Nr. 09/2018 vom 01.03.2018

Warnruf aus dem Süden

Die EU und die Schweiz wollen möglichst bald Freihandelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten abschliessen. Das macht nicht nur Schweizer LandwirtInnen Sorgen – die Folgen wären auch im Süden fatal, sagt ein Agronom aus Paraguay.

Von Bettina Dyttrich

Mit einem Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten bekämen auch Schweizer LandwirtInnen weniger Geld. Im Bild: Biorind in Dietikon bei Zürich. Foto: Ursula Häne

Die EU-Kommission hat es eilig. So bald wie möglich möchte sie ein Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Ländern abschliessen: mit Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay (der Name ist die abgekürzte Bezeichnung für «gemeinsamer Markt Südamerikas»). Der Moment ist günstig: Das chaotische Venezuela wurde letzten Sommer vom Mercosur suspendiert, die anderen vier Länder sind auf wirtschaftsliberalem Kurs. Und weil die EU aufs Gas drückt, pressiert es auch Bundesrat Johann Schneider-Ammann. «Der Mercosur beinhaltet für die Schweizer Gesamtwirtschaft ein sehr hohes Potenzial», sagt Erik Reumann, Pressesprecher des Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF). «Ein zukünftiges Handelsabkommen wird Arbeitsplätze in unserem Land sichern.»

Letzte Woche lud Schneider-Ammann zum «Mercosur-Gipfel». Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbands, verweigerte als einziger Wirtschaftsvertreter die Teilnahme. Ritter ärgert sich über die agrarpolitische «Gesamtschau», die Schneider-Ammann im November präsentierte: Darin propagiert der Bundesrat tiefere Lebensmittelpreise und den Abbau des Grenzschutzes.

Die Sorgen der Schweizer LandwirtInnen sind begründet: Von den bisherigen bilateralen Freihandelsabkommen, etwa mit China, waren sie kaum betroffen. Aus einem Mercosur-Abkommen werden sich Agrargüter aber nicht ausnehmen lassen: Zu wichtig sind sie für die südamerikanischen Länder, die besseren Marktzugang für Rindfleisch, Poulet, Mais oder Ethanol fordern.

Gewinne für wenige

Das günstigste Schweizer Rindfleisch stammt aus der Intensivmast von Tieren, die zwar nicht angebunden sind, aber nie auf die Weide dürfen. Tierfreundlicher ist die Mutterkuhhaltung: Dabei wächst das Kalb bei der Mutter auf und holt sich die Milch selber. Der Branchenorganisation Mutterkuh Schweiz gehören die Labels Natura-Beef und Natura-Veal, die mit strengen Auflagen verbunden sind: Die Tiere leben im Laufstall und haben täglich Auslauf, im Sommerhalbjahr auf der Weide. Soja füttern ist verboten. Ein Mercosur-Abkommen würde die Grenzen für Rindfleischimporte teilweise öffnen – die Schweizer MutterkuhhalterInnen bekämen also direkt Konkurrenz aus Südamerika. Daniel Flückiger, Leiter Kommunikation bei Mutterkuh Schweiz, will sich nicht grundsätzlich dagegenstellen: «Es ist klar, dass die Schweiz auf Handelsabkommen angewiesen ist.»

Ebenso klar ist aber, dass mit einem Mercosur-Abkommen die ProduzentInnenpreise sinken würden: Die «Gesamtschau» prognostizierte letzten Herbst einen Rückgang um achtzehn Prozent beim Rindfleisch, zwölf Prozent beim Poulet. Letzte Woche sprach Schneider-Ammann hingegen nur noch von einer «tiefen einstelligen Prozentzahl bei der Preisreduktion». Ein Manöver, um die LandwirtInnen zu beruhigen?

«Wir informieren so objektiv wie möglich», sagt WBF-Pressesprecher Erik Reumann. «So, wie die Verhandlungen zwischen der EU und Mercosur stehen, wird der Preisabbau voraussichtlich geringer ausfallen, als wir im Herbst dachten.» Man müsse sich jedoch bewusst sein, dass es keine genauen Zahlen gebe. «Mit dem Mercosur-Abkommen wird ein Preisabbau kommen, aber die Grössenordnung kann nur geschätzt werden.» Tiefere Preise würden auch Labels wie Natura-Beef betreffen, sagt Daniel Flückiger von Mutterkuh Schweiz: «Die Qualitätslabels arbeiten mit einem Preisaufschlag auf den Standardpreis: Wenn der Standardpreis sinkt, sinkt also auch der Labelpreis – auch wenn die Nachfrage nach Labelfleisch gut ist.»

Muss die Schweizer Landwirtschaft Einbussen in Kauf nehmen, damit sich die Mercosur-Staaten entwickeln können? Ein Anruf nach Paraguay zeigt: Um internationale Solidarität geht es hier definitiv nicht. Miguel Lovera kritisiert die Freihandelspläne harsch. Der Agronom und Universitätsdozent war Mitglied des Kabinetts von Präsident Fernando Lugo, der 2012 vom Parlament abgesetzt wurde, weil er versucht hatte, der Agroindustrie etwas entgegenzusetzen. Viele sprachen von Putsch.

