer Zeit. Neben Emmas Teilhabe an den Aufständen kreist das Buch um die Beziehung der Herweghs, die sie als «Ehe von Freien» bezeichnen. Sie suchen nach einer neuen Form des Zusammenlebens, die mehr als zwei Menschen umfasst. Emma hält zwar am Ideal der freien Liebe fest, leidet aber auch, als Georg eine Liebschaft mit einer anderen Frau beginnt. Zum Mitfiebern ist beides: die Liebesgeschichte genauso wie der badische Feldzug.

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