Nr. 11/2018 vom 15.03.2018

Mit dem Medienfranken gegen Facebook

Gerade in dem Moment, als die alten Medienhäuser die Plattformökonomie begriffen haben, läutet Blockchain ihr letztes Stündlein ein. Zum Glück!

Von Hansi Voigt

Es gibt solche und solche Visionäre. Nach geschlagener No-Billag-Schlacht stürmten sämtliche Medienakteure vor die Kameras. In wortreicher Deutung führten sie aus, weshalb jetzt alles anders werden müsse, um dann zu erklären, wie es – nach Erfüllung ihrer Partikularinteressen und einem tüchtigen «Abspecken der SRG» – genau gleich weitergehen kann.

Den Vogel schoss der im letzten No-Billag-Halbjahr unsichtbare Schweizer Radio- und TV-Chef «Wo war Ruedi?» Matter ab. Dieser tauchte just am Tag nach der Abstimmung vor seiner verdutzten Belegschaft wieder auf und erklärte, weshalb sich absolut alles ganz grundlegend ändern muss. Einzige Ausnahme: seine Personalie. Damit alles beim Neuen bleibt, steht «Change»-Ruedi deshalb weit übers unmittelbar anstehende Rentenalter hinaus zur Verfügung.

Visionen bis auf den Mars

Keiner bringt grosse Visionen besser auf den Punkt als der Internetastronaut Elon Musk: «Die Regierung auf dem Mars wird als direkte Demokratie funktionieren. Jeder Mann und jede Frau stimmen über jedes Thema ab», erklärte der Prophet fürs Grosse diese Woche in Austin, Texas, beim jährlichen Stelldichein der TechvisionärInnen. Da hat Musk seinen Jüngern zwar genau das vorgestellt, was die Schweiz seit bald 200 Jahren vor sich hin lebt. Aber zugegeben: Wenn es die direkte Demokratie nicht gäbe, man müsste sie erfinden.

Zwei Storys, ein Dilemma: Die Techies entdecken die gesellschaftliche Vision, die die TechnokratInnen zum Stillstand gebracht haben. Aber jetzt einfach eine «What would Elon do?»-Anleitung zu schreiben, ist aus gesellschaftlicher Sicht keine Lösung.

Direkte Demokratie ist eine grosse Sache, die eine grosse Kommunikationsleistung und das stete Bewusstsein um den schmalen Grat zwischen Manipulation und Informiertheit braucht. Das Denken und Weiterentwickeln einer neuen Medienordnung sollten wir so wenig wegdelegieren, wie sich Medienmacher auf völlig unzuverlässige Plattformen wie etwa Facebook dauerhaft verlassen dürfen. Die Plattformen sind als Infrastruktur in der Informationsgesellschaft inzwischen so beherrschend, dass der kanadische Ökonom Nick Srnicek in seinem Buch «Platform Capitalism» bereits anregt, über «Verstaatlichung nachzudenken». Vermutlich bedarf es dieses Eingriffs aber nicht.

Die Hoffnung ist dezentral

Facebook gängelt zwar aktuell die Informationslandschaft und unser Mediensystem in unzulässigem Mass. Die Frage ist aber, wie lange noch. Denn bezüglich der alles beherrschenden Plattformen mit ihrer «The winner takes it all»-Prämisse gibt es ökonomische Hoffnung. Und diese Hoffnung ist dezentral.

Die Blockchaintechnologie und eine etwa auf der Kryptowährung Ethereum basierende, dezentral geregelte Teilhabe an der Wertschöpfung wird auch in der Medienwirtschaft bald wesentlich feiner austarierte Erwerbsmodelle zulassen. Hier müssen jetzt und heute die Überlegungen zu Service public und Medienvielfalt einsetzen.

So wäre es einen Versuch wert, einen Teil der No-Billag-Gelder als Basis für eine Medienwährung zur Verfügung zu stellen und damit einen «Medienfranken» zu lancieren – also ein Token-Netzwerk. Was sonst erst mit grosser Masse funktioniert, würde so bereits zu einem frühen Zeitpunkt stabilisiert. Ausserdem können von Anfang an Anreize im Sinne der Medienvielfalt geschaffen, aber auch der offene Austausch von Inhalten und das Einhalten journalistischer Standards dezentral belohnt werden.

Denn wir haben längst gelernt: Zentral hat keine Chance gegen dezentral. Das war beim «Grossen Brockhaus» gegen Wikipedia so, und auch die jetzt scheinbar allmächtigen Plattformen haben auf lange Sicht den dezentralen Wirtschaftmechanismen mit ihren Smart Contracts wenig entgegenzusetzen. Artikel und Interesse finden dank künstlicher Intelligenz und lernender Systeme zunehmend ohne Plattform und Zwischenhändler zueinander. Die Firmenpolitik von Facebook, die keine Links nach aussen zulässt, wird bald so innovativ wirken wie heute die Paywalls der Verlagshäuser.

Ich werde das in den nächsten fünf Jahren mal Ruedi Matter vorschlagen. Bin schon gespannt, was er dazu meint.

Hansi Voigt (54) war stellvertretender Chefredaktor bei «Cash», arbeitete beim Onlineportal «20 Minuten» und gründete «Watson» mit. Hier schreibt er zu Fragen der Medienzukunft.

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