Nr. 08/2018 vom 22.02.2018

Globales Machtgefälle im Kleinen

Die jetzt öffentlich diskutierten Missbrauchsskandale in der Hilfsbranche entspringen einem systemischen Problem. Die aktuelle Empörung entblösst auch die Selbstgerechtigkeit der Privilegierten.

Von Raphael Albisser

In ihrer Gesamtheit bilden die globalen Entwicklungs- und Nothilfeorganisationen eine milliardenschwere Branche. Dabei gehorchen sie keiner üblichen Marktlogik. Denn die privaten, öffentlichen und institutionellen GeldgeberInnen erwerben kein eigentliches Produkt, sondern bezahlen eine Leistung, die Menschen anderswo erreichen soll. Und der Beleg, den sie dafür erhalten, besteht lediglich aus Zahlen und Statistiken, die den Erfolg der finanzierten Projekte belegen sollen. Oder aus Fotos von Menschen, denen ihre Spende zugutekommt – und zuweilen auch von jenen, die losgesandt werden, um das Geld am Zielort gewissenhaft einzusetzen.

In dieser Logik gehören die HelferInnen «im Feld», wie es im Branchenjargon heisst, letztlich zum Leistungsversprechen, das die Hilfsorganisationen ihren GeldgeberInnen verkaufen. Umso grösser ist die Empörung, wenn dann augenfällig wird, wie einige von ihnen skrupellos ihren Status «im Feld» missbrauchen. Jenen Status, der ihnen in einer asymmetrischen Konstellation zwischen Helfenden und Hilfsbedürftigen, Privilegierten und Unterprivilegierten, Ermächtigten und Machtlosen automatisch zukommt. Denn viele jener Orte, an denen sich Entwicklungs- und NothelferInnen betätigen, sind Brennpunkte einer gigantischen globalen Ungleichheit. Entsprechend gross ist das Machtgefälle, das zuweilen entsteht – genau wie das Potenzial, dieses zu missbrauchen.

Absurde Schattenseiten

Nun wäre es zynisch, sämtlichen Entwicklungs- und NothilfeakteurInnen eine ignorante oder gar missbräuchliche Grundhaltung zu unterstellen. Doch handelt es sich bei den aktuell in den Medien kursierenden Fällen von Oxfam, Médecins Sans Frontières und International Rescue Committee nicht um Einzelfälle. Das Machtgefälle macht sich auf einer breiten Palette bemerkbar.

Dies veranschaulicht eine Artikelserie mit dem Titel «Secret Aid Worker» des britischen «Guardian», in der in den vergangenen Jahren eine Reihe anonymer EntwicklungshelferInnen zu Wort kamen. Viele dieser AutorInnen nutzten die Gelegenheit, um die absurden Schattenseiten einer Parallelwelt zu beschreiben, die mit den global vernetzten Entwicklungsorganisationen vielerorts entstanden ist. Ernüchtert berichteten sie etwa vom Zwang, scheiternde Projekte ihren GeldgeberInnen mittels Baukastenfloskeln als Erfolge zu verkaufen. Oder von den wirtschaftlichen Eigeninteressen, die viele Geberländer mit ihren Entwicklungsprogrammen wie auch bei Hilfseinsätzen in Katastrophengebieten verfolgen. Sie beschrieben auch, wie sich HelferInnen aus dem unteren Mittelstand reicher Länder in den urbanen Zentren der ärmeren Welt plötzlich als kleine AristokratInnen aufführen. Im Selbstbild der «weissen RetterInnen» werde Rassismus breitspurig reproduziert: «Beziehungen zu Einheimischen pflegt praktisch niemand – ausser natürlich, man schläft mit ihnen», heisst es in einem Artikel. Und in einem anderen: «Ich habe gelernt, dass Ungleichheit Individuen verdirbt. Und wenn sie mit der Hautfarbe der Menschen zusammenfällt, verdirbt sie noch gründlicher.»

Glaubt man den SchreiberInnen im «Guardian», sind auch die Entwicklungsorganisationen von strukturellem Rassismus und Sexismus durchzogen. Das zeige sich etwa, wenn lokale Angestellte gegenüber ausländischen KollegInnen für gleichwertige Arbeit schlechter bezahlt würden. Und «Expats» würden nicht nur beim betriebsinternen Karriereaufstieg bevorzugt, sondern auch bei der medizinischen Versorgung. Ein riesiges Problem stellen insbesondere auch sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz dar. Oxfam etwa hatte zuletzt in einem Jahr 87 entsprechende Fälle behandelt und 22 Angestellte wegen sexueller Übergriffe entlassen.

Neue Ansätze sind nötig

Auch Daniel Hitzig, Medienverantwortlicher des entwicklungspolitischen Schweizer Thinktanks Alliance Sud, sind die Problematiken vertraut. «Entsprechend wichtig ist die Selbstkritik: Gehen wir in die richtige Richtung mit dem, was wir tun?», sagt er. Zu den Trägerorganisationen von Alliance Sud gehören einige der grössten schweizerischen Entwicklungsorganisationen. Diese seien sich der Herausforderung sehr wohl bewusst, betont Hitzig. Doch auch das gewissenhafteste Rekrutierungsverfahren könne keine absolute Sicherheit garantieren. «Fakt ist: Das globale Gefälle ist und bleibt riesig», sagt er. «Das ist immer auch ein Charaktertest.»

Um bestehende Machtgefälle effektiv zu bekämpfen, setzt sich Hitzig deshalb für eine globale Perspektive in der Entwicklungspolitik ein: dass Entwicklung also nicht nur in unter-, sondern eben auch in überprivilegierten Regionen stattfinden müsse. «Damit spreche ich Themen wie globale Finanzströme, Steuerflucht und Klimagerechtigkeit an», erklärt er. «Und es beginnt damit, dass wir unser Konsumverhalten hinterfragen müssen, das auf der Ausbeutung von Mensch und Umwelt beruht.» Aber auch er räumt ein: So überholt der patriarchale Entwicklungsgestus heute auch sei – noch lange nicht alle in der Branche hätten das begriffen.

Auch deshalb hat die aktuelle Debatte entblössenden Charakter. Solange es weiter zum Finanzierungsmodell von Hilfsorganisationen gehört, globale Ungleichheit plakativ zu vermarkten, wirkt die Empörung so, als wäre wohlmeinenden KundInnen ein verdorbenes Produkt angedreht worden. Dabei sollten die Missbrauchsfälle als das verstanden werden, was sie sind: Ausbeutung durch ökonomisch bedingte Machtgefälle, wie sie ständig passiert.

Die Ironie liegt darin, dass ausgerechnet Oxfam im Zentrum der Kritik steht: jene Organisation, die im Januar einen viel beachteten Bericht veröffentlichte, laut dem die acht reichsten Männer des Planeten gleich viel besitzen wie die gesamte ärmere Hälfte der Menschheit. Nun zeigt genau der Oxfam-Skandal einmal mehr auf, dass herkömmliche Entwicklungspolitik an der globalen Ungleichheit nichts ändern wird, solange es keine globalwirtschaftlichen Systemänderungen gibt.