«Mehr Rindfleisch und Soja verkaufen ist gut für den Agrarsektor – aber der wird von transnationalen Konzernen wie Cargill kontrolliert», sagt Lovera. «Sie zahlen sehr wenig Steuern – und geben kaum jemandem Arbeit. Für Sojaanbau genügt ein Angestellter für fast 800 Hektaren, für Rinderzucht sogar einer für 1200 bis 1500 Hektaren.» Der Reichtum sei sehr ungleich verteilt, und er basiere auf Land: «In Paraguay besitzen eineinhalb bis zwei Prozent der Bevölkerung siebzig bis achtzig Prozent des Landes. Die Gewinne erreichen fast niemanden ausserhalb dieser Schicht. Es gibt sehr wenig Land in öffentlichem Besitz; Paraguay ist wie eine einzige grosse Farm.» Die Exportnachfrage heize die Bodenspekulation an: «Rindfleisch und Soja sind sehr sichere Investitionen. Die Profite sind viel höher als bei einer Bank, besonders in einer Zeit von Negativzinsen.»

Freihandel mit Europa würde die Nachfrage nach Rindfleisch anheizen und all diese Probleme verschärfen, sagt Lovera. Für KleinbäuerInnen würde es noch schwieriger, lebensnotwendiges Land zu erhalten. Dazu komme die Umweltzerstörung: «Im nördlichen Chaco etwa, einem Trockenwaldgebiet, haben wir die wohl höchste Entwaldungsrate der Welt – ungefähr 800 bis 1000 Hektaren pro Tag.» Ausserdem leben dort die Ayoreo, von denen einige bis heute den Kontakt mit der Zivilisation verweigern. «Das Risiko ist gross, dass diese Entwicklung im Genozid endet», warnt Lovera. «Die Produktionsgrundlagen – Land, Wasser und Wald – werden privatisiert, die Schäden hingegen der Gesellschaft aufgebürdet: Entwaldung, erodierte und vergiftete Böden, Klimaerwärmung, Biodiversitätsverlust. Irgendwann werden wir das alles reparieren müssen: das Wasser säubern und wieder Bäume pflanzen.»

Miguel Lovera spricht für Paraguay. Doch vieles betrifft auch die anderen Mercosur-Länder: Das Land ist ungleich verteilt, die industrielle Landwirtschaft vernichtet in verheerendem Tempo Wälder. Und die Rinderzucht entspricht längst nicht mehr den romantischen Gauchobildern: Immer mehr Tiere stehen in Feedlots, riesigen, graslosen Pferchen, in ihrem eigenen Mist. In Brasilien sorgte letztes Jahr ein Gammelfleischskandal für Schlagzeilen, in den auch Präsident Michel Temer involviert war.

Lieber Fleisch importieren?

Für ein Agrarprodukt würde sich mit einem Mercosur-Abkommen wenig ändern: Der Import von Soja zur Tierfütterung ist in der EU und in der Schweiz schon zollfrei. Laut dem Bundesamt für Landwirtschaft importiert die Schweiz rund 280 000 Tonnen Sojaschrot im Jahr, um Schweine, Hühner und Kühe zu füttern. Davon stammt die Hälfte aus dem Mercosur.

Manche Schweizer UmweltschützerInnen hoffen daher auf Agrarfreihandel: Sie fänden es sinnvoller, die Schweiz würde Fleisch aus Südamerika importieren, statt Tiere mit importiertem Futter zu mästen (siehe WOZ Nr. 24/2017). So würde auch der Mist der Tiere, der hierzulande zu umweltschädlichen Stickstoffüberschüssen führt, dort anfallen, wo das Futter der Tiere wächst. Miguel Loveras Bericht zeigt jedoch, dass eine Marktöffnung keinesfalls automatisch zu sinnvollen Kreisläufen führt. Sie befeuert vielmehr hochproblematische, ausbeuterische Systeme. Vielleicht würden mit höheren Fleischimporten die Futterimporte leicht zurückgehen. Vielleicht aber auch nicht, denn wenn der Fleischpreis sinkt, wird die Nachfrage angekurbelt – gegen alle Vernunft, die gebietet, den Fleischkonsum radikal zu reduzieren, wenn die Erde alle Menschen ernähren soll.

Letzte Woche war Olivier De Schutter, der ehemalige Uno-Sonderbotschafter für das Recht auf Nahrung, für den «Wandeltag» der Hilfswerke Brot für alle und Fastenopfer in der Schweiz. «Wir sollten aufhören, das Wachstum des Bruttoinlandprodukts als Leitstern aller Entwicklung zu betrachten», sagt er. «Und stattdessen anerkennen, dass Handelsliberalisierung viele Verlierer produziert.»