Nr. 08/2018 vom 22.02.2018

Ein Hashtag gegen strukturelle Gewalt

Italienische Filmemacherinnen weisen in einem offenen Brief die Kritik an der #MeToo-Bewegung zurück. Sie erinnern daran, worum es bei der Kampagne geht: um die Sensibilisierung für die Systematik sexueller Übergriffe und ums Empowerment der Betroffenen.

Von Michelle Steinbeck

Nachdem prominente Französinnen die #MeToo-Bewegung als männerhassend und frigide kritisiert haben, melden sich nun Frauen in Italien zu Wort. «Gemeinsam für eine Neugestaltung der Arbeitsräume und für eine Gesellschaft, die über ein neues Gleichgewicht zwischen Frauen und Männern nachdenkt» – mit dieser Forderung beginnt der offene Brief, der kürzlich in der Tageszeitung «La Repubblica» veröffentlicht worden ist. Bisher haben über 120 Frauen aus der Filmbranche unterschrieben. Sie halten darin fest, was der berüchtigte Hashtag zum Ziel hat: sexuelle Belästigung als «universelles Phänomen», als ein «System» zu verstehen: «Es passiert der Sekretärin, der Arbeiterin, der Immigrantin, der Studentin, der Hausfrau. Es ist uns allen in verschiedenen Formen passiert.»

Weiter heisst es: «Sexuelle Belästigung hat nichts zu tun mit dem Spiel der Verführung.» Man kann den Brief also als indirekte Antwort auf den «Aufschrei» der französischen Kolleginnen lesen oder schlicht als längst fällige Reaktion auf das Leben als Frau in einem immer noch zutiefst von Sexismus geprägten Land. Die Schauspielerin Asia Argento kann davon ein Liedchen singen. Sie war damals eine der Ersten, die öffentlich über sexuelle Übergriffe Harvey Weinsteins berichteten. Daraufhin brach besonders in ihrer Heimat Italien ein regelrechter Shitstorm los. Sie wolle sich nur profilieren, meinte die Mehrheit, und: Das gehöre zum Job halt dazu! Der offene Brief bestätigt: Jede arbeitende Frau wird immer wieder vor die Wahl gestellt, sich «daran» zu gewöhnen oder auszusteigen. «Wir zeigen nicht mit dem Finger auf einen einzelnen Missetäter. Wir protestieren gegen das gesamte System.» Argento hat den Brief aus diesem Grund nicht unterschrieben: Allgemeine Missstände zu kritisieren, genüge nicht, meint sie, es müssten Namen genannt werden.

Dafür doppelten wenig später 130 italienische Journalistinnen nach, mit einem Manifest zur Bekämpfung von sexueller Belästigung und Übergriffen am Arbeitsplatz: «Ein tiefer Wandel ist in jedem Bereich unserer Gesellschaft notwendig.» Die Journalistinnen kritisieren ein «Kultursystem, das Frauen diskriminiert, beleidigt und benachteiligt». Sexuelle Nötigung sei lediglich die «brutale Spitze des Eisbergs».

Ein kollektives Gedächtnis

Damit reagieren sie auf #MeToo-KritikerInnen, die sich an der «Vermischung» der strafrechtlich relevanten Fälle und dem gewöhnlichen Alltagssexismus stören. Oder wie es die Französinnen ausdrücken: Eine Vergewaltigung sei «ein Verbrechen», in der Metro von einem fremden Penis «frottiert» zu werden, hingegen ein «Nichtereignis».

Es mag stark und selbstbestimmt erscheinen, diesen alltäglichen Sexismus als unerheblich abzutun. Er ist jedoch Ausdruck eines ausgeprägten Machtverhältnisses, das gerne verdrängt oder auf zuweilen absurde Weise verteidigt wird. Dieses scheint den französischen Berühmtheiten unerlässlich «für die sexuelle Freiheit». Daran etwas ändern zu wollen, vergifte die Beziehung zwischen den Geschlechtern. Die Erotik, so behaupten sie weiter, ginge verloren, würden zu viele Regeln aufgestellt. Dabei hätte doch eine der Verfasserinnen des Briefs, die Domina Catherine Robbe-Grillet, wissen und einwerfen sollen, dass gerade in der BDSM-Praxis Einverständnis und vorab ausgemachte Regeln Voraussetzung für das erotische Spiel sind.

Wenn sich diese Französinnen zur Affektaussage «Sexuelle Gewalt, also Vergewaltigung, ist schlimm, aber (…)» hinreissen lassen, übersehen sie das Entscheidende: Die Leistung von #MeToo liegt nicht nur darin, dass durch den Schneeballeffekt eine Art kollektives digitales Gedächtnis entstanden ist, das sehr vielen den Mut gab, bisher verschwiegenen, persönlich erlebten Missbrauch zu enthüllen. Die Kraft des Hashtags entfaltet sich vor allem darin, dass durch dieses Teilen und Austauschen ein universelles Muster sichtbar gemacht wurde: schweigen und wegsehen.

Wer einen Übergriff erlebt, sucht die Schuld bei sich selbst. Die resultierende Scham – vor anderen, vor sich selbst – verdammte bisher zu peinlichem Schweigen. Erst der Bruch damit zeigt laut den italienischen Filmemacherinnen, «wie sexuelle Belästigung von einer Institution reproduziert wird. Wie sie zu Kultur, gesundem Menschenverstand, zu einer Reihe von Praktiken wird, die wir akzeptieren sollten, weil dies die Art und Weise ist, wie Dinge immer gewesen sind und immer sein werden.»

Kultur infrage gestellt

Das offene Sprechen über sexuelle Gewalt seit #MeToo hat nun in weiten Kreisen bereits einiges geleistet: Empowerment statt Stigmatisierung des «Opfers»; Sensibilisierung all jener, die gewillt sind zuzuhören. Darauf aufbauend bietet es sich an, einen neuen Diskurs zu eröffnen, gerade über Begehren und das Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Doch zu kritisieren, was unsere Kultur ausmacht, macht auch Angst: «Sexuelle Belästigung als System zu benennen und nicht als Krankheit eines Einzelnen, bedeutet, die Reputation unserer Kultur zu bedrohen», heisst es im italienischen Brief weiter.

Es ist unangenehm zu merken, dass unsere Gesellschaft noch nicht so weit ist, wie wir sie gerne hätten: gleich, frei und so weiter. Aber statt ein Scheitern im bisherigen Gleichstellungskampf zuzugeben und anzugehen, werden die Bemühungen, strukturelle Gewalt sichtbar zu machen und sie zu bekämpfen, von allen möglichen Seiten sabotiert. Unter der Flagge des «echten Feminismus» oder der «Freiheit» wird die strukturelle Gewalt durch Relativierung, Shaming und Blaming weiterbetrieben: HeuchlerInnen seien jene, die #MeeToo-Beiträge sharten, aber Lippenstift und High Heels trügen, heisst es. Auf hohem Niveau jammerten alle, die nicht auch die Misshandlungen von Flüchtlingen thematisierten. Und irgendwann folgt immer der unschlagbare Verweis auf die «starke Frau», die es nicht nötig habe, sich als unmündiges «ewiges Opfer» zu degradieren.

Das System entlarven

«Die Missgeschicke, die den Körper einer Frau treffen können, müssen nicht notwendigerweise ihre Würde berühren, und selbst wenn sie manchmal sehr hart sind, müssen sie die Frau genauso wenig in ein ewiges Opfer verwandeln», meinen auch die Französinnen. «Diese Repressionsmaschinerie möchte uns zum Schweigen bringen», entgegnen die Filmemacherinnen aus Italien. «Es ist nun an der Zeit aufzuhören, Angst zu haben», schreiben sie. «Wir sind nicht die Opfer dieses Systems, wir sind jene, die jetzt die Kraft haben, es zu entlarven und zu stürzen.»

Diese Kampfansage gilt nicht den Männern per se oder gar der Erotik: «Wir kennen unsere Lust, die Grenze zwischen Begehren und Missbrauch, Freiheit und Gewalt.» Sie richtet sich gegen strukturelle Gewalt, die alle Geschlechter und Gender treffen kann.

Die Zürcher Autorin Michelle Steinbeck (27) ist derzeit Stipendiatin am Istituto Svizzero in Rom